Die Pilgerkritzeleien in St. Georg

Bei Pilgerkritzeleien handelt es sich um Ritzungen, die häufig an sakralen Orten zu finden sind. Sie wurden oftmals mit scharfen Gegenständen wie kleinen Messern direkt im Wandputz hinterlassen. Eine „Entweihung” des heiligen Ortes ist damit nicht intendiert. Vielmehr ist der Wunsch des Pilgers entscheidend, sich selbst in den heiligen Ort einzuschreiben. Vergleichbar damit sind ... mehr anzeigenBei Pilgerkritzeleien handelt es sich um Ritzungen, die häufig an sakralen Orten zu finden sind. Sie wurden oftmals mit scharfen Gegenständen wie kleinen Messern direkt im Wandputz hinterlassen. Eine „Entweihung” des heiligen Ortes ist damit nicht intendiert. Vielmehr ist der Wunsch des Pilgers entscheidend, sich selbst in den heiligen Ort einzuschreiben. Vergleichbar damit sind offizielle Grabinschriften in Kirchen. Solche Epitaphe sollen als Gedenken an Verstorbene dienen, sie gleichzeitig aber auch dem Heilsversprechen näher bringen. Denkt man bei Graffiti an unautorisierte Opposition gegen bestehende Normen, stimmt das nur zum Teil: der Ort soll unangetastet bleiben, wohl aber setzt sich das Pilger-Graffiti als subversive Handlung über die soziale Regel hinweg, Erinnerungsorte in Kirchen nur Klerikern und wohlhabenden Stiftern vorzubehalten.

Die in den Abbildungen gezeigten Pilgerkritzeleien aus der Kirche St. Georg wurden im Zuge der Restaurierung freigelegt und später wieder verputzt. In der Margarethenkapelle im Konstanzer Münster (vgl. Abb. 5) können jedoch immer noch zahlreiche Zeichnungen betrachtet werden. weniger anzeigen

  • Abb. 1 von 5 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Abb. 178a und 178b

    Unter dem Begriff Pilgerkritzeleien werden verschiedene Darstellungsformen zusammengefasst. Es können kleine Zeichen, Ornamente, einzelne Worte oder auch ganze Sätze geschrieben werden. Oft handelt es sich wie bei diesem Beispiel an der Nordwand der Krypta um Namensinschriften, versehen mit einer Jahreszahl (hier 1615). Solche Ritzungen sind meist im Zuge persönlicher Wallfahrten entstanden.

    Die untere Abbildung zeigt eine Umzeichnung.

  • Abb. 2 von 5 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Abb. 177

    An der Nordwand der Krypta in St. Georg sind diverse Rötelkritzeleien aufzufinden. Rötel hinterlässt eine kräftige rote Farbe und war während des Barock gerade bei der Anfertigung feiner Strichzeichnungen oder Detailabbildungen sehr beliebt. Diese Pilgerkritzelei zeigt ornamentale Elemente, wie eine große Glocke und Rankenverzierungen. Auf der rechten Seite sind besonders kunstfertig eine Kirche oder Türme einer Befestigung dargestellt.

  • Abb. 3 von 5 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Abb. 179a

    Aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen wird davon ausgegangen, dass die Krypta anlässlich der Schenkung der Georgs-Reliquie in einem Zuge mit der Kirche erbaut wurde. Durch die Aufbewahrung der Reliquie ist die Krypta zu einem höchst sakralen Raum geworden. Daraufhin kam es im 16. und 17. Jahrhundert zu verstärkten Pilgerströmen. Kritzeleien an der Nordwand der Krypta zeigen, welche Bedeutung ein Besuch dieses Ortes für Pilger hatte. Durch Einritzungen persönlicher Mitteilungen sollte die Anwesenheit des Pilgers festgehalten werden und dadurch die eigene Verewigung im sakralen Kontext stattfinden.

  • Abb. 4 von 5 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Abb. 239 und 240

    Pilgerkritzeleien, die sich als Ritzung im Wandputz äußern, sind nur so lange sichtbar, bis die Ebene, auf der sie angebracht waren, wieder überdeckt wird. Die hier abgebildeten Graffitis aus der Vorhalle der St. Georgs Kirche wurden im Zuge von Restaurierungsarbeiten übertüncht und sind heute somit nicht mehr zugänglich. Es wurden verschiedene Darstellungen gefunden, die aus dem frühen 17. Jahrhundert stammen: Schriftzüge, ornamentale Elemente, aber auch ein Kreuz sowie die Ritzung einer Jahreszahl (1604).

  • Abb. 5 von 5 - Bildquelle: Birgit Rucker

    Pilgerkritzeleien in der Margarethenkapelle des Konstanzer Münsters

    Vergleichsbilder zu den in St. Georg angebrachten Pilgerkritzeleien lassen sich unweit der Insel Reichenau im Konstanzer Münster finden. Die dortige Margaretenkapelle stammt aus der Zeit um 1000 und wurde ab 1423 im gotischen Stil renoviert. Die Gebetskapelle war aufgrund ihres bischöflichen Grabmals und der Wandmalereien, die die Kreuzigung Jesu darstellen, ein beliebtes Ziel bei Pilgern. Verdeutlicht wird dies durch ornamentale Kritzeleien, Darstellungen von Kirchen oder Namensschriftzüge.