Dieses Foto existiert eigentlich nicht.

Unterführung am Seerhein in Konstanz ohne Graffiti als KI-gestützte Visualisierung.

KI-gestützte Visualisierung eines realen Ortes in Konstanz. Ausgangsfoto: @KWS

Das Foto zeigt die Unterführung an der Schänzlebrücke am Seerhein. Zumindest fast. Die Graffiti wurden aus dem Bild entfernt, die Wände sind leer. Übrig bleiben Beton, Geländer und Schatten.

Der Ort funktioniert auch so. Es gibt nichts was unbedingt fehlt.

Und trotzdem wirkt er anders. Irgendwie leiser.

Also habe ich mich gefragt: Was wäre Konstanz ohne Kunst?

In Wirklichkeit sind die Wände und Pfeiler der Unterführung voller Graffiti. Es kommen zwar immer wieder neue Werke hinzu, werden übermalt oder ergänzt. Aber wenn man hier öfter vorbeiläuft, schaut man wahrscheinlich irgendwann gar nicht mehr richtig hin. Die Motive werden einfach zu einem Teil des Ortes.

Unterführung am Seerhein in Konstanz mit bunten Graffiti an den Betonwänden.

Originalaufnahme der Unterführung @KWS

Erst als ich die Graffiti aus dem Bild entfernt hatte, ist mir aufgefallen, wie sehr sie den Ort eigentlich prägen. Dabei muss nicht jedes einzelne Motiv besonders schön oder bedeutungsvoll sein. Aber zusammen verleihen die Farben und Formen einer ganz normalen Unterführung Charakter.

Kunst, die wir oft übersehen

Mit dieser Frage im Kopf bin ich weiter durch Konstanz gelaufen und habe genauer hingeschaut. Am Ende waren es gar nicht die großen Sehenswürdigkeiten, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, sondern eher die Dinge, mit denen ich überhaupt nicht gerechnet hatte und mir ganz zufällig begegnet sind.

Ein gemaltes Plakat von einem anatomischen Herz an einer Laterne am Seerhein.

Foto @KWS

An einer Laterne ein selbst gemaltes anatomisches Herz in Form eines Plakats. Ohne Namen, ohne Erklärung und ohne Hinweis darauf, wer es dort angebracht hatte. Es war einfach da und auffällig genug, dass ich kurz stehen blieb.

Paar Schuhe, das über einem Ast am Seerhein hängt.

Foto @KWS

Auf der anderen Rheinseite entdeckte ich später ein Paar Schuhe, die in einem Baum hingen. Von wem sie stammen und warum sie dort gelandet sind, blieb genauso unklar. Ob bewusste Aktion, Scherz oder einfach ein Gegenstand am falschen Ort – eindeutig einordnen ließ es sich nicht.

Ob das nun Kunst ist oder nicht, war für mich irgendwann gar nicht mehr so wichtig. Spannender fand ich, was solche Dinge mit einem Ort machen: Sie reißen einen kurz aus dem Gewohnten. Man schaut genauer hin, blickt nach oben und fängt automatisch an, sich eine Geschichte dazu auszudenken. Ab diesem Punkt hat es mich eher beschäftigt, ab wann etwas einen Ort so verändert, dass wir ihn plötzlich anders wahrnehmen.

Spuren einer Stadt

Je länger ich durch die Stadt lief, desto mehr solcher Spuren fielen mir auf: Sticker an Laternen und Mülleimern, bemalte Pfeiler und Aufkleber, die so oft überklebt worden waren, dass man manche kaum noch erkennen konnte.

Sticker und kleine künstlerische Spuren an einer Wand in Konstanz.

Foto @KWS

Sticker, Tags und kleine künstlerische Spuren an einem Mülleimer in Konstanz.

Foto @KWS

Nicht alles davon wurde angebracht, um Kunst zu sein. Nicht alles ist erlaubt, und nicht alles gefällt jedem. Trotzdem wird daran deutlich, dass der öffentliche Raum nicht nur durch Architektur und Stadtplanung geprägt wird. Menschen nutzen ihn, verändern ihn und hinterlassen Spuren und Botschaften.

Solche Spuren verändern sich ständig. Sticker werden überklebt, Graffiti übermalt und Zeichen irgendwann entfernt. Eine Wand wird dadurch nicht zu einem abgeschlossenen Werk, sondern verändert sich immer weiter. Unterschiedliche Stimmen liegen übereinander – manchmal lesbar, manchmal nur noch als Farbe, Kleberest oder abgerissene Papierkante.

