Wozu Lyrik? 16.000 Wörter bringt ein Alltagsmensch durchschnittlich am Tag über die Lippen – mal dies, mal das. Zeitweise verweilt man beim Gesagten und gelegentlich verpufft es in einem luftleeren Raum. Eine Fülle an Eindrücken, die einen durch das Leben navigieren, weshalb also die Ergänzung von wenigen verdichteten Zeichen von irgendeiner Person, die einem fremder nicht sein kann? Vielleicht gerade um mit dieser Fremdheit in Dialog zu treten, damit man sich im Bachmann’schen Sinne, neue Formeln für eine andere Wirklichkeit erschließen kann.
Nun zur Lyrik!
Emmy Ball-Hennings Ein Traum
Die Pionierin der Dadaismus Bewegung und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire, Emmy Ball-Hennings, zeigt uns wie die Impressionen des Bodensees sich bis in unsere Träume hineinschleichen: Da gleicht die Zweisamkeit in der Tiefe des Sees einer Nicht-Existenz ohne jegliche Art von konkreter Begierde und verwandelt den See in einen Ort der Selbstreflexion. Eine expressionistische Liebesszenerie wird eröffnet, die mündet in einer melancholischen Bitte an das Dasein ihrer Selbst.
Wir liegen in einem tiefen See
Und wissen nichts von Leid und Weh.
Wir halten uns umfangen
Und Wasserrosen rings um uns her.
Wir streben und wünschen und wollen nichts mehr
Wir haben kein Verlangen.
Geliebter, etwas fehlt mir doch,
Einen Wunsch, den hab ich noch:
Die Sehnsucht nach der Sehnsucht.
Jürg Weibel ohne Titel
Anscheinend ist der Bodensee bestückt mit einem zwielichtigen Charakter. Einerseits verweisen menschliche Eingriffe und naturelle Erzeugnisse auf bedrohliche Zugangsbedingungen zum Plantschen. Andererseits verlockt eine Einladung seitens des Sees zur Überwindung dieser äußerlichen Erscheinungen. Dieses Verhältnis zwischen Misstrauen und Hingabe; Schein und Realität; Bodensee und Menschen verdeutlicht uns Jürg Weibel in reduzierter und pointierter Sprache.
Villenbestückt
hundebewehrt
stolperdrahtgesichert
algenerstickt
ölig und glatt
lächelnd
ladet er
zum Bade
William Becher Regen am Bodensee
Ausgehend von den stillen Beobachterinnen – den Bergen – beschreibt der in Lindau verstorbene Schriftsteller William Becher, wie sich der Schauplatz des Bodensees bei anbahnendem Regenfall verhält. Poetische Formulierungen der Erhabenheit der Natur erinnern an klassische Beschreibungen der Romantik in Bezug auf das Ich im Angesicht seiner Umwelt. In diesem Sinne schreibt sich der strömende Bilderfluss gleichzeitig auch in dessen Handlung ein und spiegelt diese formal wieder.
Urnebel brauen in den Bergkulissen.
Schwer reckt die Alp den feuchten Rücken aus.
Der Himmel dräut in grauen Finsternissen,
Verlassen steht am Ufer Haus an Haus.
Das Rauschen aus dem See steigt aus dem Grunde,
Wie großer Atem aus der Brust der Welt.
Ich fühle still die Schönheit dieser Stunde,
Wenn auch der Regen klatschend niederfällt.
16.000 Wörter haben sich beim lauten Vorlesen der Gedichte um 119 ergänzt und hoffentlich verweilen einige noch ein wenig länger im Bewusstsein der Leser*innen.

