Hochschulgruppe Uni Konstanz

Schlagwort: Bodensee (Seite 1 von 2)

Kurze Künstlerinnenvorstellung: Helen Meier

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Allgemein, Konstanz entdecken, literarisch

„Und ausserdem ist das Schreiben, was es wiedrum mit der Liebe gemeinsam hat, das Beste, das in dieser Zeit geschehen kann.“

Dieses von Helen Meier stammende Zitat greift ziemlich genau zwei Kernthemen ihrer Texte auf: das Schreiben und die Liebe. 1929 in Mels, im St. Galler Oberland, geboren, war sie zunächst Primar-, also Grundschuldlehrerin, und studiert später Sprachen und Pädagogik in Freiburg. Außerdem engagierte sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz in Sachen Flüchtlingshilfe und erweiterte ihre Ausbildung zur Lehrerin auf das einer Sonderschullehrerin, womit sie eine Lehrstelle in Heiden wahrnehmen konnte. Diese Tätigkeit scheint für sie eine prägende gewese zu sein; 1984 reicht sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt einen Text über einen ihrer Schüler*innen mit einer Lernbehinderung ein („Lichtempflindlich“) und bekommt im Zuge dessen einen Platz beim Ernst-Willner-Stipendium. Nichtsdestotrotz tritt sie 1987 vom Schuldienat zurück, was sie als Schriftstellerin zurücklässt.

Porträt von Helen Meier (Foto: Peter Lober), entnommen aus „Bodensee-Lesebuch. 18 Autoren stellen sich vor“ herausgegeben von G. Braun

Kernthemen in Meiers Prosa umfassen sowohl Schicksalsschläge, unvorhergesehene Zukünfte und Lebensrealitäten, unerfüllte Liebe als auch ihre Wahrnehmung und Perspektiven auf das Altern.

Ihr zweites Buch „Das einzige Objekt in Farbe“ ist eine Sammlung aus 13 Geschichten und beschäftigt sich mit Bindungen und Verhältnissen zwischen Frau und Mann, und wirft die Frage auf, wie Liebe funktioniert und was sie mit uns macht. Dabei bindet sie Bezüge zur Kindheit und deren Auswirkungen auf das Jetzt mit ein.

Beispielsweise in der dritten Erzählung des Buches, „Zweiglein“, eine Geschichte über einen Mann, der eine Frau kennenlernt, welche ihn zu bemuttern müssen scheint, schreibt sie über dessen Hauptfigur:

„Felix Zweiglein sehnte sich oft nach seiner Kindheit zurück, der einzigen Zeit seines Lebens, in der er, wie es ihm schien, gelebt hatte, unbedenklich, kühn, die Tage randvoll mit Erlebnissen, Hoffnungen, Ahnungen, die Nächte ein endloser Samtpfad der Wiedergeburten.“

Im Kapitel „Disteln“ wird über die Protagonistin Sabine ähnliches geäußert:

„Um das Geräusch hören zu können, öffnete sie wiederum das Fenster. Es setzte ein, das beruhigende und zugleich aufhetzende Zischen, die Rhythmik uralter Ernte, des Anfangs und des Endes. Wiederum vermochte es in Sabine Erinnerungen heraufzuholen, schillernde Blasen früheren Lebens, bläulichgrünlich schwebend aus den Glasgärten ihrer Kindheit, die nicht hinter ihr, sondern vor ihr lagen, als Ziel, wie nach einem langen Lauf.“

In einem anderen Sammelband, „Liebe Stimme“, erzählt Meier teilweise abstruse Liebesgeschichten, ob es um Zwangsstörungen, Altersunterschiede oder Fantasievorstellungen geht.

In der Kurzgeschichte „Involtini“ wird eine romantische Beziehung zu der 19 Jahre jüngeren Stella umschrieben, welche von der gemeinsamen Leidenschaft des Kochens geprägt ist. Dabei wird thematisiert, inwiefern Menschen unterschiedlich lieben und auf welchen Ebenen ein Wir zustande kommen muss, dafür, dass das Gemeinsame funktionieren kann.

„Wir streiten viel, schreien, schmettern Türen. Wir heulen bei jeder Versöhnung, lächeln, falls es uns gelingt, Licht in unser dunkles Inneres zu werfen.“

Ihr Vorliebe des Schreibens lässt die Autorin beispielsweise in „Strahler“ aus demselbigen Buch durchscheinen, worin sie aus der Perspektive einer Schriftstellerin schreibt.
Helen Meier gewährt in ihren Werken Einblick in unterschiedliche Figuren und Lebensweisen, manche von ihnen fast gruselig bizarr und befremdlich, andere beneidens- und bewundernswert. Egal, nach welchen es Lesende strebt, ihre Texte können begeistern. Ihr Archiv ist im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern zu finden, viele ihrer Bücher beispielsweise in der Universitätsbibliothek Konstanz!

Kurze Künstlervorstellung: Hermann Hesse

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Allgemein, literarisch

Der Schriftsteller und Nobelpreisträger Hermann Hesse erlangte mit Werken wie Der Steppenwolf, Siddhartha und Demian weltweiten Ruhm. Was viele jedoch nicht wissen: einen prägenden Teil seines Lebens verbrachte er in Gaienhofen, unweit von Konstanz.

