Kunst-Werk-Stadt

Hochschulgruppe Uni Konstanz

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Stadtkind Konstanz – ein Lieblingsort mit Geschichte (und Geschichten)

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken

Das Café Stadtkind gehört für viele Konstanzer*innen zu den liebsten Adressen, wenn es um guten Kaffee, hausgemachten Kuchen und eine heimelige Atmosphäre geht. Ob für eine kleine Auszeit im Alltag, ein entspanntes Treffen mit Freundinnen  oder einfach zum Sonne tanken – besonders an Frühlingstagen, im Sommer oder in den warmen Wochen des Herbstes laden die Sitzgelegenheiten im Freien zum Verweilen ein.

Gelegen im Stadtviertel Paradies, überzeugt das Stadtkind nicht nur mit süßen Köstlichkeiten, sondern auch mit seinem charmanten Standort: einem historischen Gebäude mit überraschend bewegter Geschichte.

Was wissen wir über das Gebäude?

Zwar lassen sich keine umfangreichen Informationen zur frühen Geschichte des Hauses finden, doch einige spannende Fakten und Anekdoten gibt es trotzdem: Das heute denkmalgeschützte Gebäude wurde im Jahr 1905 erbaut und befindet sich seit 1958 im Besitz einer Konstanzer Familie. Und es gibt sogar kleine Geschichten, die sich über die Jahre wie Efeublätter um das Haus ranken: So soll sich einst an der Stelle, an der heute Jacken aufgehängt werden, ein Panzer verirrt haben. Ob das wirklich stimmt? Wer weiß. Aber es sind genau solche Erzählungen, die einem Ort Charakter verleihen.

Wenn schon von Panzern die Rede ist, darf ein echtes Kuriosum natürlich auch nicht fehlen! Das besagte Kuriosum befindet sich im hinteren Anbau: Dort klafft ein kleines Loch in der Wand, durch das man in den angrenzenden Raum hineinsehen kann. Es stammt aus der Zeit, als hier ein Juwelier ansässig war. Das Loch diente ihm offenbar als verdeckte Sichtlinie in den Verkaufsraum, um unauffällig einen Blick auf mögliche Langfinger zu werfen – ein fast schon ein filmreifes Detail!

Vom Tante-Emma-Laden zum Café mit Charakter

Wie bereits erwähnt, war in diesen Räumen früher ein Juwelier untergebracht. Doch über die Jahre hinweg haben sich hier ganz unterschiedliche Gewerbe niedergelassen, jedes mit seiner eigenen kleinen Geschichte. Die Anfänge des Ladens reichen zurück bis zu einem kleinen Tante-Emma-Geschäft, das einst im Hauptraum untergebracht war. Danach zog eine Autovermietung ein und auch der kleinere Nebenladen wurde über die Jahre unterschiedlich genutzt, etwa als Massagestudio, Krimskramsladen oder Juwelier. Erst 2014 wurden beide Ladeneinheiten vereint und das Café Stadtkind zog ein. Seitdem hat sich hier ein Ort etabliert, der mit viel Liebe zum Detail geführt wird – ein ruhiger Gegenpol zum hektischen Alltag.

Ob mit geschichtlichem Interesse, auf der Suche nach einem besonderen Café oder einfach Lust auf einen guten Cappuccino, ein Besuch im Stadtkind lohnt sich auf jeden Fall! Und wer weiß: Vielleicht entdeckt man bei genauem Hinsehen ja noch das ein oder andere Detail, das von früheren Zeiten erzählt. Falls es dir so ergeht, lass gern einen Kommentar da und verrate uns, welche Geschichte dir zu Ohren gekommen ist oder welches Kuriosum wir übersehen haben. 

 

Hinweis: Der erste Entwurf für den obenstehenden Text wurde der Broschüre ‚Kunst und Food für Erstis‘ aus dem Wintersemester 22/23 entnommen und durch die Autorin des Artikels überarbeitet.

Heimatgefühle mit Hopfen und ausgefallenen Drinks: Ein Besuch in der Heimat Bar Konstanz

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken

Passender könnte der Name kaum sein: Die Heimatbar ist längst mehr als nur irgendeine Kneipe oder Bar in Konstanz. Über die Jahre ist sie zur festen Anlaufstelle für Geburtstage, Abschlussfeiern, gemütliche Runden nach der Klausurenphase und natürlich für das klassische ein, zwei, drei, vier… na, ihr wisst schon geworden. Man muss sich ja auch mal was gönnen oder?

Wer sich Sorgen macht, nach dem einen oder anderen Violet Sour oder Long Island Ice Tea den Weg zum Bahnhof nicht mehr zu finden – keine Panik: Die Heimatbar liegt direkt am Eingang zur Altstadt, in einem alten Gewölbekeller, der schon beim Reinkommen zum Verweilen einlädt. Hier ist fast immer was los, die Stimmung entspannt, das Publikum bunt gemischt – einfach ein echter Konstanzer Kultort.

Unser Tipp: Gönnt euch am besten ein paar Runden Apfelstrudel (keine Sorge, das ist kein Dessert, sondern ein ziemlich beliebter Shot), bevor es dann wieder nach Hause geht. Wer kein Apfel mag, sollte nach den Specials Ausschau halten. Im Sommer Special gab es unter anderem: Paloma, Pornstar Martini oder Bahama Mamas. Drei Drinks die schon beim bestellen für Stimmung sorgen. Aber Achtung: Bargeld nicht vergessen! Kartenzahlung ist in der Heimat Bar leider nicht möglich und nichts killt die Stimmung schneller als ein leeres Portemonnaie an der Theke. 

