Hochschulgruppe Uni Konstanz

Kategorie: Kunst & Architektur (Seite 1 von 4)

Zwischen Fähre, Altstadt und Schloss: Ein Tagesausflug nach Meersburg

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Historische Gebäude

Manchmal muss man gar nicht weit fahren, um für ein paar Stunden das Gefühl zu haben, an einem ganz anderen Ort zu sein. Von Konstanz aus eignet sich Meersburg dafür besonders gut: Die Stadt ist schnell erreichbar, liegt direkt am Bodensee und verbindet historische Gassen, kleine Cafés, schöne Ausblicke und Schlossbesuche auf engem Raum.

Unser Ausflug begann am Bahnhof Konstanz. Von dort aus fuhren wir mit dem Bus zur Autofähre und setzten anschließend nach Meersburg über. Die Fährfahrt dauert ungefähr 15 Minuten und ist schon der erste kleine Höhepunkt des Tages. Während man über den Bodensee fährt, kann man die Seeluft genießen und hat einen schönen Blick auf das Wasser und die Umgebung.

Nach der Ankunft in Meersburg führt ein kurzer Fußweg in Richtung Unterstadt. Schon auf dem Weg dorthin merkt man schnell, wie besonders die Lage der Stadt ist: Über den Häusern erhebt sich die Burg, während unten am See die Promenade, Cafés und kleine Läden warten. 

In der Unterstadt angekommen, lohnt es sich, zunächst einfach an der Seepromenade entlangzugehen. Hier reihen sich Cafés, Restaurants und Geschäfte aneinander, und gerade bei gutem Wetter wirkt alles sehr lebendig. Für eine erste Pause bietet sich zum Beispiel das Kaffee Reite an, wo wir uns eine kleine Stärkung gegönnt haben. 

Doch nicht nur die Unterstadt hat schöne Orte zum Verweilen zu bieten. Wer sich auf den Weg in die Oberstadt macht, kommt an vielen kleinen Läden vorbei, in denen man Souvenirs oder Kleinigkeiten entdecken kann. Unterwegs fiel uns außerdem eine Taverne besonders ins Auge: Drachenfeuer. Schon der Name und das Design wecken Interesse und passen gut zu der leicht verwinkelten, fast märchenhaften Atmosphäre der Altstadt. 

Oben angekommen öffnet sich der Blick auf den Marktplatz. Bunte Fassaden, Blumenschmuck, alte Hauswände und die umliegenden Gassen machen diesen Bereich besonders sehenswert. Gerade hier lohnt es sich, nicht nur schnell vorbeizulaufen, sondern sich einen Moment Zeit zu nehmen und die vielen Details an den Gebäuden anzuschauen. 

Wer zwischendurch noch eine Abkühlung oder etwas Süßes braucht, findet auch in der Oberstadt passende Möglichkeiten. Wir machten unter anderem im Café Pop Halt, das sich gut für eine weitere kleine Pause eignet, bevor es weiter zum Schloss geht. 

Ein besonderes Highlight unseres Ausflugs war das Neue Schloss Meersburg. Schon von außen fällt die rosafarbene Fassade mit ihren weißen Verzierungen auf. Für Studierende gibt es einen ermäßigten Eintritt, und der Besuch lohnt sich vor allem, wenn man sich für historische Räume, Architektur und schöne Ausblicke interessiert. 

Im Inneren beeindruckt besonders das Treppenhaus. Der helle Raum, die geschwungene Treppe und das große Deckenfresko machen direkt deutlich, wie repräsentativ das Schloss angelegt ist. Man schaut automatisch nach oben und entdeckt immer neue Details in der Malerei und der Architektur. 

Neben den Schlossräumen lohnt sich auch ein Besuch des Schlossgartens. Von dort aus hat man einen sehr schönen Blick über Meersburg, die Dächer der Stadt und den Bodensee. Bei klarer Sicht kann man sogar bis auf die andere Seite des Sees schauen – und mit etwas Orientierung auch in Richtung Konstanz. 

Direkt beim Schloss befindet sich außerdem die Schlosskirche, die man betreten und besichtigen kann. Besonders eindrucksvoll sind hier die Rokoko-Ausstattung, die Deckenmalereien und die vielen dekorativen Details. Nach dem Spaziergang durch die Stadt wirkt der Kirchenraum noch einmal wie ein ruhiger, fast überraschender Abschluss des Schlossbesuchs. 

Und hier endet auch schon unser kleiner Ausflug nach Meersburg. Die Stadt eignet sich perfekt für einen entspannten Tagesausflug, weil sich vieles gut zu Fuß erkunden lässt und man unterwegs immer wieder schöne Ecken entdeckt. Gerade die Mischung aus Bodensee, historischer Altstadt und gemütlichen Cafés hat den Tag für uns besonders schön gemacht. Wer also Lust auf einen kurzen Tapetenwechsel am Bodensee hat, ist in Meersburg genau richtig. 

@photos by kws

Zwischen Weiß und Grau: Warum leise Kunst lange nachwirkt

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Deutsch, Kunst im öffentlichen Raum

Beim Betreten eines Ausstellungsraums fällt der Blick oft zuerst auf die imposantesten, lautesten oder buntesten Werke. Auffällige Farben, großformatige Werke oder spektakuläre Installationen ziehen die Aufmerksamkeit meist automatisch auf sich. Doch was passiert, wenn genau das fehlt? Wenn eine Ausstellung stattdessen dazu einlädt, den Blick zu entschleunigen und auf Unaufdringlichkeit setzt?

Genau hier setzt die aktuelle Ausstellung „WEISS AUCH, GRAU, VIELLEICHT SCHILLERND“ im Kunstverein Konstanz im Kulturzentrum am Münster an.

Die Ausstellung ist dort vom 25.07.2026 bis 20.09.2026 zu sehen und zeigt Arbeiten von Christiane Dessecker, Katharina Hinsberg, Leonie Mertes und Jaeyun Moon. Obwohl jede der vier Künstlerinnen eine eigene Bildsprache entwickelt, verbindet sie die Auseinandersetzung mit dem Medium Zeichnung. Dabei wird diese nicht nur als Linie auf Papier verstanden, sondern auch als Geste, Struktur und körperliche Bewegung.

Zu Beginn macht der Titel der Ausstellung einen subtilen Eindruck. Weiß und Grau gelten eher als neutrale Farben: minimalistisch, beinahe unscheinbar. Gerade darin liegt jedoch eine fesselnde Fragestellung: Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn die Farbe nicht mehr im Mittelpunkt steht? Wie viel Aufmerksamkeit braucht ein Kunstwerk, bevor sich seine Wirkung entfaltet?
Nicht jedes Werk erschließt sich auf den ersten Blick. Manche Arbeiten entfalten ihre Wirkung erst nach und nach und fordern dazu auf, länger stehen zu bleiben. Gerade darin liegt eine besondere Qualität zeitgenössischer Kunst: Sie gibt selten eindeutige Antworten, sondern eröffnet Raum für unterschiedliche Perspektiven und individuelle Wahrnehmungen. Dabei stellt sich fast automatisch die Frage, was wir eigentlich von einer Ausstellung erwarten – eine klare Botschaft oder vielleicht einfach die Gelegenheit, genauer hinzusehen?

