Die Apostel im christlichen Bildsystem

Wer die Aposteldarstellungen im Obergaden oder aber den Wunderzyklus darunter betrachtet, stellt fest: Die Apostel sind ein wichtiger Bestandteil beider Bereiche der Wandgestaltung. Mit Überlegungen des Kunsthistorikers Wolfgang Kemp zu christlichen Bildsystemen können wir dieses doppelte Auftreten besser verstehen.

Im Obergaden sind die Apostel Teil einer quasi himmlischen Ordnung: sie ...

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Wer die Aposteldarstellungen im Obergaden oder aber den Wunderzyklus darunter betrachtet, stellt fest: Die Apostel sind ein wichtiger Bestandteil beider Bereiche der Wandgestaltung. Mit Überlegungen des Kunsthistorikers Wolfgang Kemp zu christlichen Bildsystemen können wir dieses doppelte Auftreten besser verstehen.

Im Obergaden sind die Apostel Teil einer quasi himmlischen Ordnung: sie bezeugen als überzeitliche Figuren die Wahrheit des ganzen Bildprogramms. Im Wunderzyklus werden sie dagegen als historische Figuren zu Zeugen der Taten Christi. Obwohl man es umgekehrt erwarten könnte, erscheinen sie als historische Figuren eher statisch, als überzeitliche Figuren hingegen bewegter.

Beide Modi der Darstellung stehen weder strikt hierarchisch noch unverbunden als reiner Dualismus nebeneinander. Vielmehr artikuliert erst ihre Zusammenschau die Totalität von überzeitlicher Glaubenslehre und konkreter Bibelgeschichte. Dies wird auch in der Verklammerung durch die rahmenden Mäanderbänder deutlich. Das Zusammenspiel von Rahmensystem, narrativem und thematischem Modus steht nach Kemp für eine das ganze Mittelalter hindurch gebräuchliche und kanonische Struktur (Kemp 1994). weniger anzeigen

  • Abb. 1 von 2 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Tafel 75 (ergänzte Markierung)

    Das Kollegium der Apostel in der Obergadenzone (rot) kehrt in jeder Wunderszene als perspektivisch gestaffelte Gruppe wieder, die hinter Christus dessen Wundertat bezeugen kann (blau).

  • Abb. 2 von 2 - Bildquelle: Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart, in: Jakobs 1999, Tafel 85 und 76g

    Die Aposteldarstellungen unterscheiden sich nicht nur funktional, sondern auch formal: Im Obergaden sind die Apostel als große, individualisierte Einzelfiguren über den ganzen Raum verteilt. Im Wunderzyklus treten sie in kleinerem Maßstab als Kollektiv auf. Während Fußstellung und Haltung im Obergaden auf eine fast tanzende Bewegung hindeuten, sind die Zeugen des Wunders – im Gegensatz zu Christus – als statische Standfiguren mit nach außen zeigenden Füßen dargestellt.