Hochschulgruppe Uni Konstanz

Kategorie: Kunst im öffentlichen Raum (Seite 1 von 1)

Was wäre Konstanz ohne Kunst? Ein Gedankenexperiment

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Allgemein, Deutsch, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Dieses Foto existiert eigentlich nicht.

Unterführung am Seerhein in Konstanz ohne Graffiti als KI-gestützte Visualisierung.

KI-gestützte Visualisierung eines realen Ortes in Konstanz. Ausgangsfoto: @KWS

Das Foto zeigt die Unterführung an der Schänzlebrücke am Seerhein. Zumindest fast. Die Graffiti wurden aus dem Bild entfernt, die Wände sind leer. Übrig bleiben Beton, Geländer und Schatten.

Der Ort funktioniert auch so. Es gibt nichts was unbedingt fehlt.

Und trotzdem wirkt er anders. Irgendwie leiser.

Also habe ich mich gefragt: Was wäre Konstanz ohne Kunst?

In Wirklichkeit sind die Wände und Pfeiler der Unterführung voller Graffiti. Es kommen zwar immer wieder neue Werke hinzu, werden übermalt oder ergänzt. Aber wenn man hier öfter vorbeiläuft, schaut man wahrscheinlich irgendwann gar nicht mehr richtig hin. Die Motive werden einfach zu einem Teil des Ortes.

Unterführung am Seerhein in Konstanz mit bunten Graffiti an den Betonwänden.

Originalaufnahme der Unterführung @KWS

Erst als ich die Graffiti aus dem Bild entfernt hatte, ist mir aufgefallen, wie sehr sie den Ort eigentlich prägen. Dabei muss nicht jedes einzelne Motiv besonders schön oder bedeutungsvoll sein. Aber zusammen verleihen die Farben und Formen einer ganz normalen Unterführung Charakter.

Kunst, die wir oft übersehen

Mit dieser Frage im Kopf bin ich weiter durch Konstanz gelaufen und habe genauer hingeschaut. Am Ende waren es gar nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, sondern eher die Dinge, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte und mir ganz zufällig begegnet sind.

Ein gemaltes Plakat von einem anatomischen Herz an einer Laterne am Seerhein.

Foto @KWS

An einer Laterne ein selbst gemaltes anatomisches Herz in Form eines Plakats. Ohne Namen, ohne Erklärung und ohne Hinweis darauf, wer es dort angebracht hatte. Es war einfach da und auffällig genug, dass ich kurz stehen blieb.

Paar Schuhe, das über einem Ast am Seerhein hängt.

Foto @KWS

Auf der anderen Rheinseite entdeckte ich später ein Paar Schuhe, die in einem Baum hingen. Von wem sie stammen und warum sie dort gelandet sind, blieb genauso unklar. Ob bewusste Aktion, Scherz oder einfach ein Gegenstand am falschen Ort – eindeutig einordnen ließ es sich nicht.

Ob das nun Kunst ist oder nicht, war für mich irgendwann gar nicht mehr so wichtig. Spannender fand ich, was solche Dinge mit einem Ort machen: Sie reißen einen kurz aus dem Gewohnten. Man schaut genauer hin, blickt nach oben und fängt automatisch an, sich eine Geschichte dazu auszudenken. Ab diesem Punkt hat es mich eher beschäftigt, ab wann etwas einen Ort so verändert, dass wir ihn plötzlich anders wahrnehmen.

Spuren einer Stadt

Je länger ich durch die Stadt lief, desto mehr solcher Spuren fielen mir auf: Sticker an Laternen und Mülleimern, bemalte Pfeiler und Aufkleber, die so oft überklebt worden waren, dass man manche kaum noch erkennen konnte.

Sticker und kleine künstlerische Spuren an einer Wand in Konstanz.

Foto @KWS

Sticker, Tags und kleine künstlerische Spuren an einem Mülleimer in Konstanz.

Foto @KWS

Nicht alles davon wurde angebracht, um Kunst zu sein. Nicht alles ist erlaubt, und nicht alles gefällt jedem. Trotzdem wird daran deutlich, dass der öffentliche Raum nicht nur durch Architektur und Stadtplanung geprägt wird. Menschen nutzen ihn, verändern ihn und hinterlassen Spuren und Botschaften.

Solche Spuren verändern sich ständig. Sticker werden überklebt, Graffiti übermalt und Zeichen irgendwann entfernt. Eine Wand wird dadurch nicht zu einem abgeschlossenen Werk, sondern verändert sich immer weiter. Unterschiedliche Stimmen liegen übereinander – manchmal lesbar, manchmal nur noch als Farbe, Kleberest oder abgerissene Papierkante.

Graffiti auf einem Pfeiler der Fahrradbrücke.

Foto @KWS

Unter der Fahrradbrücke fiel mir zwischen den vielen Schriftzügen besonders ein Wort auf: HEIMAT.

Irgendwie passte es genau an diesen Ort. Eine Stadt wird schließlich nicht nur durch ihre Gebäude, Straßen und Wahrzeichen vertraut. Dazu gehören auch die Dinge, die nie geplant waren: ein bestimmtes Graffiti, eine beklebte Laterne oder eine Bank, deren Tags man schon so oft gesehen hat, dass man sie wahrscheinlich erst bemerken würde, wenn sie plötzlich weg wären.

Junge Frau auf einer bemalten Bank.

Foto @KWS

Auf genau so einer Bank am Seerhein saß eine junge Frau, bedeckt von Tags und Schriftzügen. Die Bank wurde ganz selbstverständlich benutzt, als würden die Bemalungen einfach dazugehören. Das Interessante daran: Diese Spuren existieren nicht getrennt vom Alltag. Menschen sitzen darauf und laufen täglich daran vorbei. Irgendwann gehören sie so sehr zum Ort, dass man es kaum noch hinterfragt.

Die Kunst, die jeder kennt

Nach all den Stickern, Graffiti und kleinen Fundstücken rückten die bekannten Kunstwerke der Stadt fast ein bisschen in der Hintergrund.

Wandmalerei an der Marktstätte in Konstanz.

Foto @KWS

Kind sitzt auf der Pferdeskulptur neben dem Brunnen auf der Marktstätte.

Foto @KWS

Auf der Marktstätte fiel mir besonders die Pferdeskulptur am Brunnen auf. Ein Kind saß auf ihrem Rücken. Für diesen Moment war sie nicht nur ein Kunstwerk, sondern einfach Teil des Spiels. Gerade das zeigt, wie sehr solche Skulpturen zum Alltag gehören: Sie werden nicht nur angeschaut, sondern angefasst, benutzt und ganz nebenbei mit Erinnerungen verbunden.

