Hochschulgruppe Uni Konstanz

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Kurze Künstlerinnenvorstellung: Helen Meier

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Allgemein, Konstanz entdecken, literarisch

„Und ausserdem ist das Schreiben, was es wiedrum mit der Liebe gemeinsam hat, das Beste, das in dieser Zeit geschehen kann.“

Dieses von Helen Meier stammende Zitat greift ziemlich genau zwei Kernthemen ihrer Texte auf: das Schreiben und die Liebe. 1929 in Mels, im St. Galler Oberland, geboren, war sie zunächst Primar-, also Grundschuldlehrerin, und studiert später Sprachen und Pädagogik in Freiburg. Außerdem engagierte sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz in Sachen Flüchtlingshilfe und erweiterte ihre Ausbildung zur Lehrerin auf das einer Sonderschullehrerin, womit sie eine Lehrstelle in Heiden wahrnehmen konnte. Diese Tätigkeit scheint für sie eine prägende gewese zu sein; 1984 reicht sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen Text über einen ihrer Schüler*innen mit einer Lernbehinderung ein („Lichtempflindlich“) und bekommt im Zuge dessen einen Platz beim Ernst-Willner-Stipendium. Nichtsdestotrotz tritt sie 1987 vom Schuldienat zurück, was sie als Schriftstellerin zurücklässt.

Porträt von Helen Meier (Foto: Peter Lober), entnommen aus „Bodensee-Lesebuch. 18 Autoren stellen sich vor“ herausgegeben von G. Braun

Kernthemen in Meiers Prosa umfassen sowohl Schicksalsschläge, unvorhergesehene Zukünfte und Lebensrealitäten, unerfüllte Liebe als auch ihre Wahrnehmung und Perspektiven auf das Altern.

Ihr zweites Buch „Das einzige Objekt in Farbe“ ist eine Sammlung aus 13 Geschichten und beschäftigt sich mit Bindungen und Verhältnissen zwischen Frau und Mann, und wirft die Frage auf, wie Liebe funktioniert und was sie mit uns macht. Dabei bindet sie Bezüge zur Kindheit und deren Auswirkungen auf das Jetzt mit ein.

Beispielsweise in der dritten Erzählung des Buches, „Zweiglein“, eine Geschichte über einen Mann, der eine Frau kennenlernt, welche ihn zu bemuttern müssen scheint, schreibt sie über dessen Hauptfigur:

„Felix Zweiglein sehnte sich oft nach seiner Kindheit zurück, der einzigen Zeit seines Lebens, in der er, wie es ihm schien, gelebt hatte, unbedenklich, kühn, die Tage randvoll mit Erlebnissen, Hoffnungen, Ahnungen, die Nächte ein endloser Samtpfad der Wiedergeburten.“

Im Kapitel „Disteln“ wird über die Protagonistin Sabine ähnliches geäußert:

„Um das Geräusch hören zu können, öffnete sie wiederum das Fenster. Es setzte ein, das beruhigende und zugleich aufhetzende Zischen, die Rhythmik uralter Ernte, des Anfangs und des Endes. Wiederum vermochte es in Sabine Erinnerungen heraufzuholen, schillernde Blasen früheren Lebens, bläulichgrünlich schwebend aus den Glasgärten ihrer Kindheit, die nicht hinter ihr, sondern vor ihr lagen, als Ziel, wie nach einem langen Lauf.“

In einem anderen Sammelband, „Liebe Stimme“, erzählt Meier teilweise abstruse Liebesgeschichten, ob es um Zwangsstörungen, Altersunterschiede oder Fantasievorstellungen geht.

In der Kurzgeschichte „Involtini“ wird eine romantische Beziehung zu der 19 Jahre jüngeren Stella umschrieben, welche von der gemeinsamen Leidenschaft des Kochens geprägt ist. Dabei wird thematisiert, inwiefern Menschen unterschiedlich lieben und auf welchen Ebenen ein Wir zustande kommen muss, dafür, dass das Gemeinsame funktionieren kann.