Natürlich zeigen wir euch hier unsere Lieblingsorte in Konstanz, aber was wäre die Kunst-Werk-Stadt ohne ein paar spannende Hintergrundinfos?

Das Gebäude, in dem die Heimatbar heute untergebracht ist, wurde bereits vor über 700 Jahren namentlich erwähnt. Der Gewölbekeller diente im Laufe der Zeit vielen verschiedenen Zwecken, bis er 1988 schließlich zur Bar wurde, wie wir sie heute kennen und lieben. Seitdem ist die Heimat nicht nur einfach irgendeine Kneipe, sondern eine echte Institution. Eine der ersten richtigen Bars in einer Stadt, die sonst eher für ihre zahllosen Weinstuben bekannt ist. Szene-Kneipe? Auf jeden Fall. Kult? Definitiv.

Sommer, Drinks und laue Nächte

Im Sommer spielt sich das Leben draußen ab – auch in der Heimatbar. Der Biergarten direkt vor dem Eingang hat bei schönem Wetter bis spät in die Nacht geöffnet. Kühle Drinks, warme Nächte, gute Gespräche – mehr Sommer geht nicht. Zugegeben, vielleicht ist es gerade nicht mehr der richtige Moment dafür. Aber hey: Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und die Heimat wartet schon.

Funfact: Wusstet ihr eigentlich, dass hier zum ersten Mal Flaschenbier von Beck’s auf der Karte stand? Und mit ihm auch ein Wort nach Konstanz kam, das wir heute nicht mehr missen wollen: Happy Hour.

 

 

Hinweis: Der erste Entwurf für den obenstehenden Text wurde der Broschüre ‚Kunst und Food für Erstis‘ aus dem Wintersemester 22/23 entnommen und durch die Autorin des Artikels überarbeitet.

E I N E    V E R N I S S A G E

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Allgemein, Ausstellung 2025

Unser Allgemeinwissen wird jeden Tag auf die Probe gestellt. Das einzig Fatale am Abrufen unseres Wissens ist der permanente, nahezu uneingeschränkter Zugriff zu digitalen Suchmaschinen. Sei es eine schnelle Rückfrage an Dr. Google, oder die Unterhaltung mit einem AI gesteuerten Chat. Wir vernachlässigen die Bereitschaft uns Wissen anzueignen, unser Wissen zu speichern und es wieder abzurufen, da wir bei jeder kleinen Frage, oder Unwissenheit immer die Möglichkeit haben, über unsere Mobiltelefone, die fast schon mit unseren Händen verwachsen sind, unseren Fragen  auf den Grund zu gehen.

Hoffentlich ist euch schon bekannt, dass unsere Hochschulgruppe dabei ist, eine Kunstausstellung zu organisieren. Wir hatten die Idee, diese Ausstellung mit einer Vernissage zu eröffnen. 

Was genau ist eigentlich eine Vernissage? 

Ein Begriff den jeder schon mal gehört hat und vermutlich auch mit Kunst in Verbindung bringt. Kennt auch jeder seinen Ursprung und seine wahre Bedeutung? Um unser Allgemeinwissen und natürlich das unserer Leser:innen auszubauen, oder eine verblasste Erinnerung aufzufrischen, werden wir das Wort gemeinsam durchleuchten.

Beginnen wir mit der Suchmaschine des letzten Jahrhunderts, bevor die Digitalisierung stattfand, und die Recherche nach einer Antwort Zeit beansprucht hat. In der Enzyklopädie Brockhaus, genauer gesagt im Band 23, ist auf der Seite 247, ein kleiner Abschnitt dem Wort Vernissage gewidmet. Genauso wie im deutschen Brockhaus Wörterbuch eine etwas ausführlichere Begriffserklärung zu finden ist. Vernissage […’sa:ge], die; -, -n,  stammt von dem französischen Wort ‚vernissage‘ ab, was so viel wie zu: vernir, etwas lackieren, firnissen, oder auch Lack bzw. Firnis, oder Firnistag bedeutet. In der Bildungssprache steht der Begriff für die „Eröffnung einer Ausstellung, bei der die Werke eines lebenden Künstlers [in kleinerem Rahmen mit geladenen Gästen] vorgestellt werden […]“. Der Firnis (frz.: vernis) auf den das Wort Vernissage zurückzuführen ist, bezeichnet einen Lack, ein schnell trocknendes, farbloses Öl, der als Schutzschicht nach Vollendung eines Gemäldes auf die Farbschicht aufgetragen wurde, um das Kunstwerk bzw. die Ölfarben vor dem Verblassen und anderen Umwelteinflüssen zu schützen. Der Firnis war der letzte Feinschliff der das Gemälde vollendete und eine Art Konservierungsversuch darstellte. Das Firnissen ist kein Brauch der noch zelebriert wird, im Gegensatz zu dem Event einer Vernissage.