Die Ausstellung zeigt, dass zeitgenössische Kunst weder laut noch spektakulär sein muss, um zum Nachdenken anzuregen. Vieles sieht man hier erst nach genauerem Hinsehen: Licht verändert Oberflächen, Materialien beginnen je nach Blickwinkel zu schimmern und kleine Details treten langsam hervor. Was zunächst schlicht wirkt, entwickelt mit der Zeit eine überraschende Dynamik. Besonders eindrücklich erscheint in diesem Zusammenhang die Arbeit von Christiane Dessecker. Während der Corona-Pandemie hielt sie das tägliche Infektionsgeschehen zeichnerisch fest und arbeitete je nach Höhe der Fallzahlen mit unterschiedlich harten Bleistiften. Weiche Linien stehen für Verletzlichkeit und Unsicherheit, härtere Striche für Hoffnung und Zuversicht. Eine großformatige Arbeit, die nicht nur Zahlen festhält, sondern auch die emotionale Erfahrung einer Zeit sichtbar macht, deren Nachwirkungen bis heute zu spüren sind.

Im Alltag entscheiden oft nur wenige Sekunden darüber, ob wir einem Bild Aufmerksamkeit schenken oder weiterscrollen. Umso ungewohnter wirkt eine Ausstellung, die genau das Gegenteil verlangt: Zeit. Manche Werke entfalten ihre Wirkung erst dann, wenn der Blick verweilt. Es werden keine vorgefertigten Antworten geliefert, sondern die Möglichkeit eröffnet, die eigene Wahrnehmung neu zu entdecken.

Zwischen Zeichnung, Material, Bewegung und schillernden Nuancen entsteht ein Raum, der weniger erklärt als zum genauen Hinsehen einlädt und gerade genau deshalb lange nachwirkt.

Was wäre Konstanz ohne Kunst? Ein Gedankenexperiment

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Deutsch, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Dieses Foto existiert eigentlich nicht.

Unterführung am Seerhein in Konstanz ohne Graffiti als KI-gestützte Visualisierung.

KI-gestützte Visualisierung eines realen Ortes in Konstanz. Ausgangsfoto: @KWS

Das Foto zeigt die Unterführung an der Schänzlebrücke am Seerhein. Zumindest fast. Die Graffiti wurden aus dem Bild entfernt, die Wände sind leer. Übrig bleiben Beton, Geländer und Schatten.

Der Ort funktioniert auch so. Es gibt nichts was unbedingt fehlt.

Und trotzdem wirkt er anders. Irgendwie leiser.

Also habe ich mich gefragt: Was wäre Konstanz ohne Kunst?

In Wirklichkeit sind die Wände und Pfeiler der Unterführung voller Graffiti. Es kommen zwar immer wieder neue Werke hinzu, werden übermalt oder ergänzt. Aber wenn man hier öfter vorbeiläuft, schaut man wahrscheinlich irgendwann gar nicht mehr richtig hin. Die Motive werden einfach zu einem Teil des Ortes.

Unterführung am Seerhein in Konstanz mit bunten Graffiti an den Betonwänden.

Originalaufnahme der Unterführung @KWS

Erst als ich die Graffiti aus dem Bild entfernt hatte, ist mir aufgefallen, wie sehr sie den Ort eigentlich prägen. Dabei muss nicht jedes einzelne Motiv besonders schön oder bedeutungsvoll sein. Aber zusammen verleihen die Farben und Formen einer ganz normalen Unterführung Charakter.

Kunst, die wir oft übersehen

Mit dieser Frage im Kopf bin ich weiter durch Konstanz gelaufen und habe genauer hingeschaut. Am Ende waren es gar nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, sondern eher die Dinge, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte und mir ganz zufällig begegnet sind.

Ein gemaltes Plakat von einem anatomischen Herz an einer Laterne am Seerhein.

Foto @KWS

An einer Laterne ein selbst gemaltes anatomisches Herz in Form eines Plakats. Ohne Namen, ohne Erklärung und ohne Hinweis darauf, wer es dort angebracht hatte. Es war einfach da und auffällig genug, dass ich kurz stehen blieb.

Paar Schuhe, das über einem Ast am Seerhein hängt.

Foto @KWS

Auf der anderen Rheinseite entdeckte ich später ein Paar Schuhe, die in einem Baum hingen. Von wem sie stammen und warum sie dort gelandet sind, blieb genauso unklar. Ob bewusste Aktion, Scherz oder einfach ein Gegenstand am falschen Ort – eindeutig einordnen ließ es sich nicht.

Ob das nun Kunst ist oder nicht, war für mich irgendwann gar nicht mehr so wichtig. Spannender fand ich, was solche Dinge mit einem Ort machen: Sie reißen einen kurz aus dem Gewohnten. Man schaut genauer hin, blickt nach oben und fängt automatisch an, sich eine Geschichte dazu auszudenken. Ab diesem Punkt hat es mich eher beschäftigt, ab wann etwas einen Ort so verändert, dass wir ihn plötzlich anders wahrnehmen.

Spuren einer Stadt

Je länger ich durch die Stadt lief, desto mehr solcher Spuren fielen mir auf: Sticker an Laternen und Mülleimern, bemalte Pfeiler und Aufkleber, die so oft überklebt worden waren, dass man manche kaum noch erkennen konnte.

Sticker und kleine künstlerische Spuren an einer Wand in Konstanz.

Foto @KWS

Sticker, Tags und kleine künstlerische Spuren an einem Mülleimer in Konstanz.

Foto @KWS

Nicht alles davon wurde angebracht, um Kunst zu sein. Nicht alles ist erlaubt, und nicht alles gefällt jedem. Trotzdem wird daran deutlich, dass der öffentliche Raum nicht nur durch Architektur und Stadtplanung geprägt wird. Menschen nutzen ihn, verändern ihn und hinterlassen Spuren und Botschaften.

Solche Spuren verändern sich ständig. Sticker werden überklebt, Graffiti übermalt und Zeichen irgendwann entfernt. Eine Wand wird dadurch nicht zu einem abgeschlossenen Werk, sondern verändert sich immer weiter. Unterschiedliche Stimmen liegen übereinander – manchmal lesbar, manchmal nur noch als Farbe, Kleberest oder abgerissene Papierkante.

Graffiti auf einem Pfeiler der Fahrradbrücke.

Foto @KWS

Unter der Fahrradbrücke fiel mir zwischen den vielen Schriftzügen besonders ein Wort auf: HEIMAT.

Irgendwie passte es genau an diesen Ort. Eine Stadt wird schließlich nicht nur durch ihre Gebäude, Straßen und Wahrzeichen vertraut. Dazu gehören auch die Dinge, die nie geplant waren: ein bestimmtes Graffiti, eine beklebte Laterne oder eine Bank, deren Tags man schon so oft gesehen hat, dass man sie wahrscheinlich erst bemerken würde, wenn sie plötzlich weg wären.

Junge Frau auf einer bemalten Bank.

Foto @KWS

Auf genau so einer Bank am Seerhein saß eine junge Frau, bedeckt von Tags und Schriftzügen. Die Bank wurde ganz selbstverständlich benutzt, als würden die Bemalungen einfach dazugehören. Das Interessante daran: Diese Spuren existieren nicht getrennt vom Alltag. Menschen sitzen darauf und laufen täglich daran vorbei. Irgendwann gehören sie so sehr zum Ort, dass man es kaum noch hinterfragt.