„Wir streiten viel, schreien, schmettern Türen. Wir heulen bei jeder Versöhnung, lächeln, falls es uns gelingt, Licht in unser dunkles Inneres zu werfen.“

Ihr Vorliebe des Schreibens lässt die Autorin beispielsweise in „Strahler“ aus demselbigen Buch durchscheinen, worin sie aus der Perspektive einer Schriftstellerin schreibt.
Helen Meier gewährt in ihren Werken Einblick in unterschiedliche Figuren und Lebensweisen, manche von ihnen fast gruselig bizarr und befremdlich, andere beneidens- und bewundernswert. Egal, nach welchen es Lesende strebt, ihre Texte können begeistern. Ihr Archiv ist im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern zu finden, viele ihrer Bücher beispielsweise in der Universitätsbibliothek Konstanz!

Kurze Künstlervorstellung: Hermann Hesse

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Allgemein, literarisch

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse erlangte mit Werken wie Der Steppenwolf, Siddhartha und Demian weltweiten Ruhm. Was viele jedoch nicht wissen: einen prägenden Teil seines Lebens verbrachte er in Gaienhofen, unweit von Konstanz.

Eine fotographische Ansichtskarte vom „Hesse Haus“ um 1910 aus der Kollektion von Markus Wolter.

1904 zog es den frisch verlobten Hesse gemeinsam mit seiner Frau, der Schweizer Fotografin Maria Bernoulli, in das kleine Dorf am Bodensee. Beide waren stark vom Gedanken der Lebensreform beeinflusst, d. h. eine Rückbesinnung auf Natur und Simplizität als Gegenentwurf zur fortschreitenden Industrialisierung und dem wachsenden Materialismus in den Großstädten. In diesem Sinne entschieden die zwei sich bewusst für ein abgeschiedenes Leben im 3000-Einwohner- und -Einwohnerinnendorf und verfügten daheim weder über fließendes Wasser oder Elektrizität noch über einen Lebensmittelladen.

So schreibt Hesse selbst in einen Brief an Stefan Zweig:

Gaienhofen ist ein ganz kleines schönes Dörflein, hat keine Eisenbahn, keine Kaufläden, keine Industrie, nicht einmal einen eigenen Pfarrer, […]. Es hat auch keine Wasserleitung, so dass ich alles Wasser am Brunnen hole, keine Handwerker, so dass ich die nötigen Reparaturen im Haus selber machen muss, und keinen Metzger, also hole ich Fleisch, Wurst etc. jeweils im Boot über den See aus dem nächsten thurgauischen Städtchen. Dafür gibt es Stille, Luft und Wasser gut, schönes Vieh, famoses Obst, brave Leute. […]

Die Jahre in Gaienhofen erwiesen sich als besonders produktiv in seinem literarischen Schaffen. So entstanden mehrere Erzählungen sowie die Romane Unterm Rad und Gertrud. Weiterhin stammen auch eine Vielzahl an Gedichten aus dieser Zeit, in denen sich die Landschaft um den Bodensee selbst einschreibt, wie dieses:

Berge in der Nacht

Der See ist erloschen,
Schwarz schläft das Ried,
Im Traume flüsternd.
Ungeheuer ins Land gedehnt
Drohen die hingestreckten Berge.
Sie ruhen nicht.

Sie atmen tief, und sie halten
Einer den anderen an sich gedrückt.
Tief atmend,
Mit dumpfen Kräften beladen,
Unerlöst
In verzehrender Leidenschaft.

Das ruhige, gutbürgerliche Leben mit Familie und Haus war jedoch nicht nur von reiner Idylle geprägt, sondern stand stets im Widerstreit mit persönlichen Umständen und Hesses intrinsischem Verlangen nach einem Leben als Vagabund. Aufgrund dessen zog das Paar im Jahr 1912 weiter nach Bern.