Die Imperia im Hafen in Konstanz

Foto @KWS

Auch die Imperia gehört so fest zum Konstanzer Hafen, dass man sich den Ort ohne sie kaum vorstellen könnte. Würde sie plötzlich verschwinden, würde es wahrscheinlich sofort jeder der auf die Weiten des Bodensees schaut, bemerken. Bei einem Sticker, einem Tag oder dem gemalten Herz an der Laterne wäre das anders. Trotzdem verändern auch diese kleinen Dinge ihre Umgebung, nur für eine begrenzte Zeit.

Genau dieser Gegensatz blieb mir auch nach dem Spaziergang im Kopf: Auf der einen Seite stehen Kunstwerke mit Titel, Künstlername und einem festen Platz in der Stadt. Auf der anderen Seite gibt es anonyme Bilder, Schriftzüge und Gegenstände, von denen niemand genau weiß, wer sie hinterlassen hat oder wie lange sie bleiben.

Beides gehört zu Konstanz. Nur auf ganz unterschiedliche Weise.

Ein anderer Blick auf Konstanz

Die Unterführung bleibt also dieselbe: Beton, Geländer, Rampe und Schatten. Nur die Graffiti fehlen.

Und trotzdem wirkt der Ort plötzlich austauschbar.

Das Gedankenexperiment hat mir am Ende weniger gezeigt, wie Konstanz ohne Kunst aussehen würde, sondern eher, wie viel davon im Alltag längst untergeht. Dabei geht es nicht nur um bekannte Skulpturen oder Fassaden, sondern genauso um die kleinen Spuren die von Bewohnern und Besuchern hinterlassen werden.

Nicht alles davon muss eindeutig Kunst sein. Aber all diese Dinge verändern, wie wir einen Ort wahrnehmen. Sie machen ihn unverkennbar zu dieser bestimmten Stadt.

Rote Skulpturen an der Schweizer Grenze.

Foto @KWS

Ich bin losgezogen, um Kunst in Konstanz zu suchen.

Am Ende stellte sich nicht mehr die Frage, wo sie ist.

Sondern wo sie eigentlich nicht ist.

hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum: Teil 2

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Allgemein, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Nachdem wir im ersten Teil unserer Tour die Schweizer Seite des Untersees erkundet hatten, ging es für uns mit der Fähre von Steckborn weiter nach Gaienhofen. Schon die Überfahrt war ein kleines Erlebnis für sich. Bei angenehmer Seeluft und einer leichten Brise bot sich vom Wasser aus ein wunderschöner Blick auf den Untersee und seine Ufer. Die ruhige Fahrt war nach unserer bisherigen Wanderung eine willkommene Pause und zugleich ein besonders idyllischer Übergang von der Schweizer auf die deutsche Seite der Ausstellung. 

Direkt in der Nähe des Hafens von Gaienhofen starteten wir unsere weitere Erkundungstour mit einer Arbeit von Ursula Rutishauser. Sie ist Teil der vierteiligen Werkreihe 4 Positionen: „anders weiter“ | „anders denken“ | „weiter gehen“ | „sich verstehen“. Leider konnten wir die Arbeit nicht mehr in ihrer ursprünglichen Form sehen, da vor Ort nur noch ein Teil der Befestigung beziehungsweise die verbliebene Schnur vorhanden war.

Bei einer Ausstellung unter freiem Himmel lassen sich Witterungseinflüsse und Unwetter natürlich nicht vollständig vorhersehen, sodass auch die Kunstwerke selbst Spuren davontragen oder beschädigt werden können. Anders als bei der mutwilligen Zerstörung, auf die wir zuvor in Berlingen gestoßen waren, gehört diese Unvorhersehbarkeit zu den besonderen Herausforderungen einer Freiluftausstellung.

Von dort aus ging es direkt weiter zu einer Installation von Boris Petrovsky. Doch auch hier verlief unser Besuch anders als erwartet: Wir standen plötzlich vor einem verschlossenen Tor. Zunächst versuchten wir, das Werk von außerhalb zu erkennen und fotografisch festzuhalten, konnten jedoch nur einen kleinen Teil davon sehen. Wir sahen uns in der Umgebung noch nach einem alternativen Zugang um, mussten schließlich aber feststellen, dass wir auf diesem Weg nicht weiterkamen.

Die Installation spielt mit der Idee einer Kommunikation über das Wasser. Die sogenannten Fluchtstäbe greifen das Prinzip des Semaphors auf, also der Signalübermittlung durch bewegte Stäbe, und senden so symbolisch Signale von Ufer zu Ufer. Wer das Werk näher betrachten möchte, hat im Rahmen einer Führung die Möglichkeit, Zugang zum Gelände zu erhalten.

Da wir zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Stunden unterwegs waren, legten wir anschließend eine wohlverdiente Mittagspause im Restaurant Zum Fährmann ein. Das Restaurant erwies sich als besonders schöne Zwischenstation: gemütlich, preiswert und vor allem sehr lecker. Von der Vorspeise bis zum Dessert hat uns das Essen ausgezeichnet geschmeckt. Das Hauptgericht war sogar so gut, dass wir erst danach bemerkten, dass wir völlig vergessen hatten, ein Foto davon zu machen.

Gut gestärkt setzten wir unsere Wanderung fort und machten uns auf den Weg zu einer weiteren Arbeit von Rebecca Koellner. Wie bereits auf der Schweizer Seite begegneten wir hier einem auf Baumrinde aufgetragenen Text. Die Arbeit versteht sich als Dialog aus der Perspektive der Bäume und verändert sich mit der Zeit und ihrer Umgebung.

Anschließend führte uns unsere Route weiter zu einem Projekt von Miriam Rutherfoord und Joke Schmidt, das sich in der Tourist-Information befindet. Besonders hilfreich waren dabei die Wegweiser im Ort, die Besucher/innen in die richtige Richtung führten. Nach den vorherigen Schwierigkeiten bei der Suche nach einzelnen Arbeiten war es angenehm, diesmal ganz unkompliziert zum nächsten Ziel geleitet zu werden.

Bei dem Projekt handelt es sich um ein 5.40 minütiges, tonloses Video, das aus analogen Fotografien besteht.

Danach ging es weiter zu den Arbeiten von Frank Altmann. Die farbig bemalten Holzobjekte, die an Vogelhäuschen erinnern, waren vergleichsweise schnell und leicht zu finden. Hinter ihrer zunächst spielerischen Erscheinung steckt die Frage, wie Kunst überhaupt bewertet werden kann und was von den Ideen der Moderne übrig bleibt.

Unser nächstes Ziel war Anna von Siebenthals Installation Grenzverbindung. Die aus Seilen und Holzpfosten bestehende Arbeit verbindet Geschichte und Handwerk miteinander. Ausgangspunkt ist der sogenannte Overlock-Stich, der Kanten miteinander verbindet und zugleich säubert. In der Installation werden dessen Fäden in Seile übersetzt und als räumliche Zeichnung in die Landschaft übertragen. Gleichzeitig verweist die Arbeit auf frühere Pendler/innen und versteht das Gewässer nicht als trennende Grenze, sondern als verbindende Übergangszone.

