Hochschulgruppe Uni Konstanz

Schlagwort: Poesie (Seite 1 von 1)

Kurze Künstlerinnenvorstellung: Gisela Munz-Schmidt

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken, literarisch

Gisela Munz Schmidt, aufgewachsen in Heilbronn, zog es 1984 in die Bodenseeregion nach Owingen. Vor ihrem Beginn als Schriftstellerin studierte sie Anglistik und Germanistik in Heidelberg und war anschließend an verschiedenen Gymnasien als Lehrerin für Deutsch und Englisch tätig. Drei Jahre nach ihrer Ankunft am Bodensee begann sie, sich verstärkt dem literarischen Schreiben zu widmen. Seit 1987 entstehen vor allem Gedichte, daneben aber auch Kurzprosa und Texte für Kinder. Ihre erste Veröffentlichung erschien 1988. Heute blickt Munz Schmidt auf eine Vielzahl literarischer Publikationen zurück.

Ein besonderes Merkmal ihres Schaffens ist die Verbindung von Sprache und bildender Kunst. Diese Kombination aus Text und Bild zeigt sich in ihren sechs Lyrikbildbänden, in denen ihre Gedichte durch Aquarelle der Künstlerin Sibylle Buderath ergänzt werden. Zu diesen gemeinsamen Arbeiten zählen unter anderem My Way Along Lake Constance, Rosen am Weg und Bäume am Weg. Die Bilder und Gedichte treten dabei in einen Dialog, sodass die Impressionen von Bodensee, sowohl sprachlich als auch visuell erfahrbar werden.

Aquarell von Sibylle Buderath, Kastanienblüten

Aquarell von Sibylle Buderath, Kastanienblüten

Kastanien – aus Bäume am Weg

Bevor sie wächst und blüht und Früchte trägt,

treibt sie, damit kein Sturm sie legt,

kein Wetter sie erschlägt,

den langen Wurzelpfahl tief in den Grund.

 

Dann jubelt sie den Frühling ein

in vollen roten Blütenglocken,

kräftig und untererschrocken,

und spät im Herbst sind ihre Samen

glänzend, glatt und rund

Das Prinzip ihres Schreibens, „[…] damit ich verstehe und dass ich bleibe.“ , findet sich in zahlreichen Gedichten der Lyrikerin wieder. In pointierter Sprache verleiht die Autorin alltäglichen Beobachtungen mit nur wenigen Mitteln (einem Stift und einem Blatt Papier) eine sinnliche Dimension. Dabei gelingt es ihr, äußere Landschaft und innere Wahrnehmung miteinander zu verbinden. So zeigt sich beispielsweise im Gedicht „Föhnstimmung“, dass der Bodensee in seiner äußeren Erscheinung zugleich zum Spiegelbild einer inneren Gemütslage werden kann. Auch die Vielfältigkeit der Bodenseeregion lassen sich nicht mit einem einzigen, präzisen Wort erfassen. Stattdessen entfaltet sich im Gedicht „Am Bodensee“ eine Reihe prägnanter Assoziationsketten, die den Facettenreichtum der Umgebung eindrucksvoll einfangen.

Föhnstimmung – aus Wege am See

In der Silberschmiede

des Windes

schmilzt der See

und glänzt sich aus.

Da glänzt ich wortlos

mich ein.

Am Bodensee  – aus Wege am See

Wass und Hügel, der Möwen Flügel.

Nein, nicht nur Natur, Molassefelsen und Ried

Kunst und Kultur, ein Lied, ein Gedicht.

Rebhänge, Dörfer, Spaziergänge,

der hohen Berge nahes Gesicht.

Kirchen, Städte und Kapellen,

Quellen, Bäche, Strandesstellen,

Narrenhäs  und Karbatschenschnellen,

Rummel und Bummel.

Bäume, Wiesen, Windes Spur,

Segel, Schiffe, Boote, Flauten,

Föhn und schöne alte Bauten.

Fremde Fahnen neben vertrauten.

 

Rote Äpfel, gelbe Birnen, grüne Nüsse.

Der Wellen Fluss. Der Kirschen Küsse.

Des Lebens Genuss, Sanftmut und Kühne.

Der Zeiten und der Schönheit Bühne.