Die Kunst, die jeder kennt

Nach all den Stickern, Graffiti und kleinen Fundstücken rückten die bekannten Kunstwerke der Stadt fast ein bisschen in der Hintergrund.

Wandmalerei an der Marktstätte in Konstanz.

Foto @KWS

Kind sitzt auf der Pferdeskulptur neben dem Brunnen auf der Marktstätte.

Foto @KWS

Auf der Marktstätte fiel mir besonders die Pferdeskulptur am Brunnen auf. Ein Kind saß auf ihrem Rücken. Für diesen Moment war sie nicht nur ein Kunstwerk, sondern einfach Teil des Spiels. Gerade das zeigt, wie sehr solche Skulpturen zum Alltag gehören: Sie werden nicht nur angeschaut, sondern angefasst, benutzt und ganz nebenbei mit Erinnerungen verbunden.

Die Imperia im Hafen in Konstanz

Foto @KWS

Auch die Imperia gehört so fest zum Konstanzer Hafen, dass man sich den Ort ohne sie kaum vorstellen könnte. Würde sie plötzlich verschwinden, würde es wahrscheinlich sofort jeder der auf die Weiten des Bodensees schaut, bemerken. Bei einem Sticker, einem Tag oder dem gemalten Herz an der Laterne wäre das anders. Trotzdem verändern auch diese kleinen Dinge ihre Umgebung, nur für eine begrenzte Zeit.

Genau dieser Gegensatz blieb mir auch nach dem Spaziergang im Kopf: Auf der einen Seite stehen Kunstwerke mit Titel, Künstlername und einem festen Platz in der Stadt. Auf der anderen Seite gibt es anonyme Bilder, Schriftzüge und Gegenstände, von denen niemand genau weiß, wer sie hinterlassen hat oder wie lange sie bleiben.

Beides gehört zu Konstanz. Nur auf ganz unterschiedliche Weise.

Ein anderer Blick auf Konstanz

Die Unterführung bleibt also dieselbe: Beton, Geländer, Rampe und Schatten. Nur die Graffiti fehlen.

Und trotzdem wirkt der Ort plötzlich austauschbar.

Das Gedankenexperiment hat mir am Ende weniger gezeigt, wie Konstanz ohne Kunst aussehen würde, sondern eher, wie viel davon im Alltag längst untergeht. Dabei geht es nicht nur um bekannte Skulpturen oder Fassaden, sondern genauso um die kleinen Spuren die von Bewohnern und Besuchern hinterlassen werden.

Nicht alles davon muss eindeutig Kunst sein. Aber all diese Dinge verändern, wie wir einen Ort wahrnehmen. Sie machen ihn unverkennbar zu dieser bestimmten Stadt.

Rote Skulpturen an der Schweizer Grenze.

Foto @KWS

Ich bin losgezogen, um Kunst in Konstanz zu suchen.

Am Ende stellte sich nicht mehr die Frage, wo sie ist.

Sondern wo sie eigentlich nicht ist.

hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum: Teil 2

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Nachdem wir im ersten Teil unserer Tour die Schweizer Seite des Untersees erkundet hatten, ging es für uns mit der Fähre von Steckborn weiter nach Gaienhofen. Schon die Überfahrt war ein kleines Erlebnis für sich. Bei angenehmer Seeluft und einer leichten Brise bot sich vom Wasser aus ein wunderschöner Blick auf den Untersee und seine Ufer. Die ruhige Fahrt war nach unserer bisherigen Wanderung eine willkommene Pause und zugleich ein besonders idyllischer Übergang von der Schweizer auf die deutsche Seite der Ausstellung. 

Direkt in der Nähe des Hafens von Gaienhofen starteten wir unsere weitere Erkundungstour mit einer Arbeit von Ursula Rutishauser. Sie ist Teil der vierteiligen Werkreihe 4 Positionen: „anders weiter“ | „anders denken“ | „weiter gehen“ | „sich verstehen“. Leider konnten wir die Arbeit nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form sehen, da vor Ort nur noch ein Teil der Befestigung beziehungsweise die verbliebene Schnur vorhanden war.

Bei einer Ausstellung unter freiem Himmel lassen sich Witterungseinflüsse und Unwetter natürlich nicht vollständig vorhersehen, sodass auch die Kunstwerke selbst Spuren davontragen oder beschädigt werden können. Anders als bei der mutwilligen Zerstörung, auf die wir zuvor in Berlingen gestoßen waren, gehört diese Unvorhersehbarkeit zu den besonderen Herausforderungen einer Freiluftausstellung.

Von dort aus ging es direkt weiter zu einer Installation von Boris Petrovsky. Doch auch hier verlief unser Besuch anders als erwartet: Wir standen plötzlich vor einem verschlossenen Tor. Zunächst versuchten wir, das Werk von außerhalb zu erkennen und fotografisch festzuhalten, konnten jedoch nur einen kleinen Teil davon sehen. Wir sahen uns in der Umgebung noch nach einem alternativen Zugang um, mussten schließlich aber feststellen, dass wir auf diesem Weg nicht weiterkamen.

Die Installation spielt mit der Idee einer Kommunikation über das Wasser. Die sogenannten Fluchtstäbe greifen das Prinzip des Semaphors auf, also der Signalübermittlung durch bewegte Stäbe, und senden so symbolisch Signale von Ufer zu Ufer. Wer das Werk näher betrachten möchte, hat im Rahmen einer Führung die Möglichkeit, Zugang zum Gelände zu erhalten.

Da wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Stunden unterwegs waren, legten wir anschließend eine wohlverdiente Mittagspause im Restaurant Zum Fährmann ein. Das Restaurant erwies sich als besonders schöne Zwischenstation: gemütlich, preiswert und vor allem sehr lecker. Von der Vorspeise bis zum Dessert hat uns das Essen ausgezeichnet geschmeckt. Das Hauptgericht war sogar so gut, dass wir erst danach bemerkten, dass wir völlig vergessen hatten, ein Foto davon zu machen.

Gut gestärkt setzten wir unsere Wanderung fort und machten uns auf den Weg zu einer weiteren Arbeit von Rebecca Koellner. Wie bereits auf der Schweizer Seite begegneten wir hier einem auf Baumrinde aufgetragenen Text. Die Arbeit versteht sich als Dialog aus der Perspektive der Bäume und verändert sich mit der Zeit und ihrer Umgebung.

Anschließend führte uns unsere Route weiter zu einem Projekt von Miriam Rutherfoord und Joke Schmidt, das sich in der Tourist-Information befindet. Besonders hilfreich waren dabei die Wegweiser im Ort, die Besucher/innen in die richtige Richtung führten. Nach den vorherigen Schwierigkeiten bei der Suche nach einzelnen Arbeiten war es angenehm, diesmal ganz unkompliziert zum nächsten Ziel geleitet zu werden.

Bei dem Projekt handelt es sich um ein 5.40 minütiges, tonloses Video, das aus analogen Fotografien besteht.

Danach ging es weiter zu den Arbeiten von Frank Altmann. Die farbig bemalten Holzobjekte, die an Vogelhäuschen erinnern, waren vergleichsweise schnell und leicht zu finden. Hinter ihrer zunächst spielerischen Erscheinung steckt die Frage, wie Kunst überhaupt bewertet werden kann und was von den Ideen der Moderne übrig bleibt.