Danach machten wir uns auf die Suche nach einer weiteren Arbeit von Ursula Rutishauser. Trotz längerer Suche konnten wir den richtigen Zugang zunächst nicht finden und mussten schließlich weiterziehen, um noch unser letztes Ziel zu erreichen und die Fähre nicht zu verpassen. Inzwischen wurden zusätzliche Markierungen angebracht, durch die der Trampelpfad zum Werk leichter zu finden sein soll.

Zum Abschluss unserer Tour besuchten wir Patricia Buchers Arbeit Jede Seite hat zwei Medaillen. Das Werk verbindet eine stabile Fachwerkstruktur mit Ruderelementen und greift damit einen deutlichen Gegensatz auf: Auf der einen Seite stehen Schutz, Sicherheit und die Geborgenheit eines Zuhauses, auf der anderen die schwierige Überquerung des Sees. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen Getriebenheit und dem Wunsch nach Ankommen und Geborgenheit.

Auch der Standort dieser letzten Arbeit erwies sich als besonders schön. Von dort aus bot sich eine beeindruckende Aussicht über die umliegende Landschaft und den Untersee – ein passender Abschluss für unseren langen Tag zwischen Kunst, Wanderung und den beiden Ufern.

Nach vielen Kilometern zu Fuß, mehreren unerwarteten Hindernissen und zahlreichen Kunstwerken endete damit unsere Entdeckungstour auf der deutschen Seite des Untersees. Gerade die Verbindung aus Wanderung, Fährfahrt, Landschaft und Kunst macht „hänne und dänne“ zu einer besonderen Form der Ausstellung. Die Werke begegnen einem nicht in abgeschlossenen Museumsräumen, sondern unterwegs – manchmal gut sichtbar, manchmal versteckt und, wie wir selbst erfahren haben, gelegentlich auch schwieriger zu finden als erwartet.

Auch wenn nicht alles wie geplant verlief, machte genau das den Ausflug authentisch. Am Ende blieb vor allem der Eindruck eines gelungenen Projekts, das den Untersee aus einer ganz neuen Perspektive erlebbar macht.

Wer jetzt selbst Lust auf eine Entdeckungstour bekommen hat, findet auf der Website von hänne und dänne weitere Informationen zur Ausstellung, zu Führungen und möglichen Routen.

Weitere Informationen unter:
https://haenne-und-daenne.ch/

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September 2026 geöffnet.

@photos by kws

 

hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum: Teil 1

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Allgemein, Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Wann wart ihr das letzte Mal in einer Kunstausstellung, ohne ein Museum zu betreten?

Genau das macht das Projekt „hänne und dänne – Der Untersee als Kunstraum“ möglich. Seit Anfang Mai verwandeln 25 Kunstwerke die Region rund um den Untersee in eine Ausstellung unter freiem Himmel. Zwischen Berlingen, Steckborn, Gaienhofen und Hemmenhofen begegnet man Skulpturen, Installationen und konzeptionellen Arbeiten, die nicht hinter Absperrungen, sondern entlang öffentlicher Wege, direkt in die Landschaft eingebettet sind. Die Ausstellung verbindet dabei nicht nur verschiedene Orte, sondern auch die beiden Ufer des Untersees – Deutschland und die Schweiz.

Als wir von dem Projekt hörten, stand schnell fest: Das klingt nach dem perfekten Tagesausflug von Konstanz aus. Also planten wir unsere Route, schauten uns Zug- und Fährverbindungen an und überlegten, wie viel Zeit wir für den Rundweg einplanen sollten. Dabei gibt es viele Möglichkeiten, den Tag individuell zu gestalten. Auf der Website von hänne und dänne finden sich verschiedene Routenvorschläge und Empfehlungen für Rundfahrten, sodass man die Ausstellung ganz nach den eigenen Interessen erkunden kann.

Am Vormittag machten wir uns von Konstanz aus mit dem Zug auf den Weg nach Berlingen, wo wir gegen 10 Uhr ankamen. Vom Bahnhof aus ging es für uns zuerst direkt zum Hafen. Der Weg entlang des Ufers ist ruhig, nur vereinzelt sind Menschen unterwegs, manche bereits beim Schwimmen im See. Am Hafen selbst findet man auch die erste Arbeit der Freiluft-Ausstellung. Leider mussten wir dort erfahren, dass die Installation von Felix Stöckle mit dem Titel …S .-A .-..L ..-Ü mutwillig zerstört wurde. Trotzdem war es ein schöner Ort, um unsere Erkundungstour zu beginnen. Wer zur richtigen Zeit am Wochenende dort ist, kann in Berlingen außerdem das Adolf-Dietrich-Haus besuchen.

Von Berlingen aus folgten wir dem Weg Richtung Steckborn. Der Pfad durch die Weinberge dauert ungefähr eine Stunde und eröffnet unterwegs immer wieder schöne Ausblicke auf den Untersee. Vorbei an grasenden Kühen entdeckt man zwischendurch immer wieder Kunstwerke, die sich ganz selbstverständlich in die Landschaft einfügen. Ein Beispiel dafür sind die Flugblätter von Ursula Rutishauser. An verschiedenen Stellen hängen scheinbar lose Papierblätter zwischen den Bäumen, die auf den ersten Blick vom Wind verweht wirken. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass sie aus Stahl gefertigt sind. Man hat fast das Gefühl, dass sie zwischen den Ufern hin und her getragen werden und dabei eine Verbindung über die Grenze hinweg entstehen lassen.

In Steckborn angekommen nutzten wir die Zeit vor unserer Fähre nach Gaienhofen, die um 12 Uhr ablegte, um die dortigen Arbeiten zu erkunden. Der Weg führt direkt am See entlang bis zum Phönixtheater.

Unterwegs sahen wir unter anderem den illusionistischen Steg von Gianin Conrad, eine temporäre Konstruktion aus Holz und Stahl, die aus einer bestimmten Perspektive wie ein echter Steg wirkt. Die Arbeit spielt bewusst mit der Wahrnehmung und erinnert in ihrer Konstruktion an die räumlichen Illusionen von M. C. Escher. Je nach Standpunkt scheint der Steg das deutsche Ufer mit Steckborn zu verbinden und hebt damit die Grenze zwischen den beiden Seiten des Sees scheinbar auf. 

Ebenfalls auf dem Weg liegt Dialog von Rebecca Koellner, ein auf Baumrinde aufgetragener Text, der als poetischer Austausch zwischen den Ufern gedacht ist. Durch den Einsatz von Baumschutzpaste und Nachleuchtfarbe bleibt die Arbeit bewusst fragil und reagiert auf Wetter, Zeit und das Wachstum des Baumes selbst.