Graffiti auf einem Pfeiler der Fahrradbrücke.

Foto @KWS

Unter der Fahrradbrücke fiel mir zwischen den vielen Schriftzügen besonders ein Wort auf: HEIMAT.

Irgendwie passte es genau an diesen Ort. Eine Stadt wird schließlich nicht nur durch ihre Gebäude, Straßen und Wahrzeichen vertraut. Dazu gehören auch die Dinge, die nie geplant waren: ein bestimmtes Graffiti, eine beklebte Laterne oder eine Bank, deren Tags man schon so oft gesehen hat, dass man sie wahrscheinlich erst bemerken würde, wenn sie plötzlich weg wären.

Junge Frau auf einer bemalten Bank.

Foto @KWS

Auf genau so einer Bank am Seerhein saß eine junge Frau, bedeckt von Tags und Schriftzügen. Die Bank wurde ganz selbstverständlich benutzt, als würden die Bemalungen einfach dazugehören. Das Interessante daran: Diese Spuren existieren nicht getrennt vom Alltag. Menschen sitzen darauf und laufen täglich daran vorbei. Irgendwann gehören sie so sehr zum Ort, dass man es kaum noch hinterfragt.

Die Kunst, die jeder kennt

Nach all den Stickern, Graffiti und kleinen Fundstücken rückten die bekannten Kunstwerke der Stadt fast ein bisschen in der Hintergrund.

Wandmalerei an der Marktstätte in Konstanz.

Foto @KWS

Kind sitzt auf der Pferdeskulptur neben dem Brunnen auf der Marktstätte.

Foto @KWS

Auf der Marktstätte fiel mir besonders die Pferdeskulptur am Brunnen auf. Ein Kind saß auf ihrem Rücken. Für diesen Moment war sie nicht nur ein Kunstwerk, sondern einfach Teil des Spiels. Gerade das zeigt, wie sehr solche Skulpturen zum Alltag gehören: Sie werden nicht nur angeschaut, sondern angefasst, benutzt und ganz nebenbei mit Erinnerungen verbunden.

Die Imperia im Hafen in Konstanz

Foto @KWS

Auch die Imperia gehört so fest zum Konstanzer Hafen, dass man sich den Ort ohne sie kaum vorstellen könnte. Würde sie plötzlich verschwinden, würde es wahrscheinlich sofort jeder der auf die Weiten des Bodensees schaut, bemerken. Bei einem Sticker, einem Tag oder dem gemalten Herz an der Laterne wäre das anders. Trotzdem verändern auch diese kleinen Dinge ihre Umgebung, nur für eine begrenzte Zeit.

Genau dieser Gegensatz blieb mir auch nach dem Spaziergang im Kopf: Auf der einen Seite stehen Kunstwerke mit Titel, Künstlername und einem festen Platz in der Stadt. Auf der anderen Seite gibt es anonyme Bilder, Schriftzüge und Gegenstände, von denen niemand genau weiß, wer sie hinterlassen hat oder wie lange sie bleiben.

Beides gehört zu Konstanz. Nur auf ganz unterschiedliche Weise.

Ein anderer Blick auf Konstanz

Die Unterführung bleibt also dieselbe: Beton, Geländer, Rampe und Schatten. Nur die Graffiti fehlen.

Und trotzdem wirkt der Ort plötzlich austauschbar.

Das Gedankenexperiment hat mir am Ende weniger gezeigt, wie Konstanz ohne Kunst aussehen würde, sondern eher, wie viel davon im Alltag längst untergeht. Dabei geht es nicht nur um bekannte Skulpturen oder Fassaden, sondern genauso um die kleinen Spuren die von Bewohnern und Besuchern hinterlassen werden.

Nicht alles davon muss eindeutig Kunst sein. Aber all diese Dinge verändern, wie wir einen Ort wahrnehmen. Sie machen ihn unverkennbar zu dieser bestimmten Stadt.

Rote Skulpturen an der Schweizer Grenze.

Foto @KWS

Ich bin losgezogen, um Kunst in Konstanz zu suchen.

Am Ende stellte sich nicht mehr die Frage, wo sie ist.

Sondern wo sie eigentlich nicht ist.