Unser nächstes Ziel war Anna von Siebenthals Installation Grenzverbindung. Die aus Seilen und Holzpfosten bestehende Arbeit verbindet Geschichte und Handwerk miteinander. Ausgangspunkt ist der sogenannte Overlock-Stich, der Kanten miteinander verbindet und zugleich säubert. In der Installation werden dessen Fäden in Seile übersetzt und als räumliche Zeichnung in die Landschaft übertragen. Gleichzeitig verweist die Arbeit auf frühere Pendler/innen und versteht das Gewässer nicht als trennende Grenze, sondern als verbindende Übergangszone.

Danach machten wir uns auf die Suche nach einer weiteren Arbeit von Ursula Rutishauser. Trotz längerer Suche konnten wir den richtigen Zugang zunächst nicht finden und mussten schließlich weiterziehen, um noch unser letztes Ziel zu erreichen und die Fähre nicht zu verpassen. Inzwischen wurden zusätzliche Markierungen angebracht, durch die der Trampelpfad zum Werk leichter zu finden sein soll.

Zum Abschluss unserer Tour besuchten wir Patricia Buchers Arbeit Jede Seite hat zwei Medaillen. Das Werk verbindet eine stabile Fachwerkstruktur mit Ruderelementen und greift damit einen deutlichen Gegensatz auf: Auf der einen Seite stehen Schutz, Sicherheit und die Geborgenheit eines Zuhauses, auf der anderen die schwierige Überquerung des Sees. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Getriebenheit und dem Wunsch nach Ankommen und Geborgenheit.

Auch der Standort dieser letzten Arbeit erwies sich als besonders schön. Von dort aus bot sich eine beeindruckende Aussicht über die umliegende Landschaft und den Untersee – ein passender Abschluss für unseren langen Tag zwischen Kunst, Wanderung und den beiden Ufern.

Nach vielen Kilometern zu Fuß, mehreren unerwarteten Hindernissen und zahlreichen Kunstwerken endete damit unsere Entdeckungstour auf der deutschen Seite des Untersees. Gerade die Verbindung aus Wanderung, Fährfahrt, Landschaft und Kunst macht „hänne und dänne“ zu einer besonderen Form der Ausstellung. Die Werke begegnen einem nicht in abgeschlossenen Museumsräumen, sondern unterwegs – manchmal gut sichtbar, manchmal versteckt und, wie wir selbst erfahren haben, gelegentlich auch schwieriger zu finden als erwartet.

Auch wenn nicht alles wie geplant verlief, machte genau das den Ausflug authentisch. Am Ende blieb vor allem der Eindruck eines gelungenen Projekts, das den Untersee aus einer ganz neuen Perspektive erlebbar macht.

Wer jetzt selbst Lust auf eine Entdeckungstour bekommen hat, findet auf der Website von hänne und dänne weitere Informationen zur Ausstellung, zu Führungen und möglichen Routen.

Weitere Informationen unter:
https://haenne-und-daenne.ch/

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September 2026 geöffnet.

@photos by kws

 

hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum: Teil 1

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Wann wart ihr das letzte Mal in einer Kunstausstellung, ohne ein Museum zu betreten?

Genau das macht das Projekt „hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum“ möglich. Seit Anfang Mai verwandeln 25 Kunstwerke die Region rund um den Untersee in eine Ausstellung unter freiem Himmel. Zwischen Berlingen, Steckborn, Gaienhofen und Hemmenhofen begegnet man Skulpturen, Installationen und konzeptionellen Arbeiten, die nicht hinter Absperrungen, sondern entlang öffentlicher Wege, direkt in die Landschaft eingebettet sind. Die Ausstellung verbindet dabei nicht nur verschiedene Orte, sondern auch die beiden Ufer des Untersees – Deutschland und die Schweiz.

Als wir von dem Projekt hörten, stand schnell fest: Das klingt nach dem perfekten Tagesausflug von Konstanz aus. Also planten wir unsere Route, schauten uns Zug- und Fährverbindungen an und überlegten, wie viel Zeit wir für den Rundweg einplanen sollten. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, den Tag individuell zu gestalten. Auf der Website von hänne und dänne finden sich verschiedene Routenvorschläge und Empfehlungen für Rundfahrten, sodass man die Ausstellung ganz nach den eigenen Interessen erkunden kann.

Am Vormittag machten wir uns von Konstanz aus mit dem Zug auf den Weg nach Berlingen, wo wir gegen 10 Uhr ankamen. Vom Bahnhof aus ging es für uns zuerst direkt zum Hafen. Der Weg entlang des Ufers ist ruhig, nur vereinzelt sind Menschen unterwegs, manche bereits beim Schwimmen im See. Am Hafen selbst findet man auch die erste Arbeit der Freiluft-Ausstellung. Leider mussten wir dort erfahren, dass die Installation von Felix Stöckle mit dem Titel …S .-A .-..L ..-Ü mutwillig zerstört wurde. Trotzdem war es ein schöner Ort, um unsere Erkundungstour zu beginnen. Wer zur richtigen Zeit am Wochenende dort ist, kann in Berlingen außerdem das Adolf-Dietrich-Haus besuchen.

Von Berlingen aus folgten wir dem Weg Richtung Steckborn. Der Pfad durch die Weinberge dauert ungefähr eine Stunde und eröffnet unterwegs immer wieder schöne Ausblicke auf den Untersee. Vorbei an grasenden Kühen entdeckt man zwischendurch immer wieder Kunstwerke, die sich ganz selbstverständlich in die Landschaft einfügen. Ein Beispiel dafür sind die Flugblätter von Ursula Rutishauser. An verschiedenen Stellen hängen scheinbar lose Papierblätter zwischen den Bäumen, die auf den ersten Blick vom Wind verweht wirken. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass sie aus Stahl gefertigt sind. Man hat fast das Gefühl, dass sie zwischen den Ufern hin und her getragen werden und dabei eine Verbindung über die Grenze hinweg entstehen lassen.

In Steckborn angekommen nutzten wir die Zeit vor unserer Fähre nach Gaienhofen, die um 12 Uhr ablegte, um die dortigen Arbeiten zu erkunden. Der Weg führt direkt am See entlang bis zum Phönixtheater.

Unterwegs sahen wir unter anderem den illusionistischen Steg von Gianin Conrad, eine temporäre Konstruktion aus Holz und Stahl, die aus einer bestimmten Perspektive wie ein echter Steg wirkt. Die Arbeit spielt bewusst mit der Wahrnehmung und erinnert in ihrer Konstruktion an die räumlichen Illusionen von M. C. Escher. Je nach Standpunkt scheint der Steg das deutsche Ufer mit Steckborn zu verbinden und hebt damit die Grenze zwischen den beiden Seiten des Sees scheinbar auf. 

Ebenfalls auf dem Weg liegt Dialog von Rebecca Koellner, ein auf Baumrinde aufgetragener Text, der als poetischer Austausch zwischen den Ufern gedacht ist. Durch den Einsatz von Baumschutzpaste und Nachleuchtfarbe bleibt die Arbeit bewusst fragil und reagiert auf Wetter, Zeit und das Wachstum des Baumes selbst.