Fahrt mit der Fähre über den Untersee mit Blick auf Gaienhofen

Nach unserer Zeit in Steckborn ging es für uns mit der Fähre hinüber auf die deutsche Seite des Untersees. Wie sich der zweite Teil unserer Entdeckungstour dort weiterentwickelt hat, folgt in einem weiteren Beitrag nächsten Sonntag.

 

Weitere Informationen unter:

https://haenne-und-daenne.ch/ 

Die Ausstellung ist noch bis zum 27. September 2026 geöffnet.

@photos by kws

Die Wahrheit (und so viele Lügen) Jan Hus und seine Lehren: Wie er die Lügen der Kirche enttarnte oder es zumindest versuchte und wie die Installation “Wahrheit” zum Nachdenken anregt.

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Wie im letzten Beitrag schon angeschnitten, geht es heute um Wahrheit. Hus’ Lehre, also die Ansichten die er vertrat und predigte, Schriften zu anfertigte und für seine Wahrheit hielt, orientierte sich viel an John Wyclifs Anschauungen.

Wyclif war ein Engländer, der ebenfalls Kirchenreformer war, allerdings etwa zu Hus’ Geburt starb. Er setzte sich angesichts des sich unchristlich verhaltenden Klerus gegen den Machtanspruch des Papstamtes über nicht-kirchliche Belange ein, forderte Gnädigkeit statt Urteilsbildung und vertrat die Meinung, Mitarbeiter der Kirche sollten ein asketisches Leben führen statt im angehäuften Reichtum zu schlemmen. Ironischerweise verstieß er selbst gegen diese Auffassung. Während er in den 1370ern den offenen Prozess gegen den Papst noch gewann, und damit auch Anhänger seiner Lehren generierte, wurden 1382 seine Schriften ketzerisch verurteilt, was seinem Amt und Ruf schädigte. In den letzten Jahren vor seinem Tod vollendete er eine (nicht nur von ihm geführte) Sammlung Bibelübersetzungen und starb 1384. Hus war da etwa 12 Jahre alt. Wyclifs geistiges Vermächtnis zog eine kleine Schar Anhänger nach sich, die jedoch um die Jahrhundertwende stärker verfolgt und zum Rückzug in den Untergrund gezwungen wurden.

Nach einem Lehramtsstudium kam Hus mit Wyclifs Lehren in Berührung, die ihm zusagten. Das motivierte ihn schließlich zu einem Theologiestudium, und so wurde er nach Anbruch des neuen Jahrhunderts Priester. Auch er verurteilte den verschwenderischen Lebensstil des Klerus und bezeichnete sie als Räuber und Unterdrücker, obwohl sie Beschützer und Schenker sein sollten. Seiner Auffassung nach sei Kirche mehr eine geistliche Gemeinschaft und nicht zwingend mit der Institution gleichzusetzen, da das Verhalten einer Person über ihre Zugehörigkeit entscheide und nicht die Mitgliedschaft an sich. Heute ist es geläufig in ‘Glauben (christliche Ideologie)’ und ‘Kirche (Institution)’ zu unterscheiden, damals lief alles unter einem Hut. Jan Hus lehnte Ablassbriefe ab, verurteilte die Forderung von Geschenken im Gegenzug zu priesterlichen Diensten und kritisierte fingierte Wunder Gottes. Generell vertrat er die Ansicht, Mitglieder der Institution hätten sich zu verhalten wie sie selbst predigten, und wären nach gleichen Mitteln zu verurteilen, sollten sie selbst sündigen. Hus war ein Gegner der kirchlichen Autorität über die heilige Schrift, und indem Proklamationen durch die Autorität der Institution statt der heiligen Schrift getätigt würden, lasse man absichtlich das Volk über die Wahrheit im Dunkeln. So predigte und sang er zum Beispiel seit 1402 die Gottesdienste in Landessprache statt Latein.

Im Großen und Ganzen kritisierte Hus, dass der Klerus sich unchristlich verhielt und damit davonkam, dass das Volk ausgenutzt und nach Strich und Faden für den eigenen Gewinn belogen wurde und nur die gut situierten Bürger:innen im Volk in den Genuss der wenigen kirchlichen Leistungen kommen konnten. Aus heutiger Perspektive nicht mehr so innovativ, war damals die Kritik des mächtigsten Unternehmens des Mittelalters ein gewagtes Unterfangen, das kritischen Stimmen wie Hus und Hieronymus den unfreiwilligen Tod einbrachte, obwohl sie nur die Wahrheit verkündeten.

Die Installation ‘Wahrheit’ am Stephansplatz wirft die Frage um die Wahrheit auf.

Was ist die ‘Wahrheit’?

Wir befinden uns vor dem Bürgersaal. Die Verbindungsstraße zwischen dem Stephansplatz, der als Parkplatz, Wochenmarkt und Veranstaltungsort für Volksfestigkeiten dient, und der Laube, die seit der Umsetzung des C-Konzepts im Innenstadtring als Hauptstraße für PKWs gilt, wird von allen Verkehrsteilnehmern regelmäßig genutzt. Nur Ansätze an der Häuserfassade erinnern an die architektonische Vergangenheit des Bürgersaals. Aufbereitete Stützenreliefs zieren die Wand des ehemaligen Klosters. Neben dem fulminanten Eingang des Bürgersaals ragen acht Stahltableaus aus der Wand, in unregelmäßiger Platzierung wie eine Leiter auf Koffein. In diesem Gebäude wurde Hus eine Zeit lang festgehalten, als er Konstanz besuchte. (Das bunte Relief an der Stirnseite zum Stephansplatz hängt inhaltlich und historisch nicht mit Jan Hus zusammen, ‘Wahrheit’ ist um einige Jahre neuer als das Hecker-Relief). Die Stahlplatten haben die Buchstaben des Wortes ausgefräst und sind quer zur Wand befestigt, die unterste Kante ziert die Inschrift “JAN HUS 06/07 1415/2015”, die Unterseite trägt die Namen der Künstler. Wenn man schonmal da unten ist, lohnt sich auch gleich der Blick nach oben. Dabei fällt auf, dass die Buchstaben nicht gerade ausgeschnitten wurden, sondern leicht schräg. Der Winkel hat einen ganz bestimmten Grund, der sich erst offenbart, wenn die Sonne scheint: Die Westwand wird von der Nachmittags- und Abendsonne gestreichelt und wirft Schatten und Licht auf die Fassade. In leuchtenden Lettern strahlt “Wahrheit” einem entgegen. Aber nicht gerade, nein, sondern schräg. Die Wahrheit ist verzerrt, verquer, störend. Sie ist lesbar, aber mit einem Fragezeichen, mit Unsicherheit. Bedeutungsschwanger und fast schon drohend weist sie darauf hin, wie jemand die Macht hat, die Wahrheit zu lenken, wie sie nicht objektiv, ja, nicht einmal wahr sein muss. Hus’ Lehre drehte sich um Wahrheit, Freiheit und Machtmissbrauch, er wollte sichtbar machen, wie diejenigen, die angeblich Wahrheit wiedergeben, sie überschreiben, sie verbiegen. Von oben herab diktieren. Von oben kommt auch das Licht, ohne das man die Wahrheit nicht so leicht erkennen kann.