Gibt man den Begriff Vernissage bei Google ein, erhält man in der ‚AI Overview‘ eine Begriffserklärung, eine kurze Geschichte zu dem Wort und eine Erläuterung zur heutigen Bedeutung. „Eine Vernissage ist die feierliche Eröffnung einer Kunstausstellung, die oft in kleinem Kreis vor der offiziellen Eröffnung stattfindet. Der Begriff stammt aus dem französischen, wo er ursprünglich das Auftragen eines Firnis auf ein Gemälde beschrieb.“ Diese Definition ist etwas ausführlicher als die Brockhaus Auflistung. Allerdings erfahren wir zusätzlich den Zeitpunkt des Firnistages. Künstler:innen haben ihre Ölgemälde am Vortag vor der offiziellen Eröffnung der Kunstausstellung mit einer Schicht Firnis überzogen, um die Farbe zu schützen und zu fixieren. Also ein intimes Ereignis zwischen Künstler:innen und dem Kunstwerk, genau wie eine Vernissage ein persönliches Ereignis in kleinem Kreis mit den Künstler:innen und deren Kunst ist. Eine Vernissage ist eine Vorschau, praktisch der Trailer für ein ausgewähltes Publikum, die Reden der Kurator:innen, der Laudator:innen oder der Künstler:innen beinhaltet. Die Besucher haben die Möglichkeit mit den Künstler:innen, über ihre Kunst in einen Dialog zu treten. Das Pendant zur Vernissage, ist die Finissage (frz.: finissage, zu: finir = (be)enden)) die Beendigung einer Kunstausstellung. 

Scrollen wir nun weiter die Seite hinunter, stoßen wir auf den Wikipedia Eintrag, der sich von der AI Definition nur durch ein paar Formulierung unterscheidet. Allerdings beinhaltet er ein relevante historische Entwicklung des Begriffs. Das der Firnis zur Endgültigen Fertigstellung eines Gemäldes zählt, haben wir bereits gelernt: Das Firnissen übernahm entweder der Künstler selbst, oder ein Lehrling. Dieser Brauch, der der förmlichen Ausstellungseröffnung voranging wurde im Laufe der Zeit mit einer kleinen Feier im Kreise von Freunden und, oder Auftraggebern gewürdigt. Heutzutage entspricht die Vernissage der Ausstellungseröffnung. Diese wird aber immer noch einer selektierten Auswahl an Personen, wie Kunsthändlern, Politikern, Investoren und der Presse vorbehalten. Also ein gesellschaftliches Ereignis, das oft mit Reden, Musik, Getränken und einer lockeren Atmosphäre verbunden ist, behauptet zumindest ChatGPT. 

Nach diesen ähnlichen Erläuterungen die sich, wie wir finde wunderbar ergänzen, hoffen wir, dass ihr genauso viel Lust bekommen habt wie wir auf unsere anstehende Vernissage und die darauf folgende Ausstellung. Wir werden bei unserer Vernissage keine Zeugen des Auftragen von Firnis sein, aber das Publikum von neuer Kunst und neuen Künstler:innen, die in ihren Gemälden und Fotografien Ausdruck suchten und diese präsentieren wollen. 

Das Kloster Zoffingen

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Deutsch, Zeitreise

Das Kloster Zoffingen (vollständiger Name: Kloster zur hl. Katharina von Alexandrien in Konstanz) in der Brückengasse ist das einzige Kloster am Bodensee, das seit dem Mittelalter ununterbrochen bestand. Weder Reformation noch Revolution, noch die Reformen Kaiser Josephs II. oder die Säkularisation im frühen 19. Jahrhundert konnten seine Kontinuität brechen. Gegründet 1257 im Umfeld einer religiösen Frauen-Laienbewegung, bot es Frauen die Möglichkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, einen Beruf auszuüben und in Gemeinschaft zu leben, ohne verheiratet werden zu müssen. Diese Tradition der Freiheit und des Glaubens prägt das Kloster bis heute.

Anfangs versorgten sich die Schwestern aus dem Klostergarten, betrieben Weinbau und übernahmen schließlich die Bildung von Mädchen; darunter auch Töchtern wohlhabender Familien in Konstanz. Im Jahre1773 baten die vorderösterreichischen Behörden Zoffingen, den Unterricht für die Töchter von Offiziersfamilien zu übernehmen. Daraufhin wurde 1774 eine Normalschule eingeführt, und ab 1775 unterrichteten Schwestern des Klosters offiziell Mädchen in Rechnen, Schreiben, Religion und weiteren Fächern. Diese pädagogische Tätigkeit wurde zur Existenzgrundlage des Klosters und sicherte ihm das Überleben, als Joseph II. 1782 kontemplative Klöster ohne sozialen Zweck aufheben ließ.

In 1785 wurde das Dominikanerinnenkloster St. Peter an der Fahr zwangsweise mit Zoffingen vereinigt, da seine Nonnen keinen eigenen Wohnraum mehr hatten. 1789 wurde St. Peter endgültig aufgehoben.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich das Kloster Zoffingen zu einer bedeutenden Bildungseinrichtung. Über 243 Jahre  wurden Kinder und Jugendliche hier unterrichtet. Anfang der 1970er Jahre besuchten über 450 Grundschülerinnen und 796 Realschülerinnen die Schule. Mit den gesellschaftlichen Veränderungen endete 2003 der Unterricht an der Grundschule und 2018 an der Realschule, denn eine Mädchenschule und Realschule waren gesamtgesellschaftlich nicht mehr gefragt. Um das historische Erbe zu bewahren, verkauften die Schwestern 2017 das Klostergelände an die katholische Kirchengemeinde und verpachteten es an die Caritas, die dort ein Pflegeheim betreibt.

Ich hatte das große Glück, zwei Jahre die Realschule Zoffingen zu besuchen und als eine der letzten Klassen meine mittlere Reife zu absolvieren. Auch meine Mutter ist auf die Mädchenschule Zoffingen gegangen, und wir beide teilen sehr positive und glückliche Erfahrungen, die für uns unvergesslich bleiben.