Fahrt mit der Fähre über den Untersee mit Blick auf Gaienhofen

Nach unserer Zeit in Steckborn ging es für uns mit der Fähre hinüber auf die deutsche Seite des Untersees. Wie sich der zweite Teil unserer Entdeckungstour dort weiterentwickelt hat, folgt in einem weiteren Beitrag nächsten Sonntag.

 

Weitere Informationen unter:

https://haenne-und-daenne.ch/ 

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September 2026 geöffnet.

@photos by kws

Die Wahrheit (und so viele Lügen) Jan Hus und seine Lehren: Wie er die Lügen der Kirche enttarnte oder es zumindest versuchte und wie die Installation “Wahrheit” zum Nachdenken anregt.

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken, Kulturell, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Wie im letzten Beitrag schon angeschnitten, geht es heute um Wahrheit. Hus’ Lehre, also die Ansichten die er vertrat und predigte, Schriften zu anfertigte und für seine Wahrheit hielt, orientierte sich viel an John Wyclifs Anschauungen.

Wyclif war ein Engländer, der ebenfalls Kirchenreformer war, allerdings etwa zu Hus’ Geburt starb. Er setzte sich angesichts des sich unchristlich verhaltenden Klerus gegen den Machtanspruch des Papstamtes über nicht-kirchliche Belange ein, forderte Gnädigkeit statt Urteilsbildung und vertrat die Meinung, Mitarbeiter der Kirche sollten ein asketisches Leben führen statt im angehäuften Reichtum zu schlemmen. Ironischerweise verstieß er selbst gegen diese Auffassung. Während er in den 1370ern den offenen Prozess gegen den Papst noch gewann, und damit auch Anhänger seiner Lehren generierte, wurden 1382 seine Schriften ketzerisch verurteilt, was seinem Amt und Ruf schädigte. In den letzten Jahren vor seinem Tod vollendete er eine (nicht nur von ihm geführte) Sammlung Bibelübersetzungen und starb 1384. Hus war da etwa 12 Jahre alt. Wyclifs geistiges Vermächtnis zog eine kleine Schar Anhänger nach sich, die jedoch um die Jahrhundertwende stärker verfolgt und zum Rückzug in den Untergrund gezwungen wurden.

Nach einem Lehramtsstudium kam Hus mit Wyclifs Lehren in Berührung, die ihm zusagten. Das motivierte ihn schließlich zu einem Theologiestudium, und so wurde er nach Anbruch des neuen Jahrhunderts Priester. Auch er verurteilte den verschwenderischen Lebensstil des Klerus und bezeichnete sie als Räuber und Unterdrücker, obwohl sie Beschützer und Schenker sein sollten. Seiner Auffassung nach sei Kirche mehr eine geistliche Gemeinschaft und nicht zwingend mit der Institution gleichzusetzen, da das Verhalten einer Person über ihre Zugehörigkeit entscheide und nicht die Mitgliedschaft an sich. Heute ist es geläufig in ‘Glauben (christliche Ideologie)’ und ‘Kirche (Institution)’ zu unterscheiden, damals lief alles unter einem Hut. Jan Hus lehnte Ablassbriefe ab, verurteilte die Forderung von Geschenken im Gegenzug zu priesterlichen Diensten und kritisierte fingierte Wunder Gottes. Generell vertrat er die Ansicht, Mitglieder der Institution hätten sich zu verhalten wie sie selbst predigten, und wären nach gleichen Mitteln zu verurteilen, sollten sie selbst sündigen. Hus war ein Gegner der kirchlichen Autorität über die heilige Schrift, und indem Proklamationen durch die Autorität der Institution statt der heiligen Schrift getätigt würden, lasse man absichtlich das Volk über die Wahrheit im Dunkeln. So predigte und sang er zum Beispiel seit 1402 die Gottesdienste in Landessprache statt Latein.

Im Großen und Ganzen kritisierte Hus, dass der Klerus sich unchristlich verhielt und damit davonkam, dass das Volk ausgenutzt und nach Strich und Faden für den eigenen Gewinn belogen wurde und nur die gut situierten Bürger:innen im Volk in den Genuss der wenigen kirchlichen Leistungen kommen konnten. Aus heutiger Perspektive nicht mehr so innovativ, war damals die Kritik des mächtigsten Unternehmens des Mittelalters ein gewagtes Unterfangen, das kritischen Stimmen wie Hus und Hieronymus den unfreiwilligen Tod einbrachte, obwohl sie nur die Wahrheit verkündeten.

Die Installation ‘Wahrheit’ am Stephansplatz wirft die Frage um die Wahrheit auf.

Was ist die ‘Wahrheit’?

Wir befinden uns vor dem Bürgersaal. Die Verbindungsstraße zwischen dem Stephansplatz, der als Parkplatz, Wochenmarkt und Veranstaltungsort für Volksfestigkeiten dient, und der Laube, die seit der Umsetzung des C-Konzepts im Innenstadtring als Hauptstraße für PKWs gilt, wird von allen Verkehrsteilnehmern regelmäßig genutzt. Nur Ansätze an der Häuserfassade erinnern an die architektonische Vergangenheit des Bürgersaals. Aufbereitete Stützenreliefs zieren die Wand des ehemaligen Klosters. Neben dem fulminanten Eingang des Bürgersaals ragen acht Stahltableaus aus der Wand, in unregelmäßiger Platzierung wie eine Leiter auf Koffein. In diesem Gebäude wurde Hus eine Zeit lang festgehalten, als er Konstanz besuchte. (Das bunte Relief an der Stirnseite zum Stephansplatz hängt inhaltlich und historisch nicht mit Jan Hus zusammen, ‘Wahrheit’ ist um einige Jahre neuer als das Hecker-Relief). Die Stahlplatten haben die Buchstaben des Wortes ausgefräst und sind quer zur Wand befestigt, die unterste Kante ziert die Inschrift “JAN HUS 06/07 1415/2015”, die Unterseite trägt die Namen der Künstler. Wenn man schonmal da unten ist, lohnt sich auch gleich der Blick nach oben. Dabei fällt auf, dass die Buchstaben nicht gerade ausgeschnitten wurden, sondern leicht schräg. Der Winkel hat einen ganz bestimmten Grund, der sich erst offenbart, wenn die Sonne scheint: Die Westwand wird von der Nachmittags- und Abendsonne gestreichelt und wirft Schatten und Licht auf die Fassade. In leuchtenden Lettern strahlt “Wahrheit” einem entgegen. Aber nicht gerade, nein, sondern schräg. Die Wahrheit ist verzerrt, verquer, störend. Sie ist lesbar, aber mit einem Fragezeichen, mit Unsicherheit. Bedeutungsschwanger und fast schon drohend weist sie darauf hin, wie jemand die Macht hat, die Wahrheit zu lenken, wie sie nicht objektiv, ja, nicht einmal wahr sein muss. Hus’ Lehre drehte sich um Wahrheit, Freiheit und Machtmissbrauch, er wollte sichtbar machen, wie diejenigen, die angeblich Wahrheit wiedergeben, sie überschreiben, sie verbiegen. Von oben herab diktieren. Von oben kommt auch das Licht, ohne das man die Wahrheit nicht so leicht erkennen kann.