Neben ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin engagiert sich Gisela Munz Schmidt auch im gesellschaftlichen und kommunalen Kontext. So entstand beispielsweise die Ausstellungsreihe Land am See, in der sich die Lyrikerin mit ihrer künstlerischen Ausdrucksform für Umwelt- und Naturschutz einsetzte. Um die Existenz dieser Künstlerischen Expression zu wahren, war Munz Schmidt zeitweise als Gemeinderätin tätig, um der regionalen Kunstförderung eine Stimme zu geben.

Im Jahre 2005 hat sich die Lyrik von Gisela Munz-Schmidt dauerhaft mit der Landschaft verbunden – einer Landschaft, die eine bedeutende Rolle im Werk der Autorin spielt. Mit der Einweihung des Lyrikwegs in Owingen wurden ihre Gedichte dauerhaft im öffentlichen Raum verankert. Der idyllische Rundweg verbindet Naturerlebnis und Lyrik miteinander. Entlang des Weges befinden sich sieben Gedichtstelen mit Werken ihrer. Die Gedichte greifen Eindrücke und Beobachtungen der Landschaft auf und laden die Spaziergänger*innen dazu ein, die wahrgenommene Umgebung aus einer neuen Perspektive zu begegnen.

Stele beim Haslerhof der Familie Bischoff

In diesem Zusammenhang, Munz-Schmidt „Es ist ja nicht üblich, dass man zu Lebzeiten mit seinen Gedichten verewigt wird“

Weitere interessant und lesenswürdige Informationen sowie Gedichte findet Ihr auf der Website von Gisela Munz-Schmidt: Gisela Munz-Schmidt – Lyrik vom Bodensee

Lyrik am Bodensee

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Konstanz entdecken, literarisch

Wozu Lyrik? 16.000 Wörter bringt ein Alltagsmensch durchschnittlich am Tag über die Lippen – mal dies, mal das. Zeitweise verweilt man beim Gesagten und gelegentlich verpufft es in einem luftleeren Raum. Eine Fülle an Eindrücken, die einen durch das Leben navigieren, weshalb also die Ergänzung von wenigen verdichteten Zeichen von irgendeiner Person, die einem fremder nicht sein kann? Vielleicht gerade um mit dieser Fremdheit in Dialog zu treten, damit man sich im Bachmann’schen Sinne, neue Formeln für eine andere Wirklichkeit erschließen kann.

Nun zur Lyrik!

Emmy Ball-Hennings Ein Traum

Die Pionierin der Dadaismus Bewegung und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire, Emmy Ball-Hennings, zeigt uns wie die Impressionen des Bodensees sich bis in unsere Träume hineinschleichen: Da gleicht die Zweisamkeit in der Tiefe des Sees einer Nicht-Existenz ohne jegliche Art von konkreter Begierde und verwandelt den See in einen Ort der Selbstreflexion. Eine expressionistische Liebesszenerie wird eröffnet, die mündet in einer melancholischen Bitte an das Dasein ihrer Selbst.

Wir liegen in einem tiefen See

Und wissen nichts von Leid und Weh.

Wir halten uns umfangen

Und Wasserrosen rings um uns her.

Wir streben und wünschen und wollen nichts mehr

Wir haben kein Verlangen.

Geliebter, etwas fehlt mir doch,

Einen Wunsch, den hab ich noch:

Die Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Jürg Weibel ohne Titel

Anscheinend ist der Bodensee bestückt mit einem zwielichtigen Charakter. Einerseits verweisen menschliche Eingriffe und naturelle Erzeugnisse auf bedrohliche Zugangsbedingungen zum Plantschen. Andererseits verlockt eine Einladung seitens des Sees zur Überwindung dieser äußerlichen Erscheinungen. Dieses Verhältnis zwischen Misstrauen und Hingabe; Schein und Realität; Bodensee und Menschen verdeutlicht uns Jürg Weibel in reduzierter und pointierter Sprache.

Villenbestückt

hundebewehrt

stolperdrahtgesichert

algenerstickt

ölig und glatt

lächelnd

ladet er

zum Bade

William Becher Regen am Bodensee

Ausgehend von den stillen Beobachterinnen – den Bergen – beschreibt der in Lindau verstorbene Schriftsteller William Becher, wie sich der Schauplatz des Bodensees bei anbahnendem Regenfall verhält. Poetische Formulierungen der Erhabenheit der Natur erinnern an klassische Beschreibungen der Romantik in Bezug auf das Ich im Angesicht seiner Umwelt. In diesem Sinne schreibt sich der strömende Bilderfluss gleichzeitig auch in dessen Handlung ein und spiegelt diese formal wieder.

Urnebel brauen in den Bergkulissen.