Hermann Hesse reflektiert diese Zeit später wie folgt:

Nun waren wir also richtig für Lebenszeiten eingerichtet und angesiedelt, friedlich stand vor unsrer Haustür der einzige große Baum unseres Grundstücks, […]. Aber die Ewigkeit, für die wir gebaut hatten, dauerte nicht lange. Ich hatte Gaienhofen erschöpft, es war dort kein Leben mehr für mich, ich reiste nun häufig für kurze Zeiten weg, die Welt war so weit da draußen, und fuhr schließlich sogar nach Indien, im Sommer 1911. Die heutigen Psychologen, der Schnoddrigkeit beflissen, nennen so etwas eine ,Flucht‘, und natürlich war es unter anderem auch dies. Es war aber auch ein Versuch, Distanz und Überblick zu gewinnen. […]. Aber das alles genügte nicht. […] allmählich gewöhnten wir uns daran, unser Haus als verkäuflich und unser Gaienhofener Leben als eine Episode zu betrachten.

Bei Interesse kann diese Lebensphase zu ausgewählten Terminen im Mia und Hermann Hesse Haus in Gaienhofen hautnah erlebt werden!

 

Lyrik am Bodensee

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Konstanz entdecken, literarisch

Wozu Lyrik? 16.000 Wörter bringt ein Alltagsmensch durchschnittlich am Tag über die Lippen – mal dies, mal das. Zeitweise verweilt man beim Gesagten und gelegentlich verpufft es in einem luftleeren Raum. Eine Fülle an Eindrücken, die einen durch das Leben navigieren, weshalb also die Ergänzung von wenigen verdichteten Zeichen von irgendeiner Person, die einem fremder nicht sein kann? Vielleicht gerade um mit dieser Fremdheit in Dialog zu treten, damit man sich im Bachmann’schen Sinne, neue Formeln für eine andere Wirklichkeit erschließen kann.

Nun zur Lyrik!

Emmy Ball-Hennings Ein Traum

Die Pionierin der Dadaismus Bewegung und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire, Emmy Ball-Hennings, zeigt uns wie die Impressionen des Bodensees sich bis in unsere Träume hineinschleichen: Da gleicht die Zweisamkeit in der Tiefe des Sees einer Nicht-Existenz ohne jegliche Art von konkreter Begierde und verwandelt den See in einen Ort der Selbstreflexion. Eine expressionistische Liebesszenerie wird eröffnet, die mündet in einer melancholischen Bitte an das Dasein ihrer Selbst.

Wir liegen in einem tiefen See

Und wissen nichts von Leid und Weh.

Wir halten uns umfangen

Und Wasserrosen rings um uns her.

Wir streben und wünschen und wollen nichts mehr

Wir haben kein Verlangen.

Geliebter, etwas fehlt mir doch,

Einen Wunsch, den hab ich noch:

Die Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Jürg Weibel ohne Titel

Anscheinend ist der Bodensee bestückt mit einem zwielichtigen Charakter. Einerseits verweisen menschliche Eingriffe und naturelle Erzeugnisse auf bedrohliche Zugangsbedingungen zum Plantschen. Andererseits verlockt eine Einladung seitens des Sees zur Überwindung dieser äußerlichen Erscheinungen. Dieses Verhältnis zwischen Misstrauen und Hingabe; Schein und Realität; Bodensee und Menschen verdeutlicht uns Jürg Weibel in reduzierter und pointierter Sprache.

Villenbestückt

hundebewehrt

stolperdrahtgesichert

algenerstickt

ölig und glatt

lächelnd

ladet er

zum Bade

William Becher Regen am Bodensee

Ausgehend von den stillen Beobachterinnen – den Bergen – beschreibt der in Lindau verstorbene Schriftsteller William Becher, wie sich der Schauplatz des Bodensees bei anbahnendem Regenfall verhält. Poetische Formulierungen der Erhabenheit der Natur erinnern an klassische Beschreibungen der Romantik in Bezug auf das Ich im Angesicht seiner Umwelt. In diesem Sinne schreibt sich der strömende Bilderfluss gleichzeitig auch in dessen Handlung ein und spiegelt diese formal wieder.

Urnebel brauen in den Bergkulissen.

Schwer reckt die Alp den feuchten Rücken aus.

Der Himmel dräut in grauen Finsternissen,

Verlassen steht am Ufer Haus an Haus.