Einen Zeitraum im Jahr jedoch, kurz vor und nach der Sommersonnenwende, ist die Wahrheit gerade. Vom 6. Juni bis zum 6. Juli, dem Zeitraum, in dem Hus Gefangener des Klosters war, entfaltet das Kunstwerk seine gesamte Schönheit, bis an Hus’ Todestag die Abschrägung erneut ihren Zyklus beginnt. Bis zum Ende hätte er seine Lehren widerrufen können, bis er tatsächlich angezündet wurde. Er weigerte sich jedoch vehement, was ihn zum Märtyrer der Wahrheit machte.

In Prag gibt es eine Zwillingsinstallation zu der Wahrheit am Stephansplatz, mit dem korrespondierenden Worten “Za Pravdu” – Für die Wahrheit. Dort wird auf sehr direkte Weise die Bedeutung des Kunstwerks unterstrichen.

Zu guter Letzt ist die Wahrheit nur bei wolkenfreiem Wetter zu erkennen, wenn die Sonne hilft. Obwohl, man kann sich auch direkt an die Hauswand stellen und von unten darauf schauen, denn eigentlich ist die “Wahrheit” immer da. Nur manchmal etwas schwer zu erkennen.

Blick auf die Südwand des Bürgersaals. Die verschobene Anordnung der Stahltableaus lässt mit ein wenig Fantasie die Buchstaben aufleuchten, stark verzerrt durch die Position der Sonne.

So sieht die ‘Wahrheit an einem sonnigen Tag Mitte April aus.     (@photo by KWS)

Im letzten Beitrag haben wir uns das älteste Hus-Denkmal angsschaut, was einige Zeit und einen vehementen Bürgermeister gebraucht hat um erlaubt zu werden.

➔ Hier geht es zum letzten Beitrag

Im nächsten Beitrag laufen wir von hier los Richtung Laube und schauen uns das neuste Denkmal unserer Reihe an. Eine Interpretation rund um den “Kelch”, den Ablauf der Verbrennung, Verurteilung und was die Stadt Konstanz dazu zu sagen hat.

Konstanzer Rathaus

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Historische Gebäude, Kunst & Architektur

Mitten in der Konstanzer Altstadt erhebt sich ein Gebäude, das täglich von unzähligen Menschen passiert wird. Umgeben von den historischen Häusern der Innenstadt und geschmückt mit einer imposanten Wandmalerei zieht es immer wieder die Blicke von Passant*innen auf sich. Doch was verbirgt sich hinter diesem eindrucksvollen architektonischen Bau?

Historie vom Rathaus

Das Konstanzer Rathaus blickt auf eine lange Geschichte zurück, die eng mit der Entwicklung der Stadt verknüpft ist. Ursprünglich diente das Gebäude im Jahre 1478, unter dem Namen „Alte Salzscheibe“, als Zunfthaus bis es nach Auflösung der Zünfte 1559 zunächst als Bildungsstätte für Latein verwendet wurde. Im Jahr 1592 erwarb die Stadt das Anwesen und erweiterte es schrittweise zum heutigen Rathauskomplex. In den folgenden 250 Jahren befand sich hier die Stadtkanzlei und damit das administrative Zentrum von Konstanz.

Stilelemente der Renaissance

Besonders bemerkenswert ist das Rückgebäude im Innenhof, das im Stil der venezianischen Renaissance gestaltet wurde. Prägend für diese Architektur sind die Prinzipien der Harmonie und Symmetrie, die auf den Idealen der Antike basieren. Auffällig sind vor allem die beiden Ecktürme, welche das Gebäude flankieren und den zentral angeordneten Mittelgiebel betonen. Dieser ist reich mit renaissance-typischen Voluten und Ornamenten geschmückt. Die Gestaltungselemente der Renaissance lassen sich auch an den Zwillingsfenstern erkennen, deren Gewände von Kleinsteinbögen auf toskanischen Halbsäulen getragen werden. Zusammen mit den Butzenscheibenfenstern entsteht ein harmonisches Zusammenspiel unterschiedlicher geometrischer Formen. Im Erdgeschoss dient der mittlere der drei Rundbögen als Portal in den zweiten Innenhof, an dessen rechter Seite sich das sogenannte „Haus zum Thurgau“ befindet.

Fotografische Aufnahme des Hintergebäudes im Innenhof

Fotografisch Aufnahme der Vorderfassade des Rückgebäudes im Innenhof, JoachimKohler-HB, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Ähnliche Stilelemente finden sich auch am Vordergebäude. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Straßenfassade in späterer Zeit bewusst an die bereits bestehende Renaissancearchitektur des Rückgebäudes angepasst wurde. So begegnen uns auch hier reich verzierte Giebel mit Voluten, Zwillings- und Drillingsfenster mit toskanischen Halbsäulen sowie Rundbogenarkaden im Erdgeschoss.

Besonders hervorzuheben sind jedoch die historischen Fresken über den Arkaden der Vorderfassade. Sie wurden 1864 von Ferdinand Wagner geschaffen und stellen bedeutende Ereignisse sowie Persönlichkeiten der Konstanzer Stadtgeschichte dar. Die dargestellten Szenen reichen vom Friedensschluss Kaiser Friedrich Barbarossas mit den lombardischen Städten im Jahr 1183 bis zum Kampf der Spanier auf der Rheinbrücke im Jahr 1548. Somit bekommt die Fassade ein unverwechselbares Erscheinungsbild, welches die Geschichte der Stadt unmittelbar sichtbar macht.

Aufnahme von der Vorderseite des Konstanzer Rathauses auf der Kanzleistraße in der Altstadt. Perspektivisch von rechts aufgenommen.

Fotografische Aufnahme von der Vorderfassade des Konstanzer Rathauses, ©Luca Griffiths

Trotz der deutlichen Einflüsse der italienischen Renaissancearchitektur zeigen sich sowohl am Vorder- als auch am Rückgebäude Besonderheiten, die aus der Verschmelzung mittelalterlicher Bausubstanz mit den später adaptierten Stilprinzipien der Renaissance hervorgegangen sind. Zwar ist das nach Symmetrie strebende Prinzip durch die zentral angeordneten Giebel besonders betont, doch setzt sich diese Strenge in den unteren Geschossen nicht konsequent fort. Dadurch verschieben sich die Mittelachsen der Fassaden leicht und verleihen dem Bauwerk eine gewisse Asymmetrie, die von den strengen Idealen der Renaissance abweicht.

Nichtsdestotrotz bleibt das Konstanzer Rathaus eines der eindrucksvollsten Gebäude der Altstadt. Gerade in den Sommermonaten, wenn der Rathaushof regelmäßig für Opernkonzerte genutzt wird, entfaltet der historische Komplex seinen besonderen Charme. Doch auch abseits solcher Veranstaltungen lohnt sich ein Besuch, da der Innenhof jederzeit frei zugänglich ist und zum Verweilen einlädt:  etwa, um an einem Sommertag gemütlich ein Eis zu genießen.

Lichthalle MAAG Zürich

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Kunst & Architektur

Seit Herbst 2021 hat die ehemalige Eventhalle der MAAG Zürich, eine große Veränderung erlebt. Wo einst eine Montagehalle stand, befindet sich heute ein Ort, an dem Kunst ganz neu erlebt werden kann. Mit viel Aufwand wurde die Halle umgestaltet, um ein Kultur- und Veranstaltungszentrum entstehen zu lassen, dass Kreativität und Innovation verbindet.