Eine fotographische Ansichtskarte vom „Hesse Haus“ um 1910 aus der Kollektion von Markus Wolter.

1904 zog es den frisch verlobten Hesse gemeinsam mit seiner Frau, der Schweizer Fotografin Maria Bernoulli, in das kleine Dorf am Bodensee. Beide waren stark vom Gedanken der Lebensreform beeinflusst, d. h. eine Rückbesinnung auf Natur und Simplizität als Gegenentwurf zur fortschreitenden Industrialisierung und dem wachsenden Materialismus in den Großstädten. In diesem Sinne entschieden die zwei sich bewusst für ein abgeschiedenes Leben im 3000-Einwohner- und -Einwohnerinnendorf und verfügten daheim weder über fließendes Wasser oder Elektrizität noch über einen Lebensmittelladen.

So schreibt Hesse selbst in einen Brief an Stefan Zweig:

Gaienhofen ist ein ganz kleines schönes Dörflein, hat keine Eisenbahn, keine Kaufläden, keine Industrie, nicht einmal einen eigenen Pfarrer, […]. Es hat auch keine Wasserleitung, so dass ich alles Wasser am Brunnen hole, keine Handwerker, so dass ich die nötigen Reparaturen im Haus selber machen muss, und keinen Metzger, also hole ich Fleisch, Wurst etc. jeweils im Boot über den See aus dem nächsten thurgauischen Städtchen. Dafür gibt es Stille, Luft und Wasser gut, schönes Vieh, famoses Obst, brave Leute. […]

Die Jahre in Gaienhofen erwiesen sich als besonders produktiv in seinem literarischen Schaffen. So entstanden mehrere Erzählungen sowie die Romane Unterm Rad und Gertrud. Weiterhin stammen auch eine Vielzahl an Gedichten aus dieser Zeit, in denen sich die Landschaft um den Bodensee selbst einschreibt, wie dieses:

Berge in der Nacht

Der See ist erloschen,
Schwarz schläft das Ried,
Im Traume flüsternd.
Ungeheuer ins Land gedehnt
Drohen die hingestreckten Berge.
Sie ruhen nicht.

Sie atmen tief, und sie halten
Einer den anderen an sich gedrückt.
Tief atmend,
Mit dumpfen Kräften beladen,
Unerlöst
In verzehrender Leidenschaft.

Das ruhige, gutbürgerliche Leben mit Familie und Haus war jedoch nicht nur von reiner Idylle geprägt, sondern stand stets im Widerstreit mit persönlichen Umständen und Hesses intrinsischem Verlangen nach einem Leben als Vagabund. Aufgrund dessen zog das Paar im Jahr 1912 weiter nach Bern.

Hermann Hesse reflektiert diese Zeit später wie folgt:

Nun waren wir also richtig für Lebenszeiten eingerichtet und angesiedelt, friedlich stand vor unsrer Haustür der einzige große Baum unseres Grundstücks, […]. Aber die Ewigkeit, für die wir gebaut hatten, dauerte nicht lange. Ich hatte Gaienhofen erschöpft, es war dort kein Leben mehr für mich, ich reiste nun häufig für kurze Zeiten weg, die Welt war so weit da draußen, und fuhr schließlich sogar nach Indien, im Sommer 1911. Die heutigen Psychologen, der Schnoddrigkeit beflissen, nennen so etwas eine ,Flucht‘, und natürlich war es unter anderem auch dies. Es war aber auch ein Versuch, Distanz und Überblick zu gewinnen. […]. Aber das alles genügte nicht. […] allmählich gewöhnten wir uns daran, unser Haus als verkäuflich und unser Gaienhofener Leben als eine Episode zu betrachten.

Bei Interesse kann diese Lebensphase zu ausgewählten Terminen im Mia und Hermann Hesse Haus in Gaienhofen hautnah erlebt werden!

 

Lyrik am Bodensee

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Konstanz entdecken, literarisch

Wozu Lyrik? 16.000 Wörter bringt ein Alltagsmensch durchschnittlich am Tag über die Lippen – mal dies, mal das. Zeitweise verweilt man beim Gesagten und gelegentlich verpufft es in einem luftleeren Raum. Eine Fülle an Eindrücken, die einen durch das Leben navigieren, weshalb also die Ergänzung von wenigen verdichteten Zeichen von irgendeiner Person, die einem fremder nicht sein kann? Vielleicht gerade um mit dieser Fremdheit in Dialog zu treten, damit man sich im Bachmann’schen Sinne, neue Formeln für eine andere Wirklichkeit erschließen kann.

Nun zur Lyrik!

Emmy Ball-Hennings Ein Traum

Die Pionierin der Dadaismus Bewegung und Mitbegründerin des Cabaret Voltaire, Emmy Ball-Hennings, zeigt uns wie die Impressionen des Bodensees sich bis in unsere Träume hineinschleichen: Da gleicht die Zweisamkeit in der Tiefe des Sees einer Nicht-Existenz ohne jegliche Art von konkreter Begierde und verwandelt den See in einen Ort der Selbstreflexion. Eine expressionistische Liebesszenerie wird eröffnet, die mündet in einer melancholischen Bitte an das Dasein ihrer Selbst.

Wir liegen in einem tiefen See

Und wissen nichts von Leid und Weh.

