Wintersemester 2026-27
Di, 13:30-15:00 Uhr
Hauptseminar: Der „neue Mensch“: Körperpolitik, Medien und Gesellschaft in der Weimarer Moderne
Die Weimarer Republik war ein Laboratorium moderner Medien-, Körper- und Gesellschaftsentwürfe. Körper, Gesundheit, Sexualität, Geschlecht, Masse, Arbeit, Wohnen und soziale Ordnung wurden in Filmen, Ausstellungen, Schaubildern, Lehrmedien, Katalogen, Architekturen und urbanen Räumen sichtbar gemacht, vermessen, normalisiert und ästhetisch modelliert.
Das Seminar untersucht die Figur des„neuen Menschen“ daher nicht nur als Leitbild politischer oder sozialer Reform, sondern als medial hervorgebrachte Formation. Im Zentrum steht die Frage, wie Medien der Weimarer Moderne Körperwissen erzeugten, Verhaltensweisen anleiteten, Evidenz herstellten und gesellschaftliche Ordnungen imaginierbar machten.
Besonders deutlich lässt sich diese Verschränkung von medialer Sichtbarkeit, Körperwissen und gesellschaftlicher Ordnung an der Figur der „Neuen Frau“ beobachten. Sie stand für veränderte Vorstellungen von Weiblichkeit, Berufstätigkeit, Konsum, Sexualität, Mobilität, Körperlichkeit und Selbstbestimmung, wurde zugleich aber auch zum Gegenstand medizinischer, sozialhygienischer, moralischer und medialer Regulierung. An ihr verdichteten sich zentrale Spannungen der Weimarer Moderne: zwischen Emanzipation und Normierung, Selbstentwurf und Kontrolle, Sichtbarkeit und Disziplinierung.
Einen besonderen Schwerpunkt bilden die großen Hygiene- und Gesundheitsausstellungen des frühen 20. Jahrhunderts, insbesondere die Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden 1911 und die Ausstellung „Das neue Menschengeschlecht“ in Dresden 1930. Das Seminar untersucht diese Ausstellungen als mediale Ensembles, in denen Körperwissen, Gesundheitsnormen, Geschlechterordnungen, Fortpflanzung, Arbeit, Wohnen und Bevölkerungspolitik räumlich, visuell und didaktisch inszeniert wurden. Die Quellenbasis bilden unter anderem die als Digitalisate vorliegenden Ausstellungsführer sowie Kataloge, Begleitmaterialien, Schaubilder, Modelle, Statistiken und weitere didaktische Formate. Diese Quellen werden als mediale Objekte analysiert, die Körperwissen nicht nur dokumentieren, sondern ordnen, visualisieren und popularisieren.

Von den Ausstellungsräumen aus richtet das Seminar den Blick auf den Film als weiteres zentrales Medium der Weimarer Moderne. Behandelt werden Sozial- und Sexualhygienefilme, Lehrfilme des Reichsausschusses für hygienische Volksbelehrung, Körperkulturfilme, Großstadtfilme sowie filmische Auseinandersetzungen mit Maschinenkörper, Massengesellschaft, Sexualreform und Abtreibung. Dazu zählen unter anderem Richard Oswalds Anders als die Andern (1919), Wilhelm Pragers Wege zu Kraft und Schönheit (1925; überarbeitete Fassung 1926), Walter Ruttmanns Berlin. Die Sinfonie der Großstadt (1927), Fritz Langs Metropolis (1927), Frauennot – Frauenglück (1929/30) und Cyankali (1930). Filme werden dabei nicht nur als Repräsentationsmedien verstanden, sondern als Techniken der Sichtbarmachung und Formierung: Sie machen Körper lesbar, Verhalten regulierbar und Gesellschaft als gestaltbare Ordnung erfahrbar.
Zugleich fragt das Seminar nach der besonderen Stellung und Aktualität der Weimarer Moderne in Geschichte und Gegenwart. Viele der damals verhandelten Fragen nach Geschlecht, Gesundheit, Körpernormen, Sexualität, Reproduktion, Selbstoptimierung, medialer Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Ordnung sind bis heute kulturell und politisch umkämpft. Das Seminar bietet die Möglichkeit, diese Auseinandersetzungen historisch einzuordnen und ihre medialen Voraussetzungen besser zu verstehen.
Das Seminar kommt ohne klassische Referate aus. Stattdessen setzen wir auf lebendige Diskussionen, intensive Quellenarbeit und die Entwicklung eigener Fragestellungen. Erwartet werden als Studienleistung eine kontinuierliche Vorbereitung der Sitzungen, die Übernahme einer Text- oder Quellenexpertise sowie, je nach Fach und Anforderungen, zwei bis drei kurze, pointierte Essaytexte zu Leitfragen, die asynchron erarbeitet werden oder, als Prüfungsleistung, eine Hausarbeit.
Leistungsnachweise:
- 3 ECTS – Kontinuierliche Vorbereitung der Sitzungen und Übernahme einer Textexpertise
- 6 ECTS – S.o. + zwei-drei kurze Essaytexte (2-3 Seiten) mit den Schwerpunkten Theorie, Ausstellung, Film (asynchrone Sitzungen)
- 9 ECTS – S. Anforderungen für 3 ECTS + Modularbeit (20-25 Seiten)
Ergänzend zum Seminar wird die Exkursion „Laboratorien des neuen Menschen: Zwischen Hygiene-Museum und Gartenstadt“ angeboten. Seminar und Exkursion sind thematisch und methodisch miteinander verzahnt und bauen gut aufeinander auf. Sie können aber auch sehr gut unabhängig voneinander belegt werden.