Sigune auf der Linde (5. Buch, 249,11ff)

Die letzte erhaltene Szene des Parzivalzyklus ist nur sehr fragmentarisch erhalten. Am oberen Bildrand ist ein nach vorn geneigter Kopf mit roter Kopfbedeckung zu sehen, daneben befinden sich vier kleine hellrote Kreise, die über dünne Linien mit einem nicht mehr erkennbaren Gegenstand darunter verbunden waren. In der unteren linken Bildecke befinden sich zwei Figuren. Ganz links wendet ... mehr anzeigenDie letzte erhaltene Szene des Parzivalzyklus ist nur sehr fragmentarisch erhalten. Am oberen Bildrand ist ein nach vorn geneigter Kopf mit roter Kopfbedeckung zu sehen, daneben befinden sich vier kleine hellrote Kreise, die über dünne Linien mit einem nicht mehr erkennbaren Gegenstand darunter verbunden waren. In der unteren linken Bildecke befinden sich zwei Figuren. Ganz links wendet sich eine hellgekleidete Figur nach rechts und scheint auf dem Boden zu knien. Ihren linken Arm streckt sie wie flehend dem Kopf ihres Gegenübers zu. Die rechte Hand hält einen schemelartigen Gegenstand. Die zweite Figur ist in ein rotes Gewand gekleidet und wendet sich der Knieenden zu. Weiter rechts sind noch einzelne Umrisse zu sehen, deren figürliche Deutung bisher noch nicht gelungen ist.

Der obere Teil dieses Bildfeldes stellt die zweite Begegnung Parzivals mit Sigune dar. Auf einer Linde sitzend, trauert sie immer noch um ihren Gatten Schionatulander, der im Kampf gegen Jeschutes Gemahl Orilus gefallen ist. Den Leichnam hält sie im Arm. Wieder erkennen Parzival und seine Base sich nicht auf Anhieb. Als sie erfährt, dass er soeben von der Gralsburg des Anfortas kommt, ohne diesem geholfen und ihn von seinen Leiden erlöst zu haben, wird sie zornig und schickt Parzival fort. Vorher gibt sie ihm aber noch einige wichtige Informationen zur Gralsburg und ihrer Gesellschaft mit auf den Weg. Damit kommt Sigune wie auch schon bei der ersten Begegnung die wichtige Rolle zu, Parzival über seine Herkunft und seine Bestimmung aufzuklären.

Die trauernde Sigune wird meist mit gesenktem Kopf und betrübtem Blick auf den in ihrem Schoß liegenden Leichnam des Schionatulander abgebildet. Damit erinnert diese Darstellungsform an den Bildtypus der Pietà (Abb. 5): die gläubige Sigune, die ihr Schicksal als von Gott gegeben ansieht und deren Liebe und Treue über den Tod hinausreichen, wird mit Maria verglichen.
Die Szene am unteren Bildrand ist schwer zu deuten. Der Chronologie des Epos folgend, begