Wer die Kunstschule Konstanz zum ersten Mal betritt, merkt schnell: Hier wird tatsächlich gearbeitet. Materialien stehen in den Räumen, der nächste Kurs wird vorbereitet und irgendwo im Gebäude entsteht gerade eine neue Dunkelkammer. Minimalismus sucht man eher vergeblich.

Ein Blick in den Tonraum der Kunstschule.

Foto @ KWS

Beim Rundgang geht es vorbei an Druckraum, Tonraum und Holzwerkstatt, an einer Galerie, die für Ausstellungen genutzt werden kann – und dann noch eine Etage weiter. Die Kunstschule ist über die Jahre Stück für Stück gewachsen. Fast ein bisschen so, als hätte sie sich das Gebäude nach und nach angeeignet. Hinter jeder Ecke steckt noch ein Raum, in dem gemalt, gedruckt, gebaut oder gezeichnet werden kann.

Dass es diesen Ort heute überhaupt gibt, begann allerdings mit einer ziemlich einfachen Frage.

Warum gibt es hier eigentlich keine Kunstschule?

Als Luise Merle vor rund zwanzig Jahren nach Konstanz kam, sollte die Stadt ursprünglich eher ein Zwischenstopp sein. Nach Jahren des Unterwegsseins wurde daraus schließlich ein Zuhause. Luise unterrichtete zunächst Englisch und Kunst an Schulen in der Region – und wunderte sich immer wieder darüber, dass es in Konstanz keine freie Kunstschule gab.

Jahrelang habe sie sich darüber aufgeregt, erzählt sie. Bis irgendwann aus dem Ärger ein Entschluss wurde:

„Dann habe ich gesagt: Nein, ich mach das jetzt.“

Zunächst begann sie, eigene Zeichenkurse in der Stadt anzubieten. Ohne feste Räume, dafür mit viel wachsendem Interesse. Dann meldete sich Corinna bei ihr. Die beiden kannten sich vorher nicht, obwohl sich später herausstellte, dass sie beinahe nebeneinander wohnten. Corinna brachte bereits Erfahrungen und Material aus einem Kunstatelier für Kinder mit, Luise ihre Kurse und einen ersten Kundenstamm.

Statt lediglich ein gemeinsames Atelier zu eröffnen, beschlossen sie, größer zu denken:

Das Ganze sollte Kunstschule Konstanz heißen.

Die ersten Räume fanden sie in den ehemaligen Werkräumen der Zoffingen-Schule. Vieles entstand nach dem Prinzip Learning by Doing. Perfekt funktionierende Verwaltungsstrukturen gab es damals noch nicht, dafür handgeschriebene Zettel und ziemlich viel Improvisation. Bereits wenige Monate nach der Gründung brauchten die beiden Verstärkung.

„Wir sind ins kalte Wasser gesprungen, volle Kanne.“

Als klar wurde, dass die Räume nur vorübergehend zur Verfügung standen, begann die nächste Suche. Schließlich landete die Kunstschule in den Räumen des ehemaligen Technologiezentrums.

Was zunächst mit wenigen Zimmern begann, breitete sich mit den Jahren immer weiter aus. Heute erstreckt sich die Kunstschule dort über  mehrere Etagen obwohl das heutige Gebäude ursprünglich auch als Übergangslösung gedacht war. Nach mehreren Umzügen ist Luise inzwischen allerdings ziemlich froh, hier fest angekommen zu sein:

„Wir sind froh, nicht mehr umziehen zu müssen.“

Vorbereitungen für die nächste Ausstellung in der Galerie der Kunstschule.

Foto @KWS

So vielfältig wie die Räume sind auch die Menschen, die hier arbeiten. Das Angebot reicht von Kindern und Jugendlichen bis zu Erwachsenen. Es gibt Kurse für Malerei, Zeichnung, Drucktechniken und Aktzeichnen, inzwischen auch für Fotografie Workshops und jeden ersten Freitag im Monat freie Atelier Stunden.

Gerade Erwachsene kämen häufig mit einer ziemlich festen Überzeugung in die Kunstschule: Eigentlich kann ich gar nicht zeichnen. Eigentlich bin ich nicht kreativ. Oft hätten sie irgendwann gelernt, die eigenen Fähigkeiten genau so einzuschätzen.

Für Luise ist es wichtig, diese Erwartungshaltung aufzubrechen.

„Es geht eigentlich wirklich gar nicht ums Ergebnis.“

Natürlich sei es schön, wenn am Ende etwas entstehe, das einem gefällt. Entscheidend sei aber zunächst das Machen selbst: sich Zeit für etwas zu nehmen, sich zu konzentrieren und etwas auszuprobieren.

Oder, wie Luise es noch einfacher ausdrückt:

„Farbe tut einfach gut.“

Bei den Kindern gibt es deshalb sogar eine feste Regel:

„Die eigene Arbeit wird nicht runtergemacht.“

Sätze wie „Das was ich gemacht habe, sieht nicht gut aus.“ sind nicht erlaubt. Besonders schön sei es, wenn Kinder, die schon länger dabei sind, diese Regel irgendwann selbst an Neuankömmlinge weitergeben. Mit der Zeit würden sie sicherer in dem, was sie tun und hörten tatsächlich auf, ihre eigenen Arbeiten sofort abzuwerten.

Arbeiten und Farbspuren im Atelier der Kunstschule Konstanz.

Foto @ KWS

Das bedeutet allerdings nicht, dass Technik keine Rolle spielt. Im Gegenteil. Zeichnen, Kohle, Pastell und verschiedene Drucktechniken: Zunächst lernen Kinder und Jugendliche die verschiedenen Möglichkeiten der Materialen kennen. Mit zunehmender Erfahrung können sie selbst entscheiden, was sie daraus machen.

Besonders spannend wird es für Luise bei den Älteren. Während mit kleinen Kindern noch spielerischer gearbeitet wird und die etwas Älteren Techniken tatsächlich kennenlernen wollen, kann sie Jugendliche mit wachsender Erfahrung immer freier arbeiten lassen.

„Und dann können alle loslegen.“

Ein Ort zum Rummatschen

Vielleicht bekommt ein solcher Ort gerade deshalb eine besondere Bedeutung, weil immer größere Teile unseres Alltags digital stattfinden.

Social Media und KI haben auch die Kunst verändert. In der Kunstschule selbst erlebt Luise allerdings fast eine Gegenbewegung:

„Menschen kommen her, weil sie analog arbeiten wollen.“

Hier wird gezeichnet, gedruckt, gemalt, gesägt und mit Ton gearbeitet. Und hier darf es auch dreckig werden.

„Du kannst hier einfach rummatschen.“

Das klingt zunächst banal, beschreibt aber ziemlich gut, was ein solcher Ort ermöglichen kann. Wer zu Hause keinen Platz für Leinwände, Farben oder größere Projekte hat, kann hier Materialien und Räume nutzen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, ob sich die Farbe anschließend in der halben Wohnung verteilt.

Das Analoge bedeutet für Luise aber noch etwas anderes: Konzentration.

Besonders bei ihren Abendkursen beobachtet sie immer wieder, wie Menschen erschöpft von der Arbeit ankommen und einige Stunden später völlig anders nach Hause gehen. Beim konzentrierten Zeichnen oder Malen verschwinde die Außenwelt für eine Weile.

Kunst wird damit nicht nur zum Produkt, sondern zu einer Tätigkeit, die ihren Wert schon im Machen selbst hat.

Und sie bringt Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären. Luise erzählt von Kursen, in denen ein Professor neben einer pensionierten Pastorin sitzt. Menschen verschiedener Generationen und Lebenswege arbeiten gemeinsam, tauschen sich aus und inspirieren sich gegenseitig.

Gerade im Erwachsenenleben, in dem neue Begegnungen manchmal seltener werden, entsteht dadurch ganz nebenbei auch ein sozialer Raum.

Materialien und Arbeiten aus dem Druckbereich.

Foto @ KWS

Mittendrin

Die Kunstschule versteht sich dabei längst nicht mehr als abgeschlossene Insel. Als Luise und Corinna anfingen hätten andere eher freundlich beobachtet und abgewartet, ob das Ganze überhaupt funktioniert.

Heute beantwortet Luise die Frage nach dem Platz der Kunstschule im kulturellen Leben von Konstanz deutlich selbstbewusster:

„Wir sind mittendrin.“

Die Kunstschule arbeitet mit städtischen Institutionen, Museen und anderen Kulturorten zusammen. Zu aktuellen Ausstellungen entstehen beispielsweise Formate, bei denen zunächst gemeinsam mit einer Kunsthistorikerin durch die Ausstellung gegangen und anschließend selbst praktisch gearbeitet wird.

Kunst soll damit nicht nur etwas sein, das im Museum betrachtet wird. Die Besucher:innen können auf das Gesehene reagieren und selbst tätig werden.

Auch die Zusammenarbeit zwischen Kunstschaffenden und Schulen hält Luise für wichtig. Schüler:innen sollen dabei erfahren, dass Kunst nicht ausschließlich ein Schulfach ist.