 

Das Rauschen aus dem See steigt aus dem Grunde,

Wie großer Atem aus der Brust der Welt.

Ich fühle still die Schönheit dieser Stunde,

Wenn auch der Regen klatschend niederfällt.

 

16.000 Wörter haben sich beim lauten Vorlesen der Gedichte um 119 ergänzt und hoffentlich verweilen einige noch ein wenig länger im Bewusstsein der Leser*innen.

Kurze Künstlervorstellung: Beat Brechbühl

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Deutsch, literarisch

Beat Brechbühl wurde 1939 in Oppligen (circa zwei Stunden von Konstanz entfernt!) geboren und ging dort zur Schule. Später begann er eine Lehre als Schriftsetzer und schrieb selbst „Von da an wurde ich ein Büchermensch.“

Mit 17 Jahren wagte er sich ans Gedichte-Schreiben. Gern betont er, dass er darauf als Redakteur und Verleger bei der früher noch „wirklich alternativen“ Bodenseezeitschrift clou arbeitete. Während seiner Beschäftigung dort fing er an, seine Gedichte auch zu veröffentlichen, unter anderem seinen ersten Gedichtband „Spiele um Pan“. Bei Gedichtbänden allein blieb es jedoch nicht!

Brechbühl schreibt und publiziert eine Bandbreite an literarischen Werken wie Kinderbücher, Romane und Miniaturprosa. Und auch allein bei dem Schreiben blieb es nicht!

Er war außerdem als Grafiker, Radiomacher, Züricher Diogenes-Herstellungsleiter und Leiter des Schweizer Verlags Zytglogge tätig. Nicht zu vergessen, die Selbstbezeichnung „Bildermacher“ in Wald, einer relativ kleinen Gemeinde im Kanton Zürich, die er fotografisch festgehalten zu haben scheint.

Öfters finden sich viele dieser Interessen in seinen Werken wieder, beispielsweise, in der unbetitelten Collage (siehe unten), welche mit Zeilen, die an eines seiner Gedichte erinnern, geschmückt ist:

Gedicht und Collage von Beat Brechbühl, entnommen aus „Bodensee-Lesebuch. 18 Autoren stellen sich vor“ von G. Braun

Das Gedicht dazu, auch ohne Titel:

Das Leben ist anders als

du denkst und

anders als es ist

 

Ich schreibe Erfolgsstory,

Und vergesse ihren Anfang, dann ihr Ende, lesen

konnte ich sie nicht mehr, weil

Meine Augen plötzlich so schlecht wurden,

Und nachts um drei kreischt

Eine Frau der Dorfstraße; ihr

Schrecklicher Ehemann verfolgt sie mit

dem 60 Zentimeter langen Metzgermesser

 

aber das Leben ist anders

& so

sind es zwei Marder, die sich die

Kehle zerbeißen wegen eines Weibchens, denn

nach zehn Minuten zerfließen

die Messerschreie rasch im ausgedörrten Sommerboden,

 

& die Flugzeuge bischen über

uns hinweg, WER SIND

 

die andern? & der Kontinent

Indien rammte letzte Nacht

wieder einmal den Himalaya

 

& in Srinagar brachen die Häuser zusammen

und viele Menschen kamen in den Trümmern um. Hier

 

geht es nur um Geld, nur um

Geld. Also nichts als die

 

Ordnung desselben. & nochmals ist

alles anders,

aber wie?

Beat Brechbühl gewann für sein kreatives Schaffen zahlreiche Preise, wie den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, sowohl den Zürcher als auch Österreichischen Kinderbuchpreis und 1999 ebenfalls den Bodensee-Literaturpreis.