Wir halten uns umfangen

Und Wasserrosen rings um uns her.

Wir streben und wünschen und wollen nichts mehr

Wir haben kein Verlangen.

Geliebter, etwas fehlt mir doch,

Einen Wunsch, den hab ich noch:

Die Sehnsucht nach der Sehnsucht.

Jürg Weibel ohne Titel

Anscheinend ist der Bodensee bestückt mit einem zwielichtigen Charakter. Einerseits verweisen menschliche Eingriffe und naturelle Erzeugnisse auf bedrohliche Zugangsbedingungen zum Plantschen. Andererseits verlockt eine Einladung seitens des Sees zur Überwindung dieser äußerlichen Erscheinungen. Dieses Verhältnis zwischen Misstrauen und Hingabe; Schein und Realität; Bodensee und Menschen verdeutlicht uns Jürg Weibel in reduzierter und pointierter Sprache.

Villenbestückt

hundebewehrt

stolperdrahtgesichert

algenerstickt

ölig und glatt

lächelnd

ladet er

zum Bade

William Becher Regen am Bodensee

Ausgehend von den stillen Beobachterinnen – den Bergen – beschreibt der in Lindau verstorbene Schriftsteller William Becher, wie sich der Schauplatz des Bodensees bei anbahnendem Regenfall verhält. Poetische Formulierungen der Erhabenheit der Natur erinnern an klassische Beschreibungen der Romantik in Bezug auf das Ich im Angesicht seiner Umwelt. In diesem Sinne schreibt sich der strömende Bilderfluss gleichzeitig auch in dessen Handlung ein und spiegelt diese formal wieder.

Urnebel brauen in den Bergkulissen.

Schwer reckt die Alp den feuchten Rücken aus.

Der Himmel dräut in grauen Finsternissen,

Verlassen steht am Ufer Haus an Haus.

 

Das Rauschen aus dem See steigt aus dem Grunde,

Wie großer Atem aus der Brust der Welt.

Ich fühle still die Schönheit dieser Stunde,

Wenn auch der Regen klatschend niederfällt.

 

16.000 Wörter haben sich beim lauten Vorlesen der Gedichte um 119 ergänzt und hoffentlich verweilen einige noch ein wenig länger im Bewusstsein der Leser*innen.

Kurze Künstlervorstellung: Beat Brechbühl

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Deutsch, literarisch

Beat Brechbühl wurde 1939 in Oppligen (circa zwei Stunden von Konstanz entfernt!) geboren und ging dort zur Schule. Später begann er eine Lehre als Schriftsetzer und schrieb selbst „Von da an wurde ich ein Büchermensch.“

Mit 17 Jahren wagte er sich ans Gedichte-Schreiben. Gern betont er, dass er darauf als Redakteur und Verleger bei der früher noch „wirklich alternativen“ Bodenseezeitschrift clou arbeitete. Während seiner Beschäftigung dort fing er an, seine Gedichte auch zu veröffentlichen, unter anderem seinen ersten Gedichtband „Spiele um Pan“. Bei Gedichtbänden allein blieb es jedoch nicht!

Brechbühl schreibt und publiziert eine Bandbreite an literarischen Werken wie Kinderbücher, Romane und Miniaturprosa. Und auch allein bei dem Schreiben blieb es nicht!

Er war außerdem als Grafiker, Radiomacher, Züricher Diogenes-Herstellungsleiter und Leiter des Schweizer Verlags Zytglogge tätig. Nicht zu vergessen, die Selbstbezeichnung „Bildermacher“ in Wald, einer relativ kleinen Gemeinde im Kanton Zürich, die er fotografisch festgehalten zu haben scheint.

Öfters finden sich viele dieser Interessen in seinen Werken wieder, beispielsweise, in der unbetitelten Collage (siehe unten), welche mit Zeilen, die an eines seiner Gedichte erinnern, geschmückt ist:

Gedicht und Collage von Beat Brechbühl, entnommen aus „Bodensee-Lesebuch. 18 Autoren stellen sich vor“ von G. Braun

Das Gedicht dazu, auch ohne Titel:

Das Leben ist anders als

du denkst und

anders als es ist

 

Ich schreibe Erfolgsstory,

Und vergesse ihren Anfang, dann ihr Ende, lesen

konnte ich sie nicht mehr, weil

Meine Augen plötzlich so schlecht wurden,

Und nachts um drei kreischt

Eine Frau der Dorfstraße; ihr

Schrecklicher Ehemann verfolgt sie mit

dem 60 Zentimeter langen Metzgermesser

 

aber das Leben ist anders

& so

sind es zwei Marder, die sich die

Kehle zerbeißen wegen eines Weibchens, denn

nach zehn Minuten zerfließen

die Messerschreie rasch im ausgedörrten Sommerboden,

 

& die Flugzeuge bischen über

uns hinweg, WER SIND

 

die andern? & der Kontinent

Indien rammte letzte Nacht

wieder einmal den Himalaya

 

& in Srinagar brachen die Häuser zusammen

und viele Menschen kamen in den Trümmern um. Hier

 

geht es nur um Geld, nur um

Geld. Also nichts als die

 

Ordnung desselben. & nochmals ist

alles anders,

aber wie?

Beat Brechbühl gewann für sein kreatives Schaffen zahlreiche Preise, wie den Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis, sowohl den Zürcher als auch Österreichischen Kinderbuchpreis und 1999 ebenfalls den Bodensee-Literaturpreis.

Zusätzlich erwähnenswert ist sein (in der Uni-Bibliothek Konstanz ausleihbarer!) Roman „Kneuss: zwei Wochen aus dem Leben eines Träumers und Querulanten, von ihm selber aufgeschrieben“, in welchem die Hauptfigur und Sonderling namens Kneuss von ihn bekehren wollenden Mormonen besucht wird, welche eigentlich das Ziel haben, Kneuss umzubringen. Sie schaffen es nicht, ihn zu töten, dafür aber seine Hündin, welche ihm sehr am Herzen lag. Danach dreht Kneuss durch. Dem Roman folgt eine gleichnamige Verfilmung („Kneuss“) über welche die Neue Zürcher Zeitung neugierigmachend schrieb:

[…] Aus dem Helden Kneuss, der bei Brechbühl ein ‚Reiner‘ ist, ein ideologisch starrer Verweigerer, hat Meili [der Regisseur des Films] einen eher gebrochenen, zwielichtigen, in seinem Widerstand weder sich klar formulierenden noch für die Rebellion wirklich geeigneten Mann gemacht. Kneuss wird so menschlich fassbar.

Brechbühls Kunst breitete sich also auf ein weiteres Medium aus!

Am Beginn seines Œuvres standen jedoch hauptsächlich seine Gedichte und da er des Öfteren den Satz „Und wenn ich einmal keine Gedichte mehr schreibe, bin ich tot.“ von sich gab, kann man sich vor allem auf weitere Spiele mit Wort und Gefühl seinerseits freuen!

Lyrik am Bodensee

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Deutsch, literarisch

Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdrücke geführt hat. Man gibt sich etwas Innigem hin – offenbar getragen von der Wirkkraft des Bodensees.

Da verweilen die Dichtenden nun am Ufer des Sees, schauen in die Ferne und verspüren eine gewisse Regung: vielleicht Melancholie, vielleicht Gelassenheit oder vielleicht Wanderlust? Diese Vielzahl an Empfindungen sind es, die die Lyrik in ihrer Variation aufnimmt und verarbeitet. In Gedichten, die den Bodensee thematisieren wird deutlich, welch zahlreiche poetische Optionen ermöglicht werden im Umgang mit einer einzigen Kulisse. Zugleich laden sie dazu ein, beim nächsten Spaziergang die Umgebung mit anderen Akzenten zu erfassen. So bewegt man sich mit offenen Augen, schreibend – oder so wie wir heute lesend – um den Bodensee.

Erika Burkart Der Tisch – In einem alten Meersburger Garten

Wie viel erzählt ein verlassener Tisch im alten Meersburger Garten? Retrospektiv stellt sich diese Frage, die im Aargau geborene Schriftstellerin Erika Burkart. In pointierter, von einem Hauch Wehmut durchzogener Sprache erzählt uns die Autorin von einem – der Natur zum Opfer gefallenen – einsamen Tisch. Noch trägt er flüchtige Überbleibsel einer vorausgegangenen Sommerszene, ehe sich die Menschen schließlich in den Winter verabschiedeten.

Erika Burkart selbst lässt uns daran teilhaben:

Umrankt ihn, Efeu und Winden,

den alten rostigen Gartentisch,

mit Blättern deckt, schatten-

und sonnengoldgrünen,

das fleckige Weinrot,

bis man vergißt

hier

ist ein Tisch,

saßen Menschen

reichten sich über das Tuch

Tee und Gebäck

schauten sich unter die Wimpern

sprachen vom Sommer

schwiegen –

räumten ab und gingen

jeder in seinen

eigenen Winter.

Richard Dehmel Konstanz

Hier am Bodensee verursachen selbst die hochverehrten Komponisten zu viel Krach. Dies bringt uns der Schriftsteller Richard Dehmel auf einer feinsinnigen und verspielten Art und Weise näher: Da möchte man sich in der mystischen und gelassenen Landschaft des Sees niederlassen, doch diese Begierde wird gebrochen, durch keinen geringeren als Ludwig van Beethoven!

Richard Dehmel selbst dazu:

Im offenen Garten ist Konzert am See,

der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;

tief unter Brücken schweigt die Wasserfee,

hoch über Türmen schweigt der Alpenschnee,

schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;

und immer noch Konzert, Konzert am See –

O Beethoven, wozu der Lärm?! –

Elisabeth Borchers Später Nachmittag

Könnte der Bodensee sprechen, was würde dieser von sich geben: ein Kichern, ein Seufzen, ein Lachen? Die Varianten aller Möglichkeiten lassen die Fantasie nicht müde werden, doch nach der Schriftstellerin Elisabeth Borchers wäre es dies: ein Lockruf. Erschöpft von der Sommerhitze ruht man träge – Stunde um Stunde – bis in Windeseile eine Einladung herüberrascht und der See sein Verlangen nach Zweisamkeit ausdrückt.

Elisabeth Borchers schreibt:

Des Sommers müde

ruht ohne Störung

bis fern

teilnehmend am Horizont

diesem Fußpfad hinüber

der See

und lädt ein

übers Wasser zu gehen

So wurden aus Empfindungen Gedanken, aus Gedanken Worte, und aus diesen Worten verwandelt sich ein weißes Blatt in ein Gedicht. Der Bodensee verführt dazu, sich der Offenheit seiner Präsenz hinzugeben und vielleicht findet sich unter den Lesenden die nächste Person, welche ein Zeichen der Zuneigung dem Bodensee vermitteln möchte.

Märchenstimmung in Gottlieben – Ein Besuch in der Drachenburg

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Allgemein, Deutsch, Historische Gebäude, Kunst & Architektur

Ein Zierdrache an der Fassade der Drachenburg in Gottlieben. Foto: Linn Petrat

Die Festtage sind um, die diffuse Zeit zwischen den Jahren wurde meist auf dem Sofa verbracht, und das neue Jahr wurde ausgelassen gefeiert. Egal, ob man sich Neujahrsvorsätze gemacht hat, oder nicht – allen tut ein ausgiebiger Spaziergang gut, um dem Trubel der intensiven Weihnachts- und Neujahrszeit zu entkommen und die Ruhe zu genießen. Wer sich vom Konstanzer Paradies aus übers Tägermoos in die Schweiz aufmacht, den tragen die Füße bei großer Spazierlaune dann auch mal bis ins etwa drei Kilometer entfernte Gottlieben. Die Gemeinde am Seerhein zählt etwa 300 Einwohner:innen und ist flächenmäßig eine der kleinsten Gemeinden der Schweiz – doch das märchenhafte Dörfchen bietet einige Schätze, die keineswegs im Verborgenen bleiben sollten.

Beim Schlendern bekommt man schnell das Gefühl, man hätte sich nicht nur über die Landesgrenze begeben, sondern direkt in einen der Märchenfilme hinein, die in der Weihnachtszeit ohne Unterlass über die Bildschirme flimmern. Zunächst erhascht man durchs winterlich eher karge Blätterdickicht einen Blick auf das Schloss Gottlieben, das im Jahr 1251 als Wasserburg geplant wurde. Durch seine Lage direkt am Wasser und umgeben von einem großflächigen Anwesen ist die Außenfassade von der anderen Uferseite am Wollmatinger Ried jedoch noch etwas besser zu betrachten – ein lohnenswertes Ziel für einen weiteren Spaziergang.

Ist man im Ort Gottlieben angekommen, führt der Weg entlang der zahlreichen malerischen Fachwerkhäuser, die größtenteils aus dem 17. Jahrhundert stammen. Das rote Fachwerk und die grünen Fensterläden leuchten einem auf dem Dorfplatz strahlend entgegen, da tauchen plötzlich mehrere Drachen im Blickfeld auf. Drachen? Wir sind doch bei all der märchenhaften und zeitlosen Stimmung nicht etwa bei Game of Thrones gelandet, wo Daenerys‘ Drachen den Himmel unsicher machen? Doch ein zweiter Blick genügt: Bei genauerem Hinsehen, fällt natürlich schnell auf, dass der grün angelaufene Drache am Haus befestigt ist, und statt Feuer höchstens Wasser spucken könnte, wenn es besonders viel regnet.

Die Drachenburg hat ihren Namen Quellen zufolge auch nicht daher, dass in Gottlieben tatsächlich Drachen zugange waren, sondern von der auffälligen und besonderen Schmuckpracht der Fassade. Denn neben dem detailreichen Fachwerk zieren auch einige Drachenfiguren das Haus. Diese wurden um das Jahr 1890 vom Tägerwiler Julius Schürer an dem zu dieser Zeit von Marie Fuhrimann als Altertumshandlung und „Weinstube zur Drachenburg“ geführtem Gebäude angebracht. Der Name Drachenburg kann historisch nicht anders belegt werden – die mystische Herkunft der Drachen in Gottlieben sind also den Einfällen von Fuhrimann oder Schürer zu verdanken. Die Drachenburg selbst wurde schon mehr als Einhundert Jahre früher gebaut. An einem Dachziegel im Obergeschoss fand man einen Hinweis auf das Baujahr 1674. Knapp 30 Jahre später wurde das Fachwerkhaus bereits wieder um- oder neugebaut und an das nebenan gelegene Untere Steinhaus durch einen Mann des Namens Bockmeyer angegliedert. Sein Wappen, das einen Schafbock zeigt, und die Jahreszahl 1716 lassen sich noch heute über dem Eingangsportal entdecken.

 

 

Seit langer Zeit ist die Drachenburg, mit ihren zwei prominenten Erkern zum Dorfplatz gewandt, nur noch in Einheit mit dem gegenüberliegenden Waaghaus bekannt. Das Hotel Drachenburg und Waaghaus wurde ganze 128 Jahre von der Familie Hummel geführt. Nach einigen Umbauten des Waaghauses, welches früher als Salzstadel diente, wurde es lange als Gasthaus betrieben. Im Jahr 1953 übernahm die Familie Hummel dann auch die Drachenburg und ließ das angeschlossene Untere Steinhaus in ein Hotel umwandeln. Die Anschlüsse von weiteren Häusern an das bestehende Hotel erfolgten in den nächsten Jahren, sodass die „Drachenburg & Waaghaus AG“ das Gottlieber Hotel- und Gastronomiegewerbe weitgehend dominierte. Im Jahr 2020 übernahm eine Stiftung die AG – mit dem Ziel zu modernisieren und zu sanieren – und vor allem, das Ensemble an historischen Baudenkmälern zu bewahren. Aufgrund der Sanierung ist das Betreten des Gebäudes momentan nicht möglich, doch selbst der Blick von außen reicht aus, um sich die vielfältige Historie der Drachenburg vorstellen zu können.

Ein Spaziergang nach Gottlieben gleicht einer kleinen Reise raus aus dem Alltag und hinein in einen kleinen Ort voller Geschichte, beeindruckender Architektur und einer ganz besonderen Atmosphäre. Man bekommt dort das Gefühl, sich durch die Zeit hindurch zu bewegen – und das nicht nur nach Wochen voller Feiertage, in denen kaum einer noch weiß, um welchen Wochentag es sich handelt. Die Drachenburg mit ihrer vielseitigen Geschichte lädt besonders zum Tagträumen und Staunen ein – und ist ein guter Grund, sich aufzumachen, um den Nachbarort zu entdecken.

Kurze Künstlervorstellung: Bruno Epple

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Deutsch, Kunst & Architektur, literarisch

1931 in Rielasingen geboren, verbrachte Bruno Epple seine Kindheit und Jugend in Radolfzell und besuchte das Heinrich-Suso-Gymnasium in Konstanz. Bevor er 2023 in Allensbach verstarb, war er Maler, Dichter und Lehrer am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium in Konstanz, später am Gymnasium Radolfzell.

Zunächst schrieb er „unbesorgt ins Tagebuch“, später schrieb er, um seine Lyrik und Prosa zu publizieren. Manche seiner Veröffentlichungen sind im sogenannten „Bodenseealemannisch” geschrieben, ein Dialekt, der im südlichen Allgäu bis hin zu einigen schweizerischen Ufergemeinden gesprochen wird. Für diese Art, die alemannische Mundart aufrechtzuerhalten, gewann er 1996 die Johann-Peter-Hebel-Medaille.

Handgeschriebenes Selbstzitat (Gedichtverse, alemannisch) und Unterschrift auf Titelblatt des Buches „reit ritterle reit“, 1979

Urheber: Markus Wolter, lizensiert unter CC4.0, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/

Epple bindet in seine Texte oft persönliche Konstanz-Anekdoten ein, ob er in „Der Schatten des Hus“ vom Essen Kretzerfilets in Konstanz erzählt oder in „Immer bei Schuberts Musik“ über die Eichhornstraße spaziert. Aus Letzterem eine besonders schöne Passage:

Ich schaue auf, schaue aus dem Fenster: Im Osten ein sanftblauer Himmel, der ins Grünliche abklingt. Schimmert des Sees Silber über den Bäumen? Ich kann’s nicht sagen. Unten liegt der Hof im Schatten, jenseits der Mauer breitet sich Wiese aus, und am Ende der Wiese erhebt sich ein Wall von Buchen und Tannen. Wer mag in dem altertümlichen Haus wohnen, dessen Fassade rötlich erblüht und sanft sich verwandelt unter dem Schein der sich neigenden Sonne? Wie verwunschen.

Seine Malerei erinnert an Kinderbuchillustrationen, mit Figuren, die stets eine ähnlich runde Körperform besitzen und mit intensiven Farben, die berühren. Manche seiner Bilder und Grafiken wurden auch als Ilustrationen in seinen oder den Büchern anderer verwendet. Der Bodensee ist dabei ein gern gewähltes Motiv des Künstlers.

Eine nackte Person mit roten, langen Haaaren steht in einem Zimmer.

Abandonnée

Epple Bruno Abandonnée“ von Arbrealettres& ist lizensiert unter CC BY-SA 2.0.

Die Verbundenheit zum See spiegelt sich ebenfalls in seinem Geschriebenen wider; in den Werken „Seegefilde“, „Den See vor Augen“ und „Vor allem der See“ rekapituliert er seine Kindheitserinnerungen aus der Bodenseeregion. 1991 gewann er den Bodensee-Literaturpreis für „sein literarisches Schaffen“.

Sowohl an Epples Texten als auch an seinen Gemälden kann man viel Freude finden, vor allem, wenn man mit dem „spielerischen Ernst” an sie herantritt, mit dem er sie kreierte!

Stadtkind Konstanz – ein Lieblingsort mit Geschichte (und Geschichten)

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Allgemein, Deutsch, Konstanz entdecken

Das Café Stadtkind gehört für viele Konstanzer*innen zu den liebsten Adressen, wenn es um guten Kaffee, hausgemachten Kuchen und eine heimelige Atmosphäre geht. Ob für eine kleine Auszeit im Alltag, ein entspanntes Treffen mit Freundinnen  oder einfach zum Sonne tanken – besonders an Frühlingstagen, im Sommer oder in den warmen Wochen des Herbstes laden die Sitzgelegenheiten im Freien zum Verweilen ein.

Gelegen im Stadtviertel Paradies, überzeugt das Stadtkind nicht nur mit süßen Köstlichkeiten, sondern auch mit seinem charmanten Standort: einem historischen Gebäude mit überraschend bewegter Geschichte.

Was wissen wir über das Gebäude?