Schwer reckt die Alp den feuchten Rücken aus.

Der Himmel dräut in grauen Finsternissen,

Verlassen steht am Ufer Haus an Haus.

 

Das Rauschen aus dem See steigt aus dem Grunde,

Wie großer Atem aus der Brust der Welt.

Ich fühle still die Schönheit dieser Stunde,

Wenn auch der Regen klatschend niederfällt.

 

16.000 Wörter haben sich beim lauten Vorlesen der Gedichte um 119 ergänzt und hoffentlich verweilen einige noch ein wenig länger im Bewusstsein der Leser*innen.

Lyrik am Bodensee

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Deutsch, literarisch

Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdrücke geführt hat. Man gibt sich etwas Innigem hin – offenbar getragen von der Wirkkraft des Bodensees.

Da verweilen die Dichtenden nun am Ufer des Sees, schauen in die Ferne und verspüren eine gewisse Regung: vielleicht Melancholie, vielleicht Gelassenheit oder vielleicht Wanderlust? Diese Vielzahl an Empfindungen sind es, die die Lyrik in ihrer Variation aufnimmt und verarbeitet. In Gedichten, die den Bodensee thematisieren wird deutlich, welch zahlreiche poetische Optionen ermöglicht werden im Umgang mit einer einzigen Kulisse. Zugleich laden sie dazu ein, beim nächsten Spaziergang die Umgebung mit anderen Akzenten zu erfassen. So bewegt man sich mit offenen Augen, schreibend – oder so wie wir heute lesend – um den Bodensee.

Erika Burkart Der Tisch – In einem alten Meersburger Garten

Wie viel erzählt ein verlassener Tisch im alten Meersburger Garten? Retrospektiv stellt sich diese Frage, die im Aargau geborene Schriftstellerin Erika Burkart. In pointierter, von einem Hauch Wehmut durchzogener Sprache erzählt uns die Autorin von einem – der Natur zum Opfer gefallenen – einsamen Tisch. Noch trägt er flüchtige Überbleibsel einer vorausgegangenen Sommerszene, ehe sich die Menschen schließlich in den Winter verabschiedeten.

Erika Burkart selbst lässt uns daran teilhaben:

Umrankt ihn, Efeu und Winden,

den alten rostigen Gartentisch,

mit Blättern deckt, schatten-

und sonnengoldgrünen,

das fleckige Weinrot,

bis man vergißt

hier

ist ein Tisch,

saßen Menschen

reichten sich über das Tuch

Tee und Gebäck

schauten sich unter die Wimpern

sprachen vom Sommer

schwiegen –

räumten ab und gingen

jeder in seinen

eigenen Winter.

Richard Dehmel Konstanz

Hier am Bodensee verursachen selbst die hochverehrten Komponisten zu viel Krach. Dies bringt uns der Schriftsteller Richard Dehmel auf einer feinsinnigen und verspielten Art und Weise näher: Da möchte man sich in der mystischen und gelassenen Landschaft des Sees niederlassen, doch diese Begierde wird gebrochen, durch keinen geringeren als Ludwig van Beethoven!

Richard Dehmel selbst dazu:

Im offenen Garten ist Konzert am See,

der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;

tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,

hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,

schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;

und immer noch Konzert, Konzert am See –

O Beethoven, wozu der Lärm?! –

Elisabeth Borchers Später Nachmittag

Könnte der Bodensee sprechen, was würde dieser von sich geben: ein Kichern, ein Seufzen, ein Lachen? Die Varianten aller Möglichkeiten lassen die Fantasie nicht müde werden, doch nach der Schriftstellerin Elisabeth Borchers wäre es dies: ein Lockruf. Erschöpft von der Sommerhitze ruht man träge – Stunde um Stunde – bis in Windeseile eine Einladung herüberrascht und der See sein Verlangen nach Zweisamkeit ausdrückt.

Elisabeth Borchers schreibt:

Des Sommers müde

ruht ohne Störung

bis fern

teilnehmend am Horizont

diesem Fußpfad hinüber

der See

und lädt ein

übers Wasser zu gehen

So wurden aus Empfindungen Gedanken, aus Gedanken Worte, und aus diesen Worten verwandelt sich ein weißes Blatt in ein Gedicht. Der Bodensee verführt dazu, sich der Offenheit seiner Präsenz hinzugeben und vielleicht findet sich unter den Lesenden die nächste Person, welche ein Zeichen der Zuneigung dem Bodensee vermitteln möchte.