Trotz des Rückgangs an Nachwuchs und der sich wandelnden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen blicken die Schwestern auf eine lange Tradition zurück, in der sie Bildung, soziale Dienste und spirituelles Leben miteinander verbunden haben. Die jahrhundertealte Kultur des Klosters prägt weiterhin die Region und hinterlässt ein bleibendes Erbe.

 

 

Buchquelle: Hauß, H. (2007). 1257–2007: 750 Jahre Kloster Zoffingen – „Das einzige Kloster am Bodensee, das seit dem Mittelalter arbeitet“. [Badische Heimat]

Internetquelle: https://www.caritas-altenhilfe-konstanz.de/pflegeheime/haus-zoffingen/geschichte/geschichte

Ausstellung im JuZe Konstanz

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Allgemein, Ausstellung 2025, Über uns

Die Kunst-Werk-Stadt bereitet aktuell gemeinsam mit dem JuZe, dem Jugendzentrum der Stadt Konstanz, eine Ausstellung vor, die in den Räumen des JuZe stattfinden wird. Bis zum 31.08. konnten sich Künstler*innen mit ihren Werken bewerben, die Ausschreibung richtete sich vor allem an noch unbekannte Kunstschaffende, deren Werke bisher noch nicht in öffentlichen Ausstellungen zu sehen waren. Im nächsten Schritt werden die eingereichten Arbeiten gesichtet und bewertet, so dass eine Auswahl für die Ausstellung getroffen werden kann.

Die Ausstellung wird vom 18. bis 30. Oktober 2025 in den „Freiräumen“ des JuZe stattfinden und mit einer Vernissage am 17. Oktober eröffnet.

Unter der Kategorie Über uns → Aussstellung 2025 werden wir hier im Blog schon vorab über die Künstler*innen, ihre Werke und sonstige Informationen zur Ausstellung berichten.

Die Konstanzer Schwurhand – Wenn Gesten Geschichte schreiben

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken, Kunst & Architektur

Die Schwurhand von Franz Gutmann mit Blick auf die Untere Laube. Foto: Linn Petrat

Die Schwurhand von Franz Gutmann mit Blick auf die Untere Laube. Foto: Linn Petrat

Daumen hoch, Kleiner-Finger-Schwur, ein Herz formen, oder der emporgereckte Finger als Zeichen einer unflätigen Beleidigung: Unsere Hände dienen uns Menschen schon seit Ewigkeiten als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Manche Gesten sind universell lesbar, manche unterscheiden sich je nach Region, und manche verändern sich auch über die Zeit. So wird das Herz inzwischen nicht mehr aus Daumen und Zeigefinger, sondern aus Zeige- und Mittelfinger geformt. Doch die universelle Aussagekraft und Kommunikationsfähigkeit der Hand bleibt weltweit und zeitübergreifend bestehen.

Haben Sie jemandem schon einmal etwas versprochen? Meist dient hier das Ineinanderhaken der kleinen Finger als Zeichen, dass man es mit seinem Versprechen auch wirklich ernst meint. Vor einigen hunderten Jahren hätten wir hierfür vermutlich eher den Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger in die Höhe gehalten. Die Schwurhand ist im Mittelalter europaweit verbreitet und gilt als Eidesbekenntnis, abgelegt unter Gottes Augen. Eine Geste, die jedoch nicht leichtfertig verwendet werden sollte – denn wer seinen Eid brach, wurde auf drastische Weise bestraft. Das Brechen des Eides konnte einem die Hand kosten.

Der mittelalterliche Schwur findet in der Konstanzer Altstadt eine ganz besondere bildliche Form: Bereits im Jahr 1975 wurde die Schwurhand von Franz Gutmann (1928-2024), von dem auch der Münsterbrunnen stammt, geschaffen. Seit 1990 steht die Bronzekulptur in der Torgasse. Drei voluminöse Finger drücken sich hier aus dem Boden heraus, der Rest der Hand bleibt im Boden verborgen. Die schmale Gasse wird von dem Kunstwerk, das eine Fläche von 119 mal 142 Centimetern beansprucht, fast ganz eingenommen und wird für Einwohner*innen und Tourist*innen zum Nadelöhr. Doch wieso steht die Bronzeskulptur genau an diesem Engpass? Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Zufall. Denn die Schwurhand befindet sich in unmittelbarer Umgebung der Konstanzer Vertreter von Recht und Gesetz: Wenige Schritte entfernt residiert die Konstanzer Staatsanwaltschaft im alten Lanzenhof und in der Unteren Laube, und in der Altstadt und dem Paradies befinden sich ebenfalls in fußläufiger Entfernung das Landgericht, das Amtsgericht, sowie das Familien- und Sozialgericht. Also Orte, an denen das Leisten eines Eides keine Seltenheit und die Wahrheit Grundlage einer fairen Rechtsprechung ist.

Die Schwurhand schlägt eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, und zeigt dabei auf, was überdauert: Das menschliche Bedürfnis, unsere Worte und deren Aussagekraft mit Gesten zu unterstützen. Sie lässt uns nicht nur durch ihr Versperren des direkten Weges innehalten, sondern regt auch zum Nachdenken und Philosophieren an. Können wir nur einen Teil der Wahrheit erkennen, so wie wir nur einen Teil der Skulptur sehen können? Wer sich an der Schwurhand vorbeischlängelt, wird mit der Frage nach unserer Ernsthaftigkeit konfrontiert: Was ist ein Versprechen eigentlich wert?