Einen Zeitraum im Jahr jedoch, kurz vor und nach der Sommersonnenwende, ist die Wahrheit gerade. Vom 6. Juni bis zum 6. Juli, dem Zeitraum, in dem Hus Gefangener des Klosters war, entfaltet das Kunstwerk seine gesamte Schönheit, bis an Hus’ Todestag die Abschrägung erneut ihren Zyklus beginnt. Bis zum Ende hätte er seine Lehren widerrufen können, bis er tatsächlich angezündet wurde. Er weigerte sich jedoch vehement, was ihn zum Märtyrer der Wahrheit machte.

In Prag gibt es eine Zwillingsinstallation zu der Wahrheit am Stephansplatz, mit dem korrespondierenden Worten “Za Pravdu” – Für die Wahrheit. Dort wird auf sehr direkte Weise die Bedeutung des Kunstwerks unterstrichen.

Zu guter Letzt ist die Wahrheit nur bei wolkenfreiem Wetter zu erkennen, wenn die Sonne hilft. Obwohl, man kann sich auch direkt an die Hauswand stellen und von unten darauf schauen, denn eigentlich ist die “Wahrheit” immer da. Nur manchmal etwas schwer zu erkennen.

Blick auf die Südwand des Bürgersaals. Die verschobene Anordnung der Stahltableaus lässt mit ein wenig Fantasie die Buchstaben aufleuchten, stark verzerrt durch die Position der Sonne.

So sieht die ‘Wahrheit an einem sonnigen Tag Mitte April aus.     (@photo by KWS)

Im letzten Beitrag haben wir uns das älteste Hus-Denkmal angsschaut, was einige Zeit und einen vehementen Bürgermeister gebraucht hat um erlaubt zu werden.

➔ Hier geht es zum letzten Beitrag

Im nächsten Beitrag laufen wir von hier los Richtung Laube und schauen uns das neuste Denkmal unserer Reihe an. Eine Interpretation rund um den “Kelch”, den Ablauf der Verbrennung, Verurteilung und was die Stadt Konstanz dazu zu sagen hat.

Der Narr Hans Kuony von Stockach — seine Geschichte, seine Bräuche und sein Denkmal

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Hans Kuony ist eine der bekanntesten Figuren der schwäbisch-alemannischen Fasnacht. Es gibt zwar keine eindeutigen Belege für seine historische Existenz, aber seine Geschichte lebt in Stockach, im berühmten Narrengericht und im Hans Kuony-Brunnen weiter. Die Geschichte von Hans Kuony beginnt mit der Schlacht am Morgarten. Kuony soll als Hofnarr für den Habsburger Herzog Leopold I. gearbeitet haben. Bevor die Armee in die Schweiz loszog, gab Kuony dem Herzog einen Rat: „Da hand ir all geratten wa ir in dasz land koment, aber keiner hat geratten wa ir her wider usz koment.“ (Da habt ihr alle überlegt, wie ihr in das Land kommt, aber keiner hat überlegt, wie ihr wieder raus kommt.) Der Herzog ignorierte diese Warnung. Die Folge war eine vernichtende Niederlage. Erst im Nachhinein wurde realisiert, wie schlau der Narr war. Die Geschichte machte Kuony zu einem ganz besonderen Hofnarren. Denn er durfte die Wahrheiten aussprechen, die anderen verwehrt blieben. Als Dankeschön soll Kuony einen Wunsch erfüllt haben. Er wollte, dass seine Heimatstadt Stockach einmal im Jahr Gericht halten dürfe. Dieses Privileg wurde, so heißt es, 1351 von Albrecht II. von Österreich genehmigt. So kam es zur Gründung des „Hohen Narrengerichts zu Stocken“, das bis heute besteht. 

Aber was macht Kuony eigentlich heute? 

Auch heute ist Hans Kuony die zentrale Symbolfigur der Stockacher Fastnacht. Beim Narrengericht ist er selbst als Figur dabei — als Narr, der das Geschehen begleitet und sozusagen der geistige Ursprung der Veranstaltung ist. Jedes Jahr am „Schmotzigen Dunschtig“ wird eine prominente Persönlichkeit, oft aus der Politik, vor das Narrengericht geladen. Dabei geht es nicht darum, zu bestrafen, sondern um satirische Kritik. Damit ist Kuony viel mehr als nur ein vermeintlicher Mythos — er ist ein lebendiges Symbol für politische Satire und bürgerliche Selbstbestimmung. 

Und wenn mal keine Fasnacht ist, macht der Hans-Kuony Brunnen als Denkmal auf diese Tradition aufmerksam. Die Brunnenfigur zeigt Kuony als warnenden Narren mit erhobenem Finger. Die Figur wurde von dem Bildhauer Werner Gürtner, geschaffen. Seit die Innenstadt umgestaltet wurde, steht der Brunnen in der Hauptstraße vor dem Bürgerhaus. Der Brunnen, das Narrengericht und die Figur des Hans Kuony sind alle miteinander verbunden. Sie machen die Geschichte in Stockach sichtbar und erlebbar. Obwohl manche Historiker bezweifeln, dass es Kuony wirklich gab, ist seine Wirkung unbestreitbar. Er steht für eine jahrhundertealte Tradition, in der Humor, Kritik und Gemeinschaft zusammenkommen. Somit trägt der Narr bis heute zur kulturellen Identität von Stockach bei. 

Auf Spurensuche: Ein Stein, der seinen Namen trägt

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Wieso ein 600 Jahre alter Tscheche für uns relevant ist, und wie wir dafür kämpfen mussten

Das älteste der Hus-Denkmäler in Konstanz ist der Findling, der den Ort der Verbrennung kennzeichnet. Er wurde 1862 aufgestellt, nachdem 30 Jahre darüber diskutiert wurde, und trägt auf seiner verwitterten Oberfläche ein Schild, das die Aufschrift “Jan Hus 6.(14.)Juli 1415” ziert. Er steht (wahrscheinlich) an der Stelle, an der Jan Hus und Hieronymus von Prag verbrannt wurden, hingerichtet durch Feuertod. Die Randdaten und Umstände haben wir im letzten Beitrag schon angeschnitten, ansonsten hier gerne auffrischen.

