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Bachelorarbeit: Performanz der Malerei: Das handeling des Künstlers in zwei frühen Selbstbildnissen Rembrandts

Ein Abstract zur Bachelorarbeit von Laura Feurle

Rembrandt Harmensz. van Rijn (1609-1669) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des ‚Goldenen Zeitalters‘ der holländischen Kunst, wobei sein Œuvre eine ungewöhnliche Vielzahl an Selbstbildnissen umschließt, die in der kunsthistorischen Forschung des 20. Jh. ebenso ausführlich wie kontrovers diskutiert wurden. Dabei hat sich früh eine Forscherfraktion abgezeichnet, welche in der heterogenen Gruppe dieser Werke Zeugnisse der Selbsterforschung der künstlerischen Identität und Psyche Rembrandts erkennen wollte. Im diametralen Gegensatz zu diesem Interpretationsansatz, der von zahlreichen Forschern in Hinblick auf die Reprojektion der freudianischen Konzepte von ‚Selbst‘ und ‚Ich-Identität‘ als anachronistisch kritisiert und daher abgelehnt wurde, entwickelte sich eine sozialgeschichtlich argumentierende Position, welche die Selbstportraits als Teil einer pragmatischen Selbstvermarktungsstrategie Rembrandts deutete.
Dieser dergestalt polarisierte Forschungsdiskurs wurde im Rahmen dieser Abschlussarbeit als Ausgangsbefund für eine methodische Neubetrachtung der beiden frühesten Selbstporträts des Künstlers aus den Jahren 1628 und 1629, die sich heute in der Münchner Alten Pinakothek und dem Amsterdamer Rijksmuseum befinden, herangezogen. Der augenscheinlichen Verbindung der spezifischen Ästhetik der beiden Bilder wurde in einer phänomenologischen, also dezidiert bildimmanenten Analyse Rechnung getragen. Unter Zuhilfenahme zeitgenössischer kunstpraktischer Terminologien wurde  daher zunächst eine vergleichende stilistische Analyse der Gemälde vorgenommen, um verschiedene Akzentuierungen der jeweiligen Bildevidenz herauszuarbeiten und die Ergebnisse dann in einem zweiten Schritt ins Interpretative zu wenden, wobei zeitgenössische Diskurse zur Erkenntnis- und Kunsttheorie ergänzend hinzugezogen wurden. Die spezifische Bildphänomenalität wurde dabei konsequent auf metaartistische Implikationen, die sowohl die Sphäre der künstlerischen Produktion als auch der Bildrezeption betreffen, befragt, um nicht zuletzt auch feine Facetten des frühen Kunst- und Künstlerselbstverständnisses Rembrandts herauszukristallisieren.

Somit bestanden die Grundthesen der Arbeit kurzgefasst darin, dass das handeling (Farbauftrag und Pinselmotorik bzw. körperlicher Malakt Rembrandts) durch die virtuose und dynamische malerische Farbspur ein ‚Porträt der schaffenden und zugleich denkenden Hand Rembrandts‘ hervorbringt. Selbiges, so die Annahme, sei programmatisch aufgeladen und darüber hinaus sogar im Stande, eine Form gemalter Kunsttheorie zuallererst zu erzeugen.
Die Entfaltung des Sinnpotentials der bildimmanenten Phänomene barg das Potenzial, neue Perspektiven auf die Gemälde zu gewinnen, indem der Blick des Betrachters für die Subtilität der bildnerischen Argumentation geschärft wurde. Eine besondere Herausforderung stellte es dar, den subtilen Allusionen und spielerisch angestoßenen Assoziationsketten in beiden Gemälden nachzuspüren, diese schärfend zu reflektieren und in einen interpikturalen (zwischenbildlichen) Dialog zu bringen. Dabei musste zugleich vorsichtige Bedachtsamkeit bei der Verbalisierung der Beobachtungen walten, um nicht den Eindruck absoluter Setzungen (oder schlicht: der Überinterpretation) zu erwecken.
Zuletzt konnte jedoch das experimentelle handeling Rembrandts in seinen beiden Frühwerken als wesentliches konstituierendes Moment der künstlerischen Sinngenerierung freigelegt werden, sodass fortan der bisherigen ‚Verharmlosung‘ der beiden Gemälde in der Forschung als reine Beleuchtungs- und expressive Physiognomiestudien in aller Vehemenz widersprochen werden darf. Damit bilden die analysierten Selbstporträts des Frühwerks als autonome Kunstwerke einen angemessenen Auftakt für die Reihe der nachfolgenden ebenso komplexen wie berühmten Selbstporträts des holländischen Großmeisters, denen sie in Hinblick auf ihre künstlerische Bravour und Selbstreflexivität in nichts nachstehen.

Laura Feurle hat sich im Rahmen ihres Bachelorstudium besonders für kunsttheoretische und metapikturale Aspekte der Kunst der Frühen Neuzeit – insbesondere in Deutschland und den (heutigen) Niederlanden – interessiert. Nachdem sie im Sommer 2017 ihren Bachelor mit der nachfolgend skizzierten Abschlussarbeit beendet hat, studiert sie nun im konsekutiven Masterstudiengang LKM mit dem Schwerpunkt Kunstwissenschaft weiter an der Uni Konstanz. Dabei fällt ihre Auswahl der Bildgegenstände inzwischen gegenwartsnäher aus: Vornehmlich setzt sie sich nun mit der Kunst der klassischen Moderne aus einer interdisziplinären Perspektive (Literatur und Malerei/Graphik) auseinander.

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