Unser Tipp: Wer sich schon immer gefragt hat, was die Schwurhand eigentlich so über sich selbst sagen würde, kann dies mit Text und Wort von Marvin Suckut nachhören. Der Poetry-Slammer leiht der Schwurhand im Rahmen des Projektes KUNSTSTÜCKE seine Stimme:  KunstStücke | Schwurhand

Maskeraden der Macht – Die Rolle der Frau in der Fasnacht einst und heute

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Die Frau im Fasching: Dekoration, Objekt, Beiwerk

Ein Blick auf die Fasnacht bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts offenbart ein eindeutiges Bild: Frauen waren systematisch vom öffentlichen Fasnachtstreiben ausgeschlossen oder auf untergeordnete Rollen reduziert. In den Faschingsgesellschaften um 1890 durften Frauen nicht einmal zahlende Mitglieder sein. Ihre Teilnahme an Bällen war lediglich als „männliches Beiwerk“ vorgesehen.

Auf der Bühne wurde das Frauenbild satirisch, aber herabwürdigend gepflegt: Als „niedliche kleine Dingerchen“ oder – im Falle von Ehefrauen – als „zänkische Hausdrachen“. Humor diente dabei nicht nur der Unterhaltung, sondern auch der Festigung gesellschaftlicher Hierarchien.

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg waren Frauen von Führungsrollen ausgeschlossen: Sie konnten weder Mitglied eines Elferrats noch Teil einer Zunftleitung werden. Ihre Rolle war passiv – meist sprichwörtlich: „hübsch sein und Ruhe geben“.

Zwischen Spott und Systemkritik: Fasnacht als Spiegel der Gesellschaft

Die Fasnacht war stets auch ein Ort des politischen Humors – jedoch bis zum Ersten Weltkrieg vor allem obrigkeitstreu, konservativ und häufig frauenfeindlich. Minderheiten, Ausländer oder oppositionelle Bewegungen wurden verspottet. Kritik wurde in eine Form gebracht, die bestehende Machtverhältnisse bestätigte – nicht hinterfragte.

Der Wandel: Demokratisierung und neue Rollenbilder

Erst im Zuge der demokratischen Reformen nach 1918, insbesondere mit dem Frauenwahlrecht, begann sich auch die Fasnacht langsam zu verändern. Frauen erhielten nicht nur gesetzlich mehr Rechte, sondern traten allmählich als gleichberechtigte Akteurinnen in Erscheinung – zunächst in symbolischer, später auch in organisatorischer Funktion.

Frauen wurden Mitglieder in Vereinen, übernahmen Führungsämter und gründeten eigene Narrenzünfte. Sie waren nun nicht länger Beiwerk, sondern aktive Gestalterinnen der Fasnacht.

Die Fasnacht ist nicht nur ein Ort närrischer Tradition, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Strukturen. Die Ausstellung im Rosgartenmuseum bietet nicht nur eine historische Perspektive auf das Brauchtum, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, kritisch über soziale Ungleichheiten und insbesondere die Rolle der Frau in der Fasnacht nachzudenken.

Ein Blick hinter die Maske lohnt sich – damals wie heute.

Maskeraden. Als die Fasnacht noch Fasching hieß

Die Konstanzer Imperia: Denkmal, Kunst und Wahrzeichen

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Allgemein, Deutsch, Historische Gebäude, Kunst & Architektur

Sie ist ein Wahrzeichen und Portalfigur des Hafens: Seit ihrer Konzeption durch Peter Lenk und der Platzierung am 24.04.1993 auf der alten Pegelmessstelle im Hafenbecken, Laufrichtung nach Osten, ist die Imperia fest im Stadtbild verankert. Die ausgeklügelte Platzierung auf dem Steg ermöglicht die optische Freistellung der 9 Meter hohen Damenfigur, sie drängt sich von jeder Seite zentral ins Blickfeld. Obwohl der visuelle Zugang vom Wasser aus mit den Passagierschiffen, von Norden aus durch den Stadtgarten, vom Süden aus durch die Landzunge Klein Venedig und vom Westen aus durch die Hafenpromenade möglich ist, dreht sie sich und zeigt innerhalb von 4 Minuten jeder:m Betrachter:in ihre Qualitäten.

Ihre schiere Größe unterstreicht den machtvollen Charakter, der ihr eingeschrieben wurde, so kann der Sockel, auf dem sie steht, zu Fuß umrundet werden, wobei zu ihr aufgesehen werden muss, um sie zu betrachten. Auch der Steg, der keinen anderen Weg zulässt als auf die Imperia zu, übernimmt die leitende Funktion, sämtliche Blicke auf der Statue zu zentrieren. Sie kontextualisiert sich auch mit ihrer Umgebung: Sie blickt über die ankommenden Passagiere hinweg und schaut nur in die weite Entfernung, lediglich das Konzilsgebäude im Nordwesten fängt ihren Blick auf. Dies ist kein Zufall: Die Inspiration der Imperia und ihre visuelle Erscheinung nehmen das Konzil im 15. Jahrhundert, eines der bedeutendsten historischen Ereignisse der Stadt, aufs Korn, indem sie sich selbst halbnackt und mit nur einer Robe und Höschen bekleidet, in ihren Händen jedoch die kindhaften Gauklerfiguren als Kaiser und Papst im Adamskostüm präsentiert. Sie zeigt wortwörtlich die weltliche und geistliche Macht in den Händen einer Kurtisane. Die Imperia als satirische, patriarchatskritische Kunst, ‘historisches’ Denkmal und Kultfigur funktioniert nur dort aufgrund ihres Umfelds, sowohl geographisch als auch politisch und kulturell.