Zusätzlich erwähnenswert ist sein (in der Uni-Bibliothek Konstanz ausleihbarer!) Roman „Kneuss: zwei Wochen aus dem Leben eines Träumers und Querulanten, von ihm selber aufgeschrieben“, in welchem die Hauptfigur und Sonderling namens Kneuss von ihn bekehren wollenden Mormonen besucht wird, welche eigentlich das Ziel haben, Kneuss umzubringen. Sie schaffen es nicht, ihn zu töten, dafür aber seine Hündin, welche ihm sehr am Herzen lag. Danach dreht Kneuss durch. Dem Roman folgt eine gleichnamige Verfilmung („Kneuss“) über welche die Neue Zürcher Zeitung neugierigmachend schrieb:

[…] Aus dem Helden Kneuss, der bei Brechbühl ein ‚Reiner‘ ist, ein ideologisch starrer Verweigerer, hat Meili [der Regisseur des Films] einen eher gebrochenen, zwielichtigen, in seinem Widerstand weder sich klar formulierenden noch für die Rebellion wirklich geeigneten Mann gemacht. Kneuss wird so menschlich fassbar.

Brechbühls Kunst breitete sich also auf ein weiteres Medium aus!

Am Beginn seines Œuvres standen jedoch hauptsächlich seine Gedichte und da er des Öfteren den Satz „Und wenn ich einmal keine Gedichte mehr schreibe, bin ich tot.“ von sich gab, kann man sich vor allem auf weitere Spiele mit Wort und Gefühl seinerseits freuen!

Lyrik am Bodensee

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Deutsch, literarisch

Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdrücke geführt hat. Man gibt sich etwas Innigem hin – offenbar getragen von der Wirkkraft des Bodensees.

Da verweilen die Dichtenden nun am Ufer des Sees, schauen in die Ferne und verspüren eine gewisse Regung: vielleicht Melancholie, vielleicht Gelassenheit oder vielleicht Wanderlust? Diese Vielzahl an Empfindungen sind es, die die Lyrik in ihrer Variation aufnimmt und verarbeitet. In Gedichten, die den Bodensee thematisieren wird deutlich, welch zahlreiche poetische Optionen ermöglicht werden im Umgang mit einer einzigen Kulisse. Zugleich laden sie dazu ein, beim nächsten Spaziergang die Umgebung mit anderen Akzenten zu erfassen. So bewegt man sich mit offenen Augen, schreibend – oder so wie wir heute lesend – um den Bodensee.

Erika Burkart Der Tisch – In einem alten Meersburger Garten

Wie viel erzählt ein verlassener Tisch im alten Meersburger Garten? Retrospektiv stellt sich diese Frage, die im Aargau geborene Schriftstellerin Erika Burkart. In pointierter, von einem Hauch Wehmut durchzogener Sprache erzählt uns die Autorin von einem – der Natur zum Opfer gefallenen – einsamen Tisch. Noch trägt er flüchtige Überbleibsel einer vorausgegangenen Sommerszene, ehe sich die Menschen schließlich in den Winter verabschiedeten.

Erika Burkart selbst lässt uns daran teilhaben:

Umrankt ihn, Efeu und Winden,

den alten rostigen Gartentisch,

mit Blättern deckt, schatten-

und sonnengoldgrünen,

das fleckige Weinrot,

bis man vergißt

hier

ist ein Tisch,

saßen Menschen

reichten sich über das Tuch

Tee und Gebäck

schauten sich unter die Wimpern

sprachen vom Sommer

schwiegen –

räumten ab und gingen

jeder in seinen

eigenen Winter.

Richard Dehmel Konstanz

Hier am Bodensee verursachen selbst die hochverehrten Komponisten zu viel Krach. Dies bringt uns der Schriftsteller Richard Dehmel auf einer feinsinnigen und verspielten Art und Weise näher: Da möchte man sich in der mystischen und gelassenen Landschaft des Sees niederlassen, doch diese Begierde wird gebrochen, durch keinen geringeren als Ludwig van Beethoven!

Richard Dehmel selbst dazu:

Im offenen Garten ist Konzert am See,

der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;

tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,

hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,

schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;

und immer noch Konzert, Konzert am See –

O Beethoven, wozu der Lärm?! –

Elisabeth Borchers Später Nachmittag

Könnte der Bodensee sprechen, was würde dieser von sich geben: ein Kichern, ein Seufzen, ein Lachen? Die Varianten aller Möglichkeiten lassen die Fantasie nicht müde werden, doch nach der Schriftstellerin Elisabeth Borchers wäre es dies: ein Lockruf. Erschöpft von der Sommerhitze ruht man träge – Stunde um Stunde – bis in Windeseile eine Einladung herüberrascht und der See sein Verlangen nach Zweisamkeit ausdrückt.

