Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdrücke geführt hat. Man gibt sich etwas Innigem hin – offenbar getragen von der Wirkkraft des Bodensees.
Da verweilen die Dichtenden nun am Ufer des Sees, schauen in die Ferne und verspüren eine gewisse Regung: vielleicht Melancholie, vielleicht Gelassenheit oder vielleicht Wanderlust? Diese Vielzahl an Empfindungen sind es, die die Lyrik in ihrer Variation aufnimmt und verarbeitet. In Gedichten, die den Bodensee thematisieren wird deutlich, welch zahlreiche poetische Optionen ermöglicht werden im Umgang mit einer einzigen Kulisse. Zugleich laden sie dazu ein, beim nächsten Spaziergang die Umgebung mit anderen Akzenten zu erfassen. So bewegt man sich mit offenen Augen, schreibend – oder so wie wir heute lesend – um den Bodensee.
Erika Burkart Der Tisch – In einem alten Meersburger Garten
Wie viel erzählt ein verlassener Tisch im alten Meersburger Garten? Retrospektiv stellt sich diese Frage, die im Aargau geborene Schriftstellerin Erika Burkart. In pointierter, von einem Hauch Wehmut durchzogener Sprache erzählt uns die Autorin von einem – der Natur zum Opfer gefallenen – einsamen Tisch. Noch trägt er flüchtige Überbleibsel einer vorausgegangenen Sommerszene, ehe sich die Menschen schließlich in den Winter verabschiedeten.
Erika Burkart selbst lässt uns daran teilhaben:
Umrankt ihn, Efeu und Winden,
den alten rostigen Gartentisch,
mit Blättern deckt, schatten-
und sonnengoldgrünen,
das fleckige Weinrot,
bis man vergißt
hier
ist ein Tisch,
saßen Menschen
reichten sich über das Tuch
Tee und Gebäck
schauten sich unter die Wimpern
sprachen vom Sommer
schwiegen –
räumten ab und gingen
jeder in seinen
eigenen Winter.
Richard Dehmel Konstanz
Hier am Bodensee verursachen selbst die hochverehrten Komponisten zu viel Krach. Dies bringt uns der Schriftsteller Richard Dehmel auf einer feinsinnigen und verspielten Art und Weise näher: Da möchte man sich in der mystischen und gelassenen Landschaft des Sees niederlassen, doch diese Begierde wird gebrochen, durch keinen geringeren als Ludwig van Beethoven!
Richard Dehmel selbst dazu:
Im offenen Garten ist Konzert am See,
der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;
tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,
hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,
schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;
und immer noch Konzert, Konzert am See –
O Beethoven, wozu der Lärm?! –
Elisabeth Borchers Später Nachmittag
Könnte der Bodensee sprechen, was würde dieser von sich geben: ein Kichern, ein Seufzen, ein Lachen? Die Varianten aller Möglichkeiten lassen die Fantasie nicht müde werden, doch nach der Schriftstellerin Elisabeth Borchers wäre es dies: ein Lockruf. Erschöpft von der Sommerhitze ruht man träge – Stunde um Stunde – bis in Windeseile eine Einladung herüberrascht und der See sein Verlangen nach Zweisamkeit ausdrückt.
Elisabeth Borchers schreibt:
Des Sommers müde
ruht ohne Störung
bis fern
teilnehmend am Horizont
diesem Fußpfad hinüber
der See
und lädt ein
übers Wasser zu gehen
So wurden aus Empfindungen Gedanken, aus Gedanken Worte, und aus diesen Worten verwandelt sich ein weißes Blatt in ein Gedicht. Der Bodensee verführt dazu, sich der Offenheit seiner Präsenz hinzugeben und vielleicht findet sich unter den Lesenden die nächste Person, welche ein Zeichen der Zuneigung dem Bodensee vermitteln möchte.