Die symbolische Kraft der künstlerischen Schöpfung ist außerordentlich vielschichtig. Die erste Ebene bezieht sich rein auf das äußere Erscheinungsbild: Eine halb entblößte Kurtisane hält die unbekleideten Repräsentanten der weltlichen und der kirchlichen Macht in den Händen: Sie hat die Macht, zu verstecken, während sie die offiziellen Machthaber entblößt, entwaffnet und zu ihren Untertanen macht.

Die zweite Ebene bezieht sich auf den historischen Hintergrund: Die Vermischung der historischen Figur Imperia Cognati von Rom im späten 15. Jahrhundert, die jedoch nie in Konstanz war, mit dem florierenden Kurtisanengeschäft zur Zeit des Konstanzer Konzils, wie aus der Richental-Chronik hervorgeht, kontextualisiert die Hafenfigur “Imperia” durch den Namen als fiktive Machtfigur und legt nahe, dass die zwei Figuren auf ihren Armen König und später Kaiser Sigismund und einen der Päpste um das Konzil, entweder Gregor XII., Benedikt XIII., Johannes XXIII. oder Papst Martin V. darstellen könnten, die mit ihren Institutionen beide den Reizen der Frau verfallen. Lenk stellt damit die Schattenseite der glänzenden Persönlichkeiten und ihrer Institution aus und nimmt das Patriarchat auf die Schippe. Die Nacktheit der beiden identifizierten Repräsentanten kehrt als Ironisierung die versteckten Seiten nach außen: Zum einen sind die Dienste einer Kurtisane nur zu einem gewissen Grad unbekleidet in Anspruch zu nehmen, zum anderen wird auf den kulturellen, literarischen und sozialen Habitus, Nacktheit mit Verletzbarkeit zu verbinden, verwiesen: In “Des Kaisers neue Kleider” verliert der Kaiser seine Glaubwürdigkeit, indem er nackt vor seine Untertanen tritt; Auf dieses Märchen weist auch die Narrenkappe der Kurtisane hin.

Die dritte Ebene behandelt den Standort, die zeitliche Diskrepanz zwischen der referenzierten Zeit und der Entstehungszeit, und die damit verbundene Konnotation. Eine Statue, um die Neuankömmlinge von Seeseiten zu beeindrucken und die Stadt symbolisch zu schützen, erscheint logisch – da die Imperia jedoch erst in den 1990er Jahren errichtet wurde, fingiert sie eine historische Relevanz und einen architektonischen Wert für die Stadt. Da die Imperia jedoch weder eine historische Statue noch eine historische Figur ist, oder einen historischen Standort hat, hebt sie ihre symbolische Bedeutung umso mehr hervor, wodurch sie sich wiederum einen architektonischen, zeitgenössischen und künstlerischen Wert erschaffen hat.

Weniger eine symbolische Ebene, aber ein wichtiger Umstand, ist die Kritik, die Lenk nach Enthüllung der Statue bekam. Die Erbauung außerhalb Konstanz und Montage in einer Nacht, sowie das gesetzliche Schlupfloch, dass das Grundstück, auf dem die Imperia steht, der deutschen Bahn gehörte, weshalb die Stadträte außer Drohgebärden zu zeigen nichts tun konnten, um die Imperia aus dem Stadtbild zu verdrängen, erzürnte konservative Politiker:innen und andere Bewohner:innen, wie in den Zeitungsarchiven nachzulesen ist. Trotz dieser Meinungen hat das größte Prostituiertendenkmal, das es gibt, es geschafft, sich als Konstanzer Wahrzeichen und Touristenattraktion zu etablieren, und steht seit 2024 sogar unter Denkmalschutz.

Kunst kennt keine Grenzen – Eindrücke von der Kunstgrenze Konstanz-Kreuzlingen

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken

Die Skulptur "Magier" von Johannes Dörflinger befindet sich am Ufer des Bodensees. Die rote Metallfigur, die eine Leiterstruktur zeigt, hebt sich stark vom Blau des Wassers und des Himmels ab.

Die Skulptur „Magier“ von Johannes Dörflinger am Ufer des Bodensees. Foto: Linn Petrat

Den meisten Konstanzer und Kreuzlinger Bürger*innen dürfte sie beim Übertreten auf dem Sonntagsspaziergang kaum mehr auffallen: Die Landesgrenze zwischen Deutschland und der Schweiz, die zwischen dem Konstanzer Sea-Life und dem Kreuzlinger Seeburgpark verläuft. Anders als an vielen Grenzübertritten muss man hier keinen Zoll durchqueren.

Doch wer bei seinem Spaziergang einmal den Blick vom glänzenden Wasser des Bodensees heben kann, der bemerkt schnell, dass die Grenze zwischen den beiden ineinander überlaufenden Städten doch markiert wird. Ganze 22 Edelstahlskulpturen verlaufen auf 300 Metern über das Areal Klein Venedig bis in den Bodensee hinein. Die jeweils acht Meter großen Skulpturen wurden von dem in Konstanz geborenem Künstler Johannes Dörflinger erschaffen und säumen seit dem Jahr 2007 das Grenzareal. Sie befinden sich sowohl direkt auf der Grenzlinie, aber sind auch in gleicher Anzahl auf deutscher und Schweizer Seite positioniert und lösen so eine Trennung der zwei Länder auf – eine subtile und doch unübersehbare Öffnung der Grenze, die die beiden Städte miteinander verbindet.