 

Atelier des Lumières

Als Vorbild diente das berühmte Atelier des Lumières in Paris, ein Pionier der immersiven Kunst. Der Begriff leitet sich von «Immersion» ab und beschreibt das «Eintauchen» in eine digitale Kunstwelt.

Dieses Konzept fand auch in der Lichthalle MAAG Zürich seinen Platz. In der Lichthalle MAAG entstanden in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Künstlerkollektiv Projektil immersive Ausstellungen wie «Viva Frida Kahlo», «Monet’s Garden» und «Klimts Kuss», die mittlerweile in vielen internationalen Städten gezeigt werden.

 

Eine neue Dimension der Kunsterfahrung

Die Lichthalle MAAG versteht sich dabei nicht nur als Ausstellungsraum, sondern als ein Raum für immersive Kunst und besondere Veranstaltungen.

Während klassische Museumsbesuche oft von Menschenmengen und kurzen Blickmomenten geprägt sind, eröffnet die Lichthalle MAAG einen ganz anderen Raum für Kunst. Hier wird eine Kunsterfahrung mit digitaler Tiefe ermöglicht. Werke wirken, Räume verändern sich und Emotionen entstehen.

Animationen und Soundeffekte offenbaren neue Dimensionen im Werk der Künstler:innen.

 

Vergangene Ausstellungen

  •  Viva Frida Kahlo (22.09.2021 – 03.04.2022)
  •  Monet‘s Garden (13.04.2022 – 23.11.2022)

Die immersive Ausstellung widmete sich dem französischen Künstler Claude Monet, der als Mitbegründer des Impressionismus gilt. Er prägte die Kunstgeschichte mit seinen faszinierenden Lichtstimmungen, atmosphärischen Landschaften und der Freimalerei. Im Zentrum der Ausstellung stand Monets Garten in Giverny, welcher als Kulisse und Inspiration für einige seiner berühmten Gemälde diente.

 

  •  Klimts Kuss (01.12.2022 – 07.05.2023)
  •  Imagine Picasso (15.11.2023 – 07.04.2024)
  •  Leonardo da Vinci (25.04.2024 – 20.10.2024)

Die immersive Ausstellung widmete sich dem italienischen Künstler Leonardo da Vinci, einem der bedeutendsten Universalgelehrten der Renaissance. Mit berühmten Werken wie der Mona Lisa und Das Abendmahl konnten Besucher:innen, auf eindrucksvolle Weise seine Kunst völlig neu erleben.

 

  •  Tutanchamun (30.11.2024 – 13.07.2025)
  •  Die Legende der Titanic (04.09.25 – 01.03.26)

 

Becoming Marilyn Monroe – eine Hommage an Marilyn Monroe

27.03.2026 – 28.06.2026

Zum 100. Geburtstag von Marilyn Monroe entstand mit BECOMING MARILYN MONROE, die weltweit erste immersive Ausstellung, die der Legende gewidmet ist. Im Mittelpunkt steht dabei Norma Jeane, die Frau hinter dem Mythos und ihr Weg zu Marilyn Monroe. Die Ausstellung handelt von Ruhm und Freiheit, von Stärke und Selbstbestimmung. Das Porträt einer Frau, die ihrer Zeit weit voraus war.

Eine interaktive Sprachführung in Deutsch, Französisch und Englisch begleitet Besucher:innen durch die Ausstellung.

 

Weitere Informationen & Tickets unter:

https://www.lichthallemaag.ch/lhm/de.html

https://www.maag-moments.ch/maag/de/ausstellungen.html

@photos by kws

Der Narr Hans Kuony von Stockach — seine Geschichte, seine Bräuche und sein Denkmal

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Kulturell, Kunst im öffentlichen Raum

Hans Kuony ist eine der bekanntesten Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnacht. Es gibt zwar keine eindeutigen Belege für seine historische Existenz, aber seine Geschichte lebt in Stockach, im berühmten Narrengericht und im Hans Kuony-Brunnen weiter. Die Geschichte von Hans Kuony beginnt mit der Schlacht am Morgarten. Kuony soll als Hofnarr für den Habsburger Herzog Leopold I. gearbeitet haben. Bevor die Armee in die Schweiz loszog, gab Kuony dem Herzog einen Rat: „Da hand ir all geratten wa ir in dasz land koment, aber keiner hat geratten wa ir her wider usz koment.“ (Da habt ihr alle überlegt, wie ihr in das Land kommt, aber keiner hat überlegt, wie ihr wieder raus kommt.) Der Herzog ignorierte diese Warnung. Die Folge war eine vernichtende Niederlage. Erst im Nachhinein wurde realisiert, wie schlau der Narr war. Die Geschichte machte Kuony zu einem ganz besonderen Hofnarren. Denn er durfte die Wahrheiten aussprechen, die anderen verwehrt blieben. Als Dankeschön soll Kuony einen Wunsch erfüllt haben. Er wollte, dass seine Heimatstadt Stockach einmal im Jahr Gericht halten dürfe. Dieses Privileg wurde, so heißt es, 1351 von Albrecht II. von Österreich genehmigt. So kam es zur Gründung des „Hohen Narrengerichts zu Stocken“, das bis heute besteht. 

Aber was macht Kuony eigentlich heute? 

Auch heute ist Hans Kuony die zentrale Symbolfigur der Stockacher Fastnacht. Beim Narrengericht ist er selbst als Figur dabei — als Narr, der das Geschehen begleitet und sozusagen der geistige Ursprung der Veranstaltung ist. Jedes Jahr am „Schmotzigen Dunschtig“ wird eine prominente Persönlichkeit, oft aus der Politik, vor das Narrengericht geladen. Dabei geht es nicht darum, zu bestrafen, sondern um satirische Kritik. Damit ist Kuony viel mehr als nur ein vermeintlicher Mythos — er ist ein lebendiges Symbol für politische Satire und bürgerliche Selbstbestimmung. 

Und wenn mal keine Fasnacht ist, macht der Hans-Kuony Brunnen als Denkmal auf diese Tradition aufmerksam. Die Brunnenfigur zeigt Kuony als warnenden Narren mit erhobenem Finger. Die Figur wurde von dem Bildhauer Werner Gürtner, geschaffen. Seit die Innenstadt umgestaltet wurde, steht der Brunnen in der Hauptstraße vor dem Bürgerhaus. Der Brunnen, das Narrengericht und die Figur des Hans Kuony sind alle miteinander verbunden. Sie machen die Geschichte in Stockach sichtbar und erlebbar. Obwohl manche Historiker bezweifeln, dass es Kuony wirklich gab, ist seine Wirkung unbestreitbar. Er steht für eine jahrhundertealte Tradition, in der Humor, Kritik und Gemeinschaft zusammenkommen. Somit trägt der Narr bis heute zur kulturellen Identität von Stockach bei. 

Auf Spurensuche: Ein Stein, der seinen Namen trägt

Dieser Artikel ist erschienen in den Kategorien
Allgemein, Deutsch, Kulturell, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Wieso ein 600 Jahre alter Tscheche für uns relevant ist, und wie wir dafür kämpfen mussten

Das älteste der Hus-Denkmäler in Konstanz ist der Findling, der den Ort der Verbrennung kennzeichnet. Er wurde 1862 aufgestellt, nachdem 30 Jahre darüber diskutiert wurde, und trägt auf seiner verwitterten Oberfläche ein Schild, das die Aufschrift “Jan Hus 6.(14.)Juli 1415” ziert. Er steht (wahrscheinlich) an der Stelle, an der Jan Hus und Hieronymus von Prag verbrannt wurden, hingerichtet durch Feuertod. Die Randdaten und Umstände haben wir im letzten Beitrag schon angeschnitten, ansonsten hier gerne auffrischen.