Auf dem Platz des Findlings in Konstanz kreuzen sich zwei Straßen, eine gepflasterte Wendeplatte, wenn man so will. Vor dem Stein lädt eine Bank zum Niederlassen ein, ein paar Blümchen zieren die Stein-Insel. Heute schaut man auf eine ruhige Wohngegend, früher blickte man auf unbebautes Gebiet. Wenn man still ist, hört man Vögel zwitschern, ab und an läuft ein Hundehalter oder eine Joggerin vorbei. Es ist auf der einen Seite befremdlich, wie ein Ort von so viel Grauen zu so einer Ruheoase werden kann, auf der anderen Seite ist es tröstend. Der Findling ist imposant, er misst 350 Zentner¹ schwärzlichen Kalkstein, seine äußere Gestalt ist recht unscheinbar. Es sind keine Formen eingeritzt, keine bildhauerischen Kunstwerke hinzugefügt, und der wenigen Flechten nach zu urteilen wird sie regelmäßig gereinigt. Trotzdem trägt der Findling große Bedeutung für Hus’ Vermächtnis und ist ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht.

Warum die (14.)?

Hus hatte selbst im tschechischen Raum schon einen halben Reformkrieg hinter sich. Das Schisma (also die Differenzen wegen mehr als nur eines Papstes und die drohende Kirchenspaltung) hatte ihn als Sprecher der böhmischen Theologen, und mit dem Aufruf zum Kreuzzug einer der Päpste mit Versprechen zum Ablass für alle Kämpfenden entfachte eine erneute Welle an Kritikern des Ablasskonzeptes. Am 14. Juli 1412 wurden drei Männer, die sich besonders dagegen engagierten, hingerichtet, was zu Empörung und sofortiger ‘Märtyrisierung’ der Hingerichteten führte. Auch wenn sich kein definitiver Hinweis auf den Zweck der eingeklammerten 14 auf dem Hussenstein findet, könnte sie eine stumme Hommage an die drei Märtyrer von 1412 sein, schließlich starben alle fünf Hingerichteten wegen ihrer Kirchenkritik.

Wir haben ihm (endlich) ein Denkmal gebaut

Schon in den 1830ern versuchte man, in Konstanz ein Denkmal für Hus und Hieronymus zu errichten. Der damalige Bürgermeister Karl Hüetlin bekam mit seiner Idee reichlich Gegenwind. Trotzdem taufte er ein Dampfschiff nach dem Reformator, das später jedoch wieder umbenannt wurde.

Konstanz gehörte 1830 zum Großherzogtum Baden, das sich von 1815 bis 1866 u.a. mit den Königreichen Württemberg, Hohenzollern, Bayern und dem Kaiserreich Österreich zum Deutschen Bund zusammenschloss. Die monarchische Ordnung der Länder rief immer wieder liberale Gegenstimmen auf den Plan, zu denen auch Karl Hüetlin gehörte. Die Liberalen sahen in Hus nicht nur einen religiösen Reformator, sondern auch einen Märtyrer für freie Meinungsäußerung (in dem Fall monarchiekritisches Gedankengut). Hüetlins publike Bemühungen, der liberalen Schildfigur ein Denkmal zu setzen, erregten die Aufmerksamkeit des österreichischen Außenministeriums, das zu dem Zeitpunkt über das böhmische Gebiet, das heutige Tschechien und Hus’ Heimat, herrschte. Dringendes Anraten von Österreich, und nach dem Dampfschiff-Eklat später auch Baden, hinderten Hüetlin letztendlich an der Umsetzung. Erst 1861, nach den liberalen Reformen unter Großherzog Friedrich I., wurden die Bemühungen um ein Denkmal für Hus und Hieronymus wieder aufgenommen. Den ehemaligen Ort der Verbrennung der beiden befand man als geeignete Gedenkstätte, die zwei Jahre später mit dem Findling aus Hegne umgesetzt wurde. Finanziert wurde es kurzerhand aus freiwilligen Spenden verschiedener Quellen, beispielsweise Macaire (Indigo-Färberei auf der Dominikanerinsel, heute Inselhotel), Herosé (Textildruckerei auf dem Areal des heutigen gleichnamigen Parks) und Jakob Stadler (ehemaliger Eigentümer des Stadler-Verlages, bis 1866 Bürgermeister von Konstanz²). Nach über vier Jahrhunderten bekamen Hus und Hieronymus endlich ihr Denkmal, und trugen mit der Neukonnotierung auch zum europäischen politischen Fortschritt bei.

Der Stein heute

Tschechische Auslandsvereine freuten sich über die Ehrung ihres Vorfahren so sehr, dass kleinere und größere Besuche und Pilgerfahrten an den Hussenstein organisiert wurden. Bis heute ist die posthume Anerkennung von Hus’ Bemühungen ein großer Teil des tschechischen Nationalstolzes, was gerade in den Jahren des Konzilsjubiläums zu weiteren künstlerischen Gedenkorten führte, auch wenn die Pilgerfreude hierher abgenommen hat. Aber nicht alle sind mit dem Hussenstein glücklich, vereinzelte Stimmen zum Beispiel der alteingesessenen Familie Gebauer zeigen sich enttäuscht über die Unterwältigkeit des Denkmals angesichts Hus’ europäischem Märtyrerstatus.

¹Das behauptet jedenfalls die Stadt Konstanz auf ihrer Website. Südkurier spricht von 35 Tonnen. Laut des deutschen Zollvereins ist jedoch seit 1858 ein Zentner als 50kg festgelegt, was den Stein 17,5 Tonnen schwer machen würde. Andere Quellen sprechen von ‘nur’ wenigen Hundert Kilo Gewicht. Die zeitliche Nähe der Normierung des Zentners und Aufstellung des Steins wirft aber auch eine prä-normierte Verwendung von “Zentner” in den Raum. Eigentlich hat also keiner wirklich eine Ahnung wie schwer das Ding ist.

²Wer jetzt denkt “Moment, den Namen Stadler hab ich doch schonmal gehört…”: Die erste Druckerei des Verlages Stadler war im gleichnamigen Stadlerhaus, das am 25. Juli 2024 Feuer fing und dadurch für Schlagzeilen sorgte. Seitdem werden die teilweise bereits sanierten Räumlichkeiten für Ausstellungen genutzt. Aber auch für die schöne Jugendstilarchitektur lohnt sich ein Besuch!

Unser zweiter Stopp im nächsten Beitrag führt uns gen Osten auf den Stephansplatz, wo wir auf der Südwand des Bürgersaals eine Installation erblicken, die eigentlich seit 2018 wieder abgebaut werden sollte: “Wahrheit”. Es empfiehlt sich, an sonnigen Tagen dorthin zu gehen, vielleicht ja sogar im Juni oder Juli. Durch einen kurzen Einblick in Hus’ Lehren erhalten wir verschiedene Perspektiven auf Wahrheit, die das Kunstwerk in Perspektive rückt.