Was hat sich an dieser Stelle vor der Kunstgrenze befunden? Lange Zeit war eine offene Grenze zwischen den zwei Städten gang und gäbe – bis in der Zeit des Regimes der Nationalsozialisten 1939 ein Grenzzaun errichtet wurde, um Grenzübergänge von Flüchtenden vor dem Regime in die Schweiz zu verhindern. Gab es zu dieser Zeit das Areal Klein Venedig zwar noch nicht, wurde die Errichtung einer Grenze dort im Jahr 1973 nachgeholt. Erst seit dem Jahr 2004 setzten sich die Konstanzer und Kreuzlinger Stadtoberhäupter Horst Frank und Josef Bieri für den Abriss des Grenzzaunes ein – 2006 wurde der Maschendrahtzaun von Frank und Bieri gemeinsam durchtrennt. Auf die Bedingung der Zollbehörden, dass die Landesgrenze markiert bleiben solle, wird reagiert: Die weltweit erste Kunstgrenze entsteht direkt am Bodensee. Ein symbolträchtiger Meilenstein für Konstanz und Kreuzlingen, und die Gestaltung von Grenzübergängen auf der ganzen Welt!

Ist die Grenze seither dauerhaft geöffnet? Nicht ganz, denn durch den Ausbruch der COVID-19-Pandemie und den damit einhergehenden Grenz- und Abstandsregelungen wurden im März 2020 erneut Zäune errichtet. Da viele Paare, Familien und Freunde in ergreifenden Szenen versuchten, sich durch den Zaun zu berühren, kam ein zweiter dazu, um die damals regulären Zwei-Meter-Mindestabstand geltend zu machen. Doch nach dem nur wenige Monate andauerndem Intermezzo – im Mai 2020 wurden die Zäune wieder abgebaut – ist Dörflingers Skulpturengruppe wieder alleiniger Besuchermagnet an der Deutsch-Schweizer Grenze.

Das "Glücksrad" von Johannes Dörflinger steht unmittelbar neben einem Metallschild, das die Landesgrenze markiert. Foto: Linn Petrat

Das „Glücksrad“ von Johannes Dörflinger steht unmittelbar neben einem Metallschild, das die Landesgrenze markiert. Foto: Linn Petrat

Die Historie des Grenzareals direkt am Ufer des Sees ist uns nun bekannt – doch was zeigen die Skulpturen der Kunstgrenze eigentlich? Die metallisch-roten Figuren, deren Farbe je nach Lichteinfall leicht changiert, stellen die „Großen Arkana“, die Trumpfkarten des Tarots dar. Dörflinger stellt jedoch keine Illustrationen der Kartenmotive dar, er gestaltet die Figuren abstrahiert, durchlässig, dynamisch: Aus geraden und gebogenen Metallstreben entstehen Objekte, die durch Formen wie Spiralen oder Pfeile sehr bewegt wirken und in ihren Umraum hineingreifen. Sie erschaffen eine Verbindung, nicht nur zwischen Deutschland und der Schweiz, sondern auch zwischen Erde, Luft und Wasser. Manche Skulpturen treten nicht nur mit ihrem Umfeld, sondern auch untereinander in einen Dialog: So zeigen Sonne und Mond ein ähnliches Motiv, welches aber in unterschiedliche Richtungen hin geöffnet ist. Sie bilden eine harmonische Einheit und werden zu einem figurativen Kreislauf. Die Herrscherin und der Herrscher zeigen zwei Halbkreise, die einander zugewandt sind, und den Betrachter*innen somit ein Tor zum Bodensee bilden: einem Gewässer, das an drei Länder grenzt. Während im Untersee eine Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz festgelegt ist, gibt es diese im Obersee nicht – ein grenzenloser Raum. So ist es passend, dass der Magier im Bodensee platziert ist. Seine Form erzeugt durch die entgegengesetzten Bewegungen Spannung, und hält sich doch selbst die Waage.

Die Titel der Skulpturen, die den Kartenbezeichnungen entsprechen, sind in den vier Sprachen deutsch, englisch, italienisch und französisch in den Sockel eingraviert. Sie verweisen auf die Ländersprachen Deutschlands und der Schweiz und auch international darüber hinaus – und lösen damit einmal mehr Grenzen als auch (Sprach-)Barrieren auf.

Gerade in einer Zeit, in der ein Diskurs um Ländergrenzen tagtäglich geworden ist, erhält die Kunstgrenze eine neue Relevanz: Die Kunstgrenze ist eine Erinnerung an unsere Freiheit, Grenzen überschreiten zu können, ohne dabei mahnend auf ihre Geschichte zu verweisen. Sie löst die Grenze auch nicht auf, sondern macht sie zu einem weiten Raum. Einem Raum, der diskutiert, geöffnet und überschritten werden darf.

Kanntest du die Geschichte und Bedeutung der Kunstgrenze schon? Oder kennst du andere Kunst an der Grenze? Erzähle uns gerne davon in den Kommentaren.

 

Die Informationen stammen aus: Johannes-Dörflinger-Stiftung (Hrsg.): Kunstgrenze. Skulptur Idee Ort, Sulgen/Zürich 2008 und Von Platen, Amelie-Claire: Kunst im Grenzbereich: Der Skulpturenpark Kunstgrenze Konstanz-Kreuzlingen. Sehen Entdecken Staunen, Konstanz 2007.