Elisabeth Borchers schreibt:

Des Sommers müde

ruht ohne Störung

bis fern

teilnehmend am Horizont

diesem Fußpfad hinüber

der See

und lädt ein

übers Wasser zu gehen

So wurden aus Empfindungen Gedanken, aus Gedanken Worte, und aus diesen Worten verwandelt sich ein weißes Blatt in ein Gedicht. Der Bodensee verführt dazu, sich der Offenheit seiner Präsenz hinzugeben und vielleicht findet sich unter den Lesenden die nächste Person, welche ein Zeichen der Zuneigung dem Bodensee vermitteln möchte.

Kurze Künstlervorstellung: Bruno Epple

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Deutsch, Kunst & Architektur, literarisch

1931 in Rielasingen geboren, verbrachte Bruno Epple seine Kindheit und Jugend in Radolfzell und besuchte das Heinrich-Suso-Gymnasium in Konstanz. Bevor er 2023 in Allensbach verstarb, war er Maler, Dichter und Lehrer am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Konstanz, später am Gymnasium Radolfzell.

Zunächst schrieb er „unbesorgt ins Tagebuch“, später schrieb er, um seine Lyrik und Prosa zu publizieren. Manche seiner Veröffentlichungen sind im sogenannten „Bodenseealemannisch” geschrieben, ein Dialekt, der im südlichen Allgäu bis hin zu einigen schweizerischen Ufergemeinden gesprochen wird. Für diese Art, die alemannische Mundart aufrechtzuerhalten, gewann er 1996 die Johann-Peter-Hebel-Medaille.

Handgeschriebenes Selbstzitat (Gedichtverse, alemannisch) und Unterschrift auf Titelblatt des Buches „reit ritterle reit“, 1979

Urheber: Markus Wolter, lizensiert unter CC4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Epple bindet in seine Texte oft persönliche Konstanz-Anekdoten ein, ob er in „Der Schatten des Hus“ vom Essen Kretzerfilets in Konstanz erzählt oder in „Immer bei Schuberts Musik“ über die Eichhornstraße spaziert. Aus Letzterem eine besonders schöne Passage:

Ich schaue auf, schaue aus dem Fenster: Im Osten ein sanftblauer Himmel, der ins Grünliche abklingt. Schimmert des Sees Silber über den Bäumen? Ich kann’s nicht sagen. Unten liegt der Hof im Schatten, jenseits der Mauer breitet sich Wiese aus, und am Ende der Wiese erhebt sich ein Wall von Buchen und Tannen. Wer mag in dem altertümlichen Haus wohnen, dessen Fassade rötlich erblüht und sanft sich verwandelt unter dem Schein der sich neigenden Sonne? Wie verwunschen.

Seine Malerei erinnert an Kinderbuchillustrationen, mit Figuren, die stets eine ähnlich runde Körperform besitzen und mit intensiven Farben, die berühren. Manche seiner Bilder und Grafiken wurden auch als Ilustrationen in seinen oder den Büchern anderer verwendet. Der Bodensee ist dabei ein gern gewähltes Motiv des Künstlers.

Eine nackte Person mit roten, langen Haaaren steht in einem Zimmer.

Abandonnée

Epple Bruno Abandonnée“ von Arbrealettres& ist lizensiert unter CC BY-SA 2.0.

Die Verbundenheit zum See spiegelt sich ebenfalls in seinem Geschriebenen wider; in den Werken „Seegefilde“, „Den See vor Augen“ und „Vor allem der See“ rekapituliert er seine Kindheitserinnerungen aus der Bodenseeregion. 1991 gewann er den Bodensee-Literaturpreis für „sein literarisches Schaffen“.

Sowohl an Epples Texten als auch an seinen Gemälden kann man viel Freude finden, vor allem, wenn man mit dem „spielerischen Ernst” an sie herantritt, mit dem er sie kreierte!