Zwar lassen sich keine umfangreichen Informationen zur frühen Geschichte des Hauses finden, doch einige spannende Fakten und Anekdoten gibt es trotzdem: Das heute denkmalgeschützte Gebäude wurde im Jahr 1905 erbaut und befindet sich seit 1958 im Besitz einer Konstanzer Familie. Und es gibt sogar kleine Geschichten, die sich über die Jahre wie Efeublätter um das Haus ranken: So soll sich einst an der Stelle, an der heute Jacken aufgehängt werden, ein Panzer verirrt haben. Ob das wirklich stimmt? Wer weiß. Aber es sind genau solche Erzählungen, die einem Ort Charakter verleihen.

Wenn schon von Panzern die Rede ist, darf ein echtes Kuriosum natürlich auch nicht fehlen! Das besagte Kuriosum befindet sich im hinteren Anbau: Dort klafft ein kleines Loch in der Wand, durch das man in den angrenzenden Raum hineinsehen kann. Es stammt aus der Zeit, als hier ein Juwelier ansässig war. Das Loch diente ihm offenbar als verdeckte Sichtlinie in den Verkaufsraum, um unauffällig einen Blick auf mögliche Langfinger zu werfen – ein fast schon ein filmreifes Detail!

Vom Tante-Emma-Laden zum Café mit Charakter

Wie bereits erwähnt, war in diesen Räumen früher ein Juwelier untergebracht. Doch über die Jahre hinweg haben sich hier ganz unterschiedliche Gewerbe niedergelassen, jedes mit seiner eigenen kleinen Geschichte. Die Anfänge des Ladens reichen zurück bis zu einem kleinen Tante-Emma-Geschäft, das einst im Hauptraum untergebracht war. Danach zog eine Autovermietung ein und auch der kleinere Nebenladen wurde über die Jahre unterschiedlich genutzt, etwa als Massagestudio, Krimskramsladen oder Juwelier. Erst 2014 wurden beide Ladeneinheiten vereint und das Café Stadtkind zog ein. Seitdem hat sich hier ein Ort etabliert, der mit viel Liebe zum Detail geführt wird – ein ruhiger Gegenpol zum hektischen Alltag.

Ob mit geschichtlichem Interesse, auf der Suche nach einem besonderen Café oder einfach Lust auf einen guten Cappuccino, ein Besuch im Stadtkind lohnt sich auf jeden Fall! Und wer weiß: Vielleicht entdeckt man bei genauem Hinsehen ja noch das ein oder andere Detail, das von früheren Zeiten erzählt. Falls es dir so ergeht, lass gern einen Kommentar da und verrate uns, welche Geschichte dir zu Ohren gekommen ist oder welches Kuriosum wir übersehen haben. 

 

Hinweis: Der erste Entwurf für den obenstehenden Text wurde der Broschüre ‚Kunst und Food für Erstis‘ aus dem Wintersemester 22/23 entnommen und durch die Autorin des Artikels überarbeitet.

Heimatgefühle mit Hopfen und ausgefallenen Drinks: Ein Besuch in der Heimat Bar Konstanz

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Passender könnte der Name kaum sein: Die Heimatbar ist längst mehr als nur irgendeine Kneipe oder Bar in Konstanz. Über die Jahre ist sie zur festen Anlaufstelle für Geburtstage, Abschlussfeiern, gemütliche Runden nach der Klausurenphase und natürlich für das klassische ein, zwei, drei, vier… na, ihr wisst schon geworden. Man muss sich ja auch mal was gönnen oder?

Wer sich Sorgen macht, nach dem einen oder anderen Violet Sour oder Long Island Ice Tea den Weg zum Bahnhof nicht mehr zu finden – keine Panik: Die Heimatbar liegt direkt am Eingang zur Altstadt, in einem alten Gewölbekeller, der schon beim Reinkommen zum Verweilen einlädt. Hier ist fast immer was los, die Stimmung entspannt, das Publikum bunt gemischt – einfach ein echter Konstanzer Kultort.

Unser Tipp: Gönnt euch am besten ein paar Runden Apfelstrudel (keine Sorge, das ist kein Dessert, sondern ein ziemlich beliebter Shot), bevor es dann wieder nach Hause geht. Wer kein Apfel mag, sollte nach den Specials Ausschau halten. Im Sommer Special gab es unter anderem: Paloma, Pornstar Martini oder Bahama Mamas. Drei Drinks die schon beim bestellen für Stimmung sorgen. Aber Achtung: Bargeld nicht vergessen! Kartenzahlung ist in der Heimat Bar leider nicht möglich und nichts killt die Stimmung schneller als ein leeres Portemonnaie an der Theke. 

Natürlich zeigen wir euch hier unsere Lieblingsorte in Konstanz, aber was wäre die Kunst-Werk-Stadt ohne ein paar spannende Hintergrundinfos?

Das Gebäude, in dem die Heimatbar heute untergebracht ist, wurde bereits vor über 700 Jahren namentlich erwähnt. Der Gewölbekeller diente im Laufe der Zeit vielen verschiedenen Zwecken, bis er 1988 schließlich zur Bar wurde, wie wir sie heute kennen und lieben. Seitdem ist die Heimat nicht nur einfach irgendeine Kneipe, sondern eine echte Institution. Eine der ersten richtigen Bars in einer Stadt, die sonst eher für ihre zahllosen Weinstuben bekannt ist. Szene-Kneipe? Auf jeden Fall. Kult? Definitiv.

