Wintersemester 2026-27
10.-14. Januar 2027
Exkursion: Laboratorien des „neuen Menschen“: Zwischen Hygiene-Museum und Gartenstadt

Es ist eines der bekanntesten Bilder moderner Körpergeschichte: der leuchtende, durchsichtige Mensch, in dem der Körper als sichtbares, lesbares und gestaltbares Objekt erscheint — der „Gläserne Mensch“, der 1930 im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden präsentiert wurde (hier als Ansichtskarte von 1935). Die Exkursion nimmt diese Figur zum Ausgangspunkt, um die Weimarer Moderne als Laboratorium moderner Körper-, Gesundheits- und Gesellschaftsentwürfe zu erkunden. Mit dem Hygiene-Museum und der Gartenstadt Hellerau stehen zwei zentrale Orte im Mittelpunkt, an denen Vorstellungen vom „neuen Menschen“ medial inszeniert, räumlich entworfen und gesellschaftlich verhandelt wurden.
Thema und Fragestellung
Die interdisziplinär zwischen Wissensgeschichte und Medienwissenschaft angelegte Exkursion untersucht, wie in der Weimarer Republik Vorstellungen vom „neuen Menschen“ zwischen demokratischer Reform, sozialer Rationalisierung, medialer Sichtbarmachung und normativer Körperpolitik entstanden. Dresden war ein zentraler Schauplatz jener sozialen, körperpolitischen und raumplanerischen Reformdiskurse, in denen Körper, Gesundheit, Alltag, Arbeit, Wohnen und Gemeinschaft neu gedacht, gestaltet und reguliert wurden.
Orte der Exkursion
Das Deutsche Hygiene-Museum wird als Schnittstelle von Gesundheitsaufklärung, Bevölkerungspolitik, Körpervisualisierung und pädagogischer Massenkommunikation untersucht. Ausstellungen, Modelle, Schaubilder, Lehrmaterialien und museale Inszenierungen machten Körperwissen anschaulich, vermittelbar und gesellschaftlich wirksam.

Hellerau steht für reformorientierte Stadt- und Lebensplanung, in der Architektur, Arbeit, Bildung, Körperkultur und soziale Ordnung zusammengedacht wurden. Die Gartenstadt erscheint dabei nicht nur als städtebauliches Projekt, sondern als räumliches Modell einer neuen Lebensweise.
Ziele der Exkursion
Die Studierenden erschließen vor Ort, wie Wissen über Körper und Gesellschaft in Ausstellungen, Architekturen und urbanen Räumen materialisiert wurde. Ziel ist es, die Weimarer Republik als Experimentierfeld moderner Sozialplanung zwischen Aufklärung, Utopie und biopolitischer Ordnung kritisch zu diskutieren. Besonderes Augenmerk gilt den Ambivalenzen moderner Reformprojekte: Emanzipatorische Ansprüche verbanden sich mit Disziplinierung, Normalisierung und exkludierenden Menschenbildern. Damit werden Hygiene-Museum und Gartenstadt als Verdichtungsorte republikanischer Modernität analysiert.
Leistungsnachweise
Erwartet werden die aktive Teilnahme an den Vor- und Nachbereitungstreffen sowie an der Exkursion, eine kurze mündliche Präsentation vor Ort. Zudem erarbeiten die Studierenden eine kleine audiovisuelle Objektinszenierung für eine gemeinsame digitale Ausstellung. Ausgehend von einem konkreten Exponat, einem Raum, einer architektonischen Situation oder einem urbanen Ort verbinden sie Objekt, Bild, Ton, Text, Raum und digitale Präsentationsform. Der Beitrag soll als Reflexion zu modernen Körper- und Gesellschaftsentwürfen angelegt sein.
Die Exkursion ist thematisch mit dem Hauptseminar „Der neue Mensch: Körperpolitik, Medien und Gesellschaft in der Weimarer Moderne“ verzahnt, kann aber unabhängig davon belegt werden.