„Es sind nicht nur Lehrer, sondern es gibt auch Menschen, die von Kunst leben können.“

Dass Kunst ein Beruf und ein möglicher Lebensentwurf sein kann, sollte ihrer Meinung nach früh sichtbar werden.

Generell sieht Luise in Konstanz in den vergangenen Jahren eine zunehmend vernetzte freie Kulturszene. Sie nennt unter anderem das Neuwerk und die Unterstützung durch das Kulturamt. Gerade die überschaubare Größe der Stadt könne dabei ein Vorteil sein: Man kennt sich, weiß, wen man für ein Projekt ansprechen kann, vermittelt Kontakte und entwickelt gemeinsam neue Ideen.

Trotzdem ist ihre Antwort auf die Frage, ob es für junge Menschen in Konstanz genügend kreative Räume gibt, zunächst ziemlich knapp:

„Man muss sie suchen.“

Es gebe Angebote, nur seien diese nicht immer besonders sichtbar. Auch in der öffentlichen Wahrnehmung dürfte Kunst für Luise gelegentlich mehr Platz bekommen.

Gleichzeitig beschreibt sie Konstanz als eine Stadt, in der neue Ideen durchaus möglich sind. Gerade die Vernetzung innerhalb der freien Kulturszene und die Bereitschaft, ungewöhnliche Projekte zu unterstützen, schätzt sie.

Mehr als ein Kursprogramm

Wie groß die Gemeinschaft rund um die Kunstschule inzwischen geworden ist, zeigt sich besonders bei ihrer Werkschau.

Einmal im Jahr dürfen Kursteilnehmende eigene Arbeiten ausstellen. Rund 500 bis 600 Werke kommen laut Luise dabei inzwischen zusammen. Kursteilnehmende helfen beim Auf- und Abbau, übernehmen Aufsichten oder bringen Kuchen mit. Menschen aus unterschiedlichen Kursen treffen aufeinander und sehen plötzlich, woran in den anderen Räumen das ganze Jahr gearbeitet wurde.

Auch die Künstlerinnen und Künstler, die an der Kunstschule unterrichten, sind Teil dieses Netzwerks. Viele kommen aus Konstanz und der Region. Ihre Kurse gestalten sie weitgehend selbstständig. Für Luise ist das auch eine Möglichkeit, lokale Kunstschaffende konkret zu unterstützen: Ein regelmäßiger Kurs kann ein zusätzliches Einkommen schaffen und gleichzeitig Raum für die eigene künstlerische Entwicklung bieten.

Im Zentrum stehen bis heute Luise und Corinna.

Aus zwei Menschen, die sich vor der gemeinsamen Gründung nicht einmal kannten, sind über die Jahre Geschäftspartnerinnen und Freundinnen geworden. Ihre Arbeitsweisen könnten dabei teilweise kaum unterschiedlicher sein. Corinna beschreibt Luise als perfektionistischer und etwas introvertierter.

Und sich selbst?

„Ich bin so ein bisschen blubberiger.“

Während Corinna manche Ecken sorgfältig gestaltet, ist Luise eher diejenige, die spontan etwas abstellt, umbaut oder noch irgendwo ein Regal anschraubt. Dass diese beiden Herangehensweisen nebeneinander funktionieren, scheint inzwischen Teil des Konzepts zu sein.

Vielleicht passt gerade das ziemlich gut zur Kunstschule selbst. Manches ist sorgfältig geplant, anderes entsteht aus dem Moment heraus. Fertig scheint dieser Ort jedenfalls nie wirklich zu sein.

Als ich Luise frage, was ihr an ihrer Arbeit eigentlich am meisten Spaß macht, kommt die Antwort ziemlich schnell:

„Büro nicht.“

Lieber baut sie eine neue Dunkelkammer auf, unterrichtet oder arbeitet selbst künstlerisch. Für ihre eigenen kreativen Phasen hat sie sogar ein Wort: „Blubberphasen“.

Dass Kunst für Luise weit mehr als ein Beruf ist, wird während unseres Gesprächs immer wieder deutlich.

Am Ende stelle ich ihr deshalb eine ziemlich große Frage.

Was bedeutet Kunst für sie?
Die Antwort braucht nur ein Wort.

„Alles.“

Seit ihrer Jugend sei Kunst ihr Lebensinhalt. Egal, ob sie selbst etwas schafft, Kunst vermittelt oder die Arbeiten anderer betrachtet.

Nach einem Rundgang durch die Kunstschule wirkt diese Antwort eigentlich ziemlich passend. Denn auch hier ist Kunst weniger etwas, das man nur anschaut sondern etwas, das man macht.

(Für weitere Informationen und Kurs-Übersichten geht es hier per Link zur Homepage der Kunstschule.)