Auf Spurensuche: Jan Hus und seine Denkmäler

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Das Konzil ist zweifelsfrei das bedeutendste Ereignis, das Konstanz jemals ausrichten durfte. Bis heute, über 600 Jahre später, prägt es die Stadt und den Tourismus. Die Praxis, die Schattenseiten des Konzils aufzuarbeiten, ist eine eher moderne Entwicklung, deren Feld noch nicht voll ausgeschöpft ist. Eine der Schattenseiten ist die Verurteilung zum Tode des tschechischen Reformators Jan Hus, dem durch verschiedene Kunst- und Denkmäler gedacht wird.

Wer, wie, wo, warum?

Johannes Hus, geboren etwa 1369, war ein tschechischer Geistlicher, der zum Konzil 1414-18 nach Konstanz geladen wurde. König Sigismund sicherte ihm freies Geleit zu, was jedoch gebrochen wurde, als Hus früher als vereinbart ankam. Sigismund selber erreiche Konstanz erst nach Hus, regte jedoch außer seinem Gemüt keinen Finger für Hus’ Freiheit.

Nach einigen Jahren Gefangenschaft in verschiedenen Gebäuden wurde Hus schließlich zum Tod durch Feuer verurteilt und verbrannt. Der Grund? Er sei ein Ketzer. In Wahrheit vertrat Hus jedoch reformatorische Ansichten, die die Lebensweise des Klerus und die Besitzfülle der Kirche kritisierten. Davon war die Kirchenspitze nicht begeistert, konnte aber im böhmischen Raum nichts gegen ihn tun. Ein taktischer Bruch des Geleitversprechens ist deshalb nicht auszuschließen, da auch Hus’ Klerik-Kritik und reformatorische Unruhen durch das Konzil beseitigt werden sollten und ein Geleitbrief die Gefangenname, Verurteilung und Aufforderungen zum Widerruf unter Androhung der Todesstrafe nicht ermöglicht hätte. Seine Verbrennung am 6. Juli 1415, und ein Jahr später am 30. Mai 1416 auch die des Hieronymus von Prag, schlug Empörungswellen, die zu den Hussitenkriegen führten. Sogar Luther berief sich später auf Hus‘ Lehren, und noch heute wird er im tschechischen Raum verehrt wie ein Nationalheiliger. Ironischerweise musste Sigismund, der, um sich die Böhmische Krone seines Bruders Wenzels zu sichern, Hus’ Geleitversprechen nicht durchsetzte und damit indirekt für seinen Tod verantwortlich wurde, nach den Hussitenkriegen eben jene Kirchenreformen, die mit Hus verbrennen sollten, anerkennen.

In den nächsten Wochen reisen wir durch Konstanz und verfolgen Stationen auf dem Leidensweg von Jan Hus. Unser erster Stopp führt uns ins Paradies zwischen dem Alten Graben und Zum Hussenstein, wo wir über die Bedeutungswandlung reden, vom Gelehrten zum Märtyrer und was Europa damit zu tun hat. Gemeinsam fangen wir dort an, wo für ihn alles aufhörte, und doch irgendwie alles begann: Der Hussenstein.

Ein neues Zuhause für Farbe und Fantasie

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Kunst & Architektur, Kunst im öffentlichen Raum

Lindau am Bodensee, ein Ort wo sich Natur und Kultur so harmonisch begegnen, entsteht derzeit ein außergewöhnliches Kunstprojekt: Das Kunstforum Hundertwasser. Mit der Ausstellung „Das Recht auf Träume“, die vom 15. März 2025 bis 11. Januar 2026 läuft, widmet sich Lindau dem Werk des österreichischen Künstlers Friedensreich Hundertwasser und das nicht nur vorübergehend, sondern über mehrere Jahre hinweg.

Der Impuls für die Ausstellung kam von der Stadt Lindau selbst. Nach dem großen Erfolg einer früheren Hundertwasser-Schau im Jahr 2019 die rund 90.000 Besucherinnen und Besucher an den Bodensee lockte entstand der Wunsch, die Verbindung zwischen dem Künstler und der Inselstadt dauerhaft zu vertiefen.

So wurde das Kunstforum Hundertwasser gegründet, eine Einrichtung, die über fünf Jahre hinweg vier große Ausstellungen präsentieren wird. Ziel ist es, Hundertwassers Kunst, Philosophie und ökologische Visionen in all ihren Facetten zu zeigen immer wieder neu und aus wechselnden Perspektiven.

„Das Recht auf Träume“ ist nicht einfach eine Retrospektive, sondern der Auftakt einer mehrjährigen Auseinandersetzung mit Hundertwassers Werk. Sie will inspirieren, zum Nachdenken anregen und daran erinnern, dass Kunst mehr sein kann als Dekoration.

Hundertwasser forderte ein Recht auf die ungerade Linie und das Recht, anders zu sein. In Lindau bekommt diese Haltung einen festen Platz mitten im Herzen der Stadt, umgeben von Wasser.

Bunte, fantasievolle Seelandschaft

Wer war Hundertwasser?

Friedensreich Hundertwasser, geboren 1928 in Wien als Friedrich Stowasser, war ein vielseitiger Künstler: Maler, Architekt, Umweltaktivist und Philosoph. Schon früh zeigte sich seine Liebe zur Natur und seine Abneigung gegen starre Regeln – sowohl im Leben als auch in der Kunst.

Nach seiner Ausbildung an der Wiener Akademie der bildenden Künste reiste er viel, lebte zeitweise in Neuseeland und bezeichnete sich selbst als „Blutarchitekt“, weil er seine Entwürfe als etwas Lebendiges verstand. Hundertwasser starb 2000, doch seine Werke leben weiter in Gemälden, Häusern und auf Briefmarken.

Hundertwassers Malerei ist auf den ersten Blick unverwechselbar. Seine Bilder sind eine Explosion aus Farben, Spiralen, Wellenlinien und organischen Formen. Er lehnte gerade Linien ab. Stattdessen glaubte er an den organischen, lebendigen Fluss der Natur, den er in seiner Kunst sichtbar machte. Typisch für seine Werke sind leuchtende, kontrastreiche Farben, Spiralen und Kreise, als auch Fenster und Häuser als wiederkehrende Motive.

Auch in der Architektur setzte Hundertwasser seine Ideen konsequent um. Seine Gebäude – wie das Hundertwasserhaus in Wien oder die Kuchlbauer-Turm-Brauerei in Abensberg – wirken wie gewachsene Organismen mit bunten Fassaden, unregelmäßigen Fenstern, begrünten Dächern ohne geraden Linien, oder rechten Winkeln. 

