Der Zusammenhang zwischen der Fratze und dem Stern

Die Darstellung dämonenaustreibender Handlungen in St. Georg, die mit dem Wunderzyklus beginnt, wurde in den letzten Jahren teils unauffällig fortgesetzt. So findet sich in Augenhöhe der Fratze auf deren linken Seite ein kleiner Stern. Dieser wurde mit einem stumpfen Gegenstand in die Fassung der Säule geritzt. Er bildet ein Hexagramm aus zwei ineinander verschränkten Dreiecken. Diesem ... mehr anzeigenDie Darstellung dämonenaustreibender Handlungen in St. Georg, die mit dem Wunderzyklus beginnt, wurde in den letzten Jahren teils unauffällig fortgesetzt. So findet sich in Augenhöhe der Fratze auf deren linken Seite ein kleiner Stern. Dieser wurde mit einem stumpfen Gegenstand in die Fassung der Säule geritzt. Er bildet ein Hexagramm aus zwei ineinander verschränkten Dreiecken. Diesem Symbol wurden im Laufe der Zeit verschiedene, in abgewandelter Form auch ambivalente Bedeutungen zugesprochen: einerseits wurde es zum Schutz vor Dämonen eingesetzt, andererseits diente es als Werkzeug zur Beschwörungen von selbigen. Die moderne Ritzung in St. Georg kann kaum älter als 20 Jahre sein. Bei den Restaurierungen in den 1990er-Jahren war sie nachweislich noch nicht an der Säule angebracht. Die Ritzung ist nicht lediglich als ein Akt des „Vandalismus” zu bewerten, sondern auch als Indiz dafür, dass die dämonische Fratze noch heute Irritationen auslösen kann. weniger anzeigen

  • Abb. 1 von 3 - Bildquelle: Verena Meckel

    Zunächst mag man den Stern für den Davidstern und somit das Symbol des Judentums und des Staates Israel halten, oder ihm im Sinne des Vandalismus gar antisemitische Züge unterstellen. Die Bezeichnung Davidstern stammt aus einer mittelalterlichen Legende. Diese besagt, dass der biblische König seinen Schild im Kampf mit diesem Symbol versehen habe, um dadurch Schutz zu erlangen. Im Judentum gewann er im späten Mittelalter an Bedeutung, kommt aber erst seit dem 18. Jahrhundert dem Kreuz als Glaubenssymbol des Christentums nahe. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Davidstern in einer abgewandelten Form zum „Judenstern” pervertiert und zwang jüdische Bürger zur öffentlichen Kennzeichnung.

  • Abb. 2 von 3 - Bildquelle: Verena Meckel

    Das Symbol ist nicht nur unter der Bezeichnung Davidstern bekannt, sondern weist auch als Siegel Salomons eine lange Tradition auf. Dieser Ansatz stützt sich auf biblische Legenden, die König Salomon Bestimmungsgewalt über alle Lebewesen zuschreiben – eben auch über Dämonen und sogar den Teufel. Bereits im Frühmittelalter entwickelte sich das Hexagramm zu einem abwehrenden Symbol gegen dämonische Mächte und wurde gleichermaßen von Christen, Juden und Muslimen verwendet. Der für die Ritzung bestimmende Ansatz scheint der alchemistischen Tradition, die noch heute in esoterischen Kreisen gepflegt wird, entlehnt zu sein. Darin steht das Hexagramm für die Vereinigung aller Gegensätze und für Schutz vor Gefahren.

  • Abb. 3 von 3 - Bildquelle: Verena Meckel

    Die in unterschiedlichen Jahrhunderten entstandenen Ritzungen von Fratze und Stern stehen in direktem Bezug zum ursprünglichen Bildprogramm der Kirche. Sie sind Teil der apotropäischen Überschreibungen. Die Fratze kann gar nicht anders, als den auf ihrer Augenhöhe angebrachten Stern zu fixieren. Der Verursacher der kleinen sternförmigen Ritzung scheint an die von der Fratze ausgehende dämonische Macht zu glauben und sie durch den Stern bannen zu wollen. Es steht somit außer Frage, dass der Stern als eine unmittelbare Reaktion auf die Fratze zu lesen ist.