Unsere Uni – Unser Dorf

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Allgemein, Deutsch, Historische Gebäude, Konstanz entdecken, Kulturell, Kunst & Architektur

Woran denkt ihr, wenn ihr “Universität Konstanz” hört? Viele haben vermutlich als erstes bemalte Säulen, abstrakte Formen und buntes Glas vor Augen. Zusammen mit den verwinkelten Räumen, untertunnelten Gebäuden und zahlreichen Verbindungswegen ergibt sich ein Baukomplex ohnegleichen. Manch einer versteht, warum sie auf der Plattform Reddit schon mit einer fiktiven Zaubereischule gleichgestellt wurde: Selbst nach Jahren der Arbeit auf dem Campus stolpert man über unbekannte Ecken und Kunst am Bau. Wieso ist die Universität überhaupt so verwirrend konstruiert? Dafür machen wir heute eine kleine Zeitreise in die Entstehungsgeschichte der Universität – und zu den Ansätzen der zuständigen Architekten.

Die Uni wurde erst 1966 gegründet und die ersten Gebäude 1972 bezogen. Architekt Horst Linde arbeitet mit anderen Zuständigen ein hochkomplexes Konzept aus: Zum einen sollte die inhaltliche Nähe zwischen Forschungsdisziplinen verarbeitet werden, quasi als Hommage an die Interdisziplinarität; Jedes Gebäude hat mehrere Zugänge von verschiedenen Fakultäten und Stockwerken. Von der Mensa zur Naturwissenschaft? von der Naturwissenschaft zur Informatik? Von der Literaturwissenschaft zur Rechtswissenschaft? Jede Schwelle eröffnet einen neuen Raum für Verbindung. Zweitens stand die Erreichbarkeit der Versorgungsorgane im Vordergrund: Literatur, Nahrung und Arbeitsplätze sind zentral in der Unibibliothek und der Mensa erreichbar, sie sind das Herz der Uni. Drittens ist die soziale Situation an der Hochschule mitgedacht. Zwischen den Büros und Vorlesungssälen sind breite Gänge und Toiletten alle Nase lang, Sitzgruppen in ungenutzten Ecken, Teeküchen und grüne Innenhöfe laden zum Gespräch zwischen allen Teilnehmer:innen am Universitätsalltag ein. Übrigens wurde auch die Kunst am Bau in die Architektur eingewebt, anstatt nur zuletzt angebracht zu werden.

Was hat das aber mit einem Dorf zu tun? Dafür muss ein Gründungsmythos erläutert werden: Angeblich hat der ehemalige Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger in den 50er Jahren auf dem Rückweg aus seinem Italienurlaub den Gießberg von der Sonne erleuchtet gesehen und beschlossen, auf diesen Berg gehöre eine Universität. (Der Wahrheitsgehalt darf angezweifelt werden: Es gab nämlich neben dem Gießberg auch den Bettenberg als möglichen Kandidaten, von denen sich bekanntlich erster durchgesetzt hat). Die Hanglage sollte bei der Bebauung durch die Architektur nicht ausgeglichen werden, sondern ausgestellt: Hohe Gebäude stehen auf höherem Grund als niedrigere, von der zentralen Gebäudegruppe nach außen wird der Abstand zwischen den Gebäuden größer, die Ausrichtung ist nicht als striktes Raster ausgelegt. Sie bilden eine Struktur wie eine Agora: der Zentrale Innenhof zwischen A, E, G, K, gewissermaßen auch H und F, die Ringverbindungen zwischen verschiedenen Gebäudegruppen und die Hauptverkehrsadern zwischen einzelnen Gebäuden muten wie eine kleine Stadt an. Die Planer sprachen sogar selbst von Gassen und Plätzen wie in einer Altstadt, von Ecken mit entdeckbaren Dingen, die Platzierung der meistbesuchtesten Orte im Zentrum wurde von der generellen Stadtplanung abgekupfert. Im Gegensatz zu amerikanischen Campusgeländen, deren Gebäude einzeln stehen und mit viel Leerraum geschaffen wurden, sollte die Uni Konstanz als zusammenhängendes Dorf umgesetzt werden, um organisch und innovativ ein Paradebeispiel für innovative Architektur für den Menschen darzustellen.

Viele einzelne Gebäude, verbunden durch Gänge, Brücken und Höfe und sich wiederholende Architekturelemente bilden unseren geliebten Campus. Wir verlaufen uns vielleicht ab und zu einmal, landen versehentlich im falschen Gebäude oder öffnen eine Fluchttür beim Versuch, die Uni zu verlassen, aber eigentlich können wir sehr froh sein, in unserer Stadt der Wissenschaft sein zu dürfen. Der Charme unserer Uni liegt doch gerade im Mensaterassenblick über den See, in den Ecken, Teeküchen, Trampelpfaden und der labyrinthischen Struktur. Man läuft sich eben immer zweimal über den Weg – oder drei, vier, fünf…

Die Informationen stammen aus Edinger, Eva-Christina: Wissensraum, Labyrinth, symbolischer Ort. Die Universitätsbibliothek als Sinnbild der Wissenschaft, Konstanz / München 2015 und Linde, Horst: Struktur und Architektur einer Universität. Gedanken zur Planung der Universität Konstanz. In: Sund, Horst; Timmermann, Manfred (Hg.): Auf den Weg gebracht. Idee und Wirklichkeit der Gründung der Universität Konstanz, Konstanz 1979, S. 75-82.