Auf dem Platz des Findlings in Konstanz kreuzen sich zwei Straßen, eine gepflasterte Wendeplatte, wenn man so will. Vor dem Stein lädt eine Bank zum Niederlassen ein, ein paar Blümchen zieren die Stein-Insel. Heute schaut man auf eine ruhige Wohngegend, früher blickte man auf unbebautes Gebiet. Wenn man still ist, hört man Vögel zwitschern, ab und an läuft ein Hundehalter oder eine Joggerin vorbei. Es ist auf der einen Seite befremdlich, wie ein Ort von so viel Grauen zu so einer Ruheoase werden kann, auf der anderen Seite ist es tröstend. Der Findling ist imposant, er misst 350 Zentner¹ schwärzlichen Kalkstein, seine äußere Gestalt ist recht unscheinbar. Es sind keine Formen eingeritzt, keine bildhauerischen Kunstwerke hinzugefügt, und der wenigen Flechten nach zu urteilen wird sie regelmäßig gereinigt. Trotzdem trägt der Findling große Bedeutung für Hus’ Vermächtnis und ist ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht.

Warum die (14.)?

Hus hatte selbst im tschechischen Raum schon einen halben Reformkrieg hinter sich. Das Schisma (also die Differenzen wegen mehr als nur eines Papstes und die drohende Kirchenspaltung) hatte ihn als Sprecher der böhmischen Theologen, und mit dem Aufruf zum Kreuzzug einer der Päpste mit Versprechen zum Ablass für alle Kämpfenden entfachte eine erneute Welle an Kritikern des Ablasskonzeptes. Am 14. Juli 1412 wurden drei Männer, die sich besonders dagegen engagierten, hingerichtet, was zu Empörung und sofortiger ‘Märtyrisierung’ der Hingerichteten führte. Auch wenn sich kein definitiver Hinweis auf den Zweck der eingeklammerten 14 auf dem Hussenstein findet, könnte sie eine stumme Hommage an die drei Märtyrer von 1412 sein, schließlich starben alle fünf Hingerichteten wegen ihrer Kirchenkritik.

Wir haben ihm (endlich) ein Denkmal gebaut

Schon in den 1830ern versuchte man, in Konstanz ein Denkmal für Hus und Hieronymus zu errichten. Der damalige Bürgermeister Karl Hüetlin bekam mit seiner Idee reichlich Gegenwind. Trotzdem taufte er ein Dampfschiff nach dem Reformator, das später jedoch wieder umbenannt wurde.

Konstanz gehörte 1830 zum Großherzogtum Baden, das sich von 1815 bis 1866 u.a. mit den Königreichen Württemberg, Hohenzollern, Bayern und dem Kaiserreich Österreich zum Deutschen Bund zusammenschloss. Die monarchische Ordnung der Länder rief immer wieder liberale Gegenstimmen auf den Plan, zu denen auch Karl Hüetlin gehörte. Die Liberalen sahen in Hus nicht nur einen religiösen Reformator, sondern auch einen Märtyrer für freie Meinungsäußerung (in dem Fall monarchiekritisches Gedankengut). Hüetlins publike Bemühungen, der liberalen Schildfigur ein Denkmal zu setzen, erregten die Aufmerksamkeit des österreichischen Außenministeriums, das zu dem Zeitpunkt über das böhmische Gebiet, das heutige Tschechien und Hus’ Heimat, herrschte. Dringendes Anraten von Österreich, und nach dem Dampfschiff-Eklat später auch Baden, hinderten Hüetlin letztendlich an der Umsetzung. Erst 1861, nach den liberalen Reformen unter Großherzog Friedrich I., wurden die Bemühungen um ein Denkmal für Hus und Hieronymus wieder aufgenommen. Den ehemaligen Ort der Verbrennung der beiden befand man als geeignete Gedenkstätte, die zwei Jahre später mit dem Findling aus Hegne umgesetzt wurde. Finanziert wurde es kurzerhand aus freiwilligen Spenden verschiedener Quellen, beispielsweise Macaire (Indigo-Färberei auf der Dominikanerinsel, heute Inselhotel), Herosé (Textildruckerei auf dem Areal des heutigen gleichnamigen Parks) und Jakob Stadler (ehemaliger Eigentümer des Stadler-Verlages, bis 1866 Bürgermeister von Konstanz²). Nach über vier Jahrhunderten bekamen Hus und Hieronymus endlich ihr Denkmal, und trugen mit der Neukonnotierung auch zum europäischen politischen Fortschritt bei.

Der Stein heute

Tschechische Auslandsvereine freuten sich über die Ehrung ihres Vorfahren so sehr, dass kleinere und größere Besuche und Pilgerfahrten an den Hussenstein organisiert wurden. Bis heute ist die posthume Anerkennung von Hus’ Bemühungen ein großer Teil des tschechischen Nationalstolzes, was gerade in den Jahren des Konzilsjubiläums zu weiteren künstlerischen Gedenkorten führte, auch wenn die Pilgerfreude hierher abgenommen hat. Aber nicht alle sind mit dem Hussenstein glücklich, vereinzelte Stimmen zum Beispiel der alteingesessenen Familie Gebauer zeigen sich enttäuscht über die Unterwältigkeit des Denkmals angesichts Hus’ europäischem Märtyrerstatus.

¹Das behauptet jedenfalls die Stadt Konstanz auf ihrer Website. Südkurier spricht von 35 Tonnen. Laut des deutschen Zollvereins ist jedoch seit 1858 ein Zentner als 50kg festgelegt, was den Stein 17,5 Tonnen schwer machen würde. Andere Quellen sprechen von ‘nur’ wenigen Hundert Kilo Gewicht. Die zeitliche Nähe der Normierung des Zentners und Aufstellung des Steins wirft aber auch eine prä-normierte Verwendung von “Zentner” in den Raum. Eigentlich hat also keiner wirklich eine Ahnung wie schwer das Ding ist.

²Wer jetzt denkt “Moment, den Namen Stadler hab ich doch schonmal gehört…”: Die erste Druckerei des Verlages Stadler war im gleichnamigen Stadlerhaus, das am 25. Juli 2024 Feuer fing und dadurch für Schlagzeilen sorgte. Seitdem werden die teilweise bereits sanierten Räumlichkeiten für Ausstellungen genutzt. Aber auch für die schöne Jugendstilarchitektur lohnt sich ein Besuch!

Unser zweiter Stopp im nächsten Beitrag führt uns gen Osten auf den Stephansplatz, wo wir auf der Südwand des Bürgersaals eine Installation erblicken, die eigentlich seit 2018 wieder abgebaut werden sollte: “Wahrheit”. Es empfiehlt sich, an sonnigen Tagen dorthin zu gehen, vielleicht ja sogar im Juni oder Juli. Durch einen kurzen Einblick in Hus’ Lehren erhalten wir verschiedene Perspektiven auf Wahrheit, die das Kunstwerk in Perspektive rückt.