Sommer, Drinks und laue Nächte

Im Sommer spielt sich das Leben draußen ab – auch in der Heimatbar. Der Biergarten direkt vor dem Eingang hat bei schönem Wetter bis spät in die Nacht geöffnet. Kühle Drinks, warme Nächte, gute Gespräche – mehr Sommer geht nicht. Zugegeben, vielleicht ist es gerade nicht mehr der richtige Moment dafür. Aber hey: Der nächste Sommer kommt bestimmt. Und die Heimat wartet schon.

Funfact: Wusstet ihr eigentlich, dass hier zum ersten Mal Flaschenbier von Beck’s auf der Karte stand? Und mit ihm auch ein Wort nach Konstanz kam, das wir heute nicht mehr missen wollen: Happy Hour.

 

 

Hinweis: Der erste Entwurf für den obenstehenden Text wurde der Broschüre ‚Kunst und Food für Erstis‘ aus dem Wintersemester 22/23 entnommen und durch die Autorin des Artikels überarbeitet.

Die Konstanzer Schwurhand – Wenn Gesten Geschichte schreiben

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Die Schwurhand von Franz Gutmann mit Blick auf die Untere Laube. Foto: Linn Petrat

Die Schwurhand von Franz Gutmann mit Blick auf die Untere Laube. Foto: Linn Petrat

Daumen hoch, Kleiner-Finger-Schwur, ein Herz formen, oder der emporgereckte Finger als Zeichen einer unflätigen Beleidigung: Unsere Hände dienen uns Menschen schon seit Ewigkeiten als Ausdrucks- und Kommunikationsmittel. Manche Gesten sind universell lesbar, manche unterscheiden sich je nach Region, und manche verändern sich auch über die Zeit. So wird das Herz inzwischen nicht mehr aus Daumen und Zeigefinger, sondern aus Zeige- und Mittelfinger geformt. Doch die universelle Aussagekraft und Kommunikationsfähigkeit der Hand bleibt weltweit und zeitübergreifend bestehen.

Haben Sie jemandem schon einmal etwas versprochen? Meist dient hier das Ineinanderhaken der kleinen Finger als Zeichen, dass man es mit seinem Versprechen auch wirklich ernst meint. Vor einigen hunderten Jahren hätten wir hierfür vermutlich eher den Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger in die Höhe gehalten. Die Schwurhand ist im Mittelalter europaweit verbreitet und gilt als Eidesbekenntnis, abgelegt unter Gottes Augen. Eine Geste, die jedoch nicht leichtfertig verwendet werden sollte – denn wer seinen Eid brach, wurde auf drastische Weise bestraft. Das Brechen des Eides konnte einem die Hand kosten.

Der mittelalterliche Schwur findet in der Konstanzer Altstadt eine ganz besondere bildliche Form: Bereits im Jahr 1975 wurde die Schwurhand von Franz Gutmann (1928-2024), von dem auch der Münsterbrunnen stammt, geschaffen. Seit 1990 steht die Bronzekulptur in der Torgasse. Drei voluminöse Finger drücken sich hier aus dem Boden heraus, der Rest der Hand bleibt im Boden verborgen. Die schmale Gasse wird von dem Kunstwerk, das eine Fläche von 119 mal 142 Centimetern beansprucht, fast ganz eingenommen und wird für Einwohner*innen und Tourist*innen zum Nadelöhr. Doch wieso steht die Bronzeskulptur genau an diesem Engpass? Es handelt sich dabei natürlich nicht um einen Zufall. Denn die Schwurhand befindet sich in unmittelbarer Umgebung der Konstanzer Vertreter von Recht und Gesetz: Wenige Schritte entfernt residiert die Konstanzer Staatsanwaltschaft im alten Lanzenhof und in der Unteren Laube, und in der Altstadt und dem Paradies befinden sich ebenfalls in fußläufiger Entfernung das Landgericht, das Amtsgericht, sowie das Familien- und Sozialgericht. Also Orte, an denen das Leisten eines Eides keine Seltenheit und die Wahrheit Grundlage einer fairen Rechtsprechung ist.

Die Schwurhand schlägt eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, und zeigt dabei auf, was überdauert: Das menschliche Bedürfnis, unsere Worte und deren Aussagekraft mit Gesten zu unterstützen. Sie lässt uns nicht nur durch ihr Versperren des direkten Weges innehalten, sondern regt auch zum Nachdenken und Philosophieren an. Können wir nur einen Teil der Wahrheit erkennen, so wie wir nur einen Teil der Skulptur sehen können? Wer sich an der Schwurhand vorbeischlängelt, wird mit der Frage nach unserer Ernsthaftigkeit konfrontiert: Was ist ein Versprechen eigentlich wert?

Unser Tipp: Wer sich schon immer gefragt hat, was die Schwurhand eigentlich so über sich selbst sagen würde, kann dies mit Text und Wort von Marvin Suckut nachhören. Der Poetry-Slammer leiht der Schwurhand im Rahmen des Projektes KUNSTSTÜCKE seine Stimme:  KunstStücke | Schwurhand