Sechser im Lotto

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Allgemein, Deutsch, Junge Kunst, Kunst & Architektur, Kunst am Bau, Kunst im öffentlichen Raum

Die „Lotterie des Lebens“ bezieht sich auf einen Beitrag, der im Rahmen des Charity Slam 2023 entstanden ist und für die Aktion „Kunst an der Baustelle“ gekürzt wurde. Er thematisiert die Alltagsprobleme, mit denen wir hierzulande zu kämpfen haben und stellt sie den Problemen gegenüber, mit denen Menschen auf der anderen Seite der Welt konfrontiert sind. Meist zwei vollkommen unterschiedliche Arten von Problemen.

Sechser im Lotto

Sechser im Lotto – @Jacqueline – Foto by © Jean-Marcel Rieger  Künstlerin: Jacqueline

Die Lotterie des Lebens: Glück, Schicksal und die Kunst des Losziehens

Jeder von uns hat bereits von ihr gehört oder sie vielleicht sogar selbst erlebt: die Metapher von der „Lotterie des Lebens“. Doch was verbirgt sich wirklich dahinter? Ist unser Leben lediglich ein Zufall, eine Frage des Glücks oder steckt mehr dahinter als nur das Ziehen eines beliebigen Loses? In diesem Blogbeitrag untersuchen wir die Bedeutung dieser faszinierenden Metapher und was sie über unser Verständnis von Glück und Schicksal aussagt.

Die Bedeutung der „Lotterie des Lebens“ 

Der Begriff beschreibt die Unvorhersehbarkeit unseres Lebens und Daseins. Wie bei einer Lotterie, bei der man nie genau weiß, welche Zahlen gezogen werden, wissen wir oft nicht, welche Chancen oder Herausforderungen uns im Leben erwarten. Manche Menschen scheinen mit einem „guten Los“ geboren zu sein – wohlhabend, gesund, glücklich – während andere mit weniger Glück kämpfen müssen. Bei manchen ist es auch so, dass sie das Glück im Verlauf des Lebens verlässt und sie so ihr „gutes Los“ verlieren und plötzlich zu der anderen Gruppe gehören. Diese Metapher regt dazu an, über das Verhältnis von Zufall und Kontrolle nachzudenken. Sind wir bloß Spielbälle eines unberechenbaren Schicksals? Oder haben wir Einfluss auf unsere Lebensumstände und die Karten, die man uns zuspielt? In diesem Sinne stellt sich auch die Frage, was bedeutet ein ‚Sechser im Lotto‘ in der Lotterie des Lebens? Wir haben dazu einige unserer KWS Mitglieder gefragt:

  • Für mich bedeutet ein ‚Sechser im Lotto‘ Gesundheit, Schwerelosigkeit, das Gefühl von angekommen sein, in mir ruhen und sorglos einzuschlafen. 
  • Ganz einfach: Für immer Urlaub und keine Arbeit mehr! 
  • Ich denke eher an einen Gefühlszustand, nichts materielles.
  • Für mich bezieht sich ein ‚Sechser im Lotto‘ nicht auf eine Person, sondern auf einen Zustand, den du nur bekommst, wenn Familie, Freunde und die ganz normalen Grundbedürfnisse erfüllt sind. 
  • Ganz klar.. Das ist ein emotionaler Wert!
  • Schwierige Frage. Etwas, das man nicht erreicht kann – vier oder fünf richtige reichen mir vollkommen aus.
  • Ein totales Klischee! Für mich ist wichtiger, dass alle wichtigen Personen gesund sind. 
  • Generell bedeutet ein Sechser im Lotto eine Stabilität im sozialen und finanziellen Aspekt. 
  • Eine willkürliche Entscheidung und der Zufall entscheiden. Durch puren Zufall bekommt man einen großen Gewinn. Das muss aber nicht nur finanziell gemeint sein. Beispielsweise kann man auch das Fahrrad statt den Bus nehmen und so nicht in ein Spinnennetz an der Bushaltestelle laufen.
  • Ein Stück Schönheit mit dem ich nicht gerechnet habe.
  • Bei einem solchen Gewinn hätte ich eher angst. Geld ist wichtig, um über die Runden zu kommen, aber ein normales Gehalt reicht vollkommen. 1 Million Euro würde mehr Probleme und Sorgen mit sich bringen. 
  • Niemand rechnet mit einem Sechser im Lotto. 
  • Ein sorgloses Leben mit 10 Hunden, 5 Axolotl, 20 Katzen und den Liebsten. 

Es wird schnell klar, dass nicht jeder den „Sechser im Lotto“ gleich interpretiert. Für manche ist es ein Gefühl, für andere die Tatsache, dass es den liebsten Menschen gesundheitlich gut geht. Fest steht aber, dass wir den Sechser im Lotto eigentlich nicht als etwas schlechtes ansehen. Natürlich ist die Chance immer gering, dass man den Sechser im Lotto hat, doch es gibt Lottoscheine, auf denen am Ende einer Ziehung die richtigen sechs Zahlen stehen. Auch wenn die Chance gering ist, besteht sie dennoch. In der Lotterie des Lebens können wir zwar keine physischen Lottoscheine kaufen, doch am Ende kann sich auch im Leben das Blatt wenden und mit viel Glück und einer Prise Schicksal stehen am Ende des Tages die richtigen sechs Zahlen auf dem besagten Schein. Man kann eine Krankheit besiegen, sich ins Leben zurück kämpfen oder finanzielle Freiheit erlangen. Zugleich ist es aber auch möglich, dass man auf dem Höhepunkt der Karriere einige Gänge zurückschalten muss, weil die eigene Gesundheit oder die von den Liebsten einen dazu zwingt. Das Leben ist ein auf und ab und genau das spiegelt sich in dem hier gezeigten Werk und auch dem Titel wieder. Man kann direkt zu Anfang oder auch erst nach dutzenden Versuchen einen Sechser im Lotto bekommen. Zugleich ist es leider auch möglich, dass es nie dazu kommt. Wer sich die Wahrscheinlichkeit eines Sechsers im Lotto in Deutschland anschaut, wird auf folgende Wahrscheinlichkeit stoßen: 1/15.537.573,33. Es scheint unmöglich zu sein, doch immer wieder gibt es Menschen, die den Jackpot knacken. Sie schaffen es aber nicht, ohne selbst aktiv zu werden und sich ein Los zu kaufen. Übertragen wir das auf unser Leben oder eher gesagt die Lotterie des Lebens, ist es ähnlich. Es wird sich nichts ändern, wenn wir nicht aktiv werden, nicht mit den Scheinen an den Ziehungen teilnehmen, die man uns zugelost hat. Es besteht die Möglichkeit, dass wir viele Niete ziehen, doch genau wie im echten Lotto, ist ein Gewinn nicht unmöglich. Er ist nur sehr selten. 

Bleibt am Ende nur noch die Frage: Was bedeutet ein ‚Sechser im Lotto‘ für dich? Verrate es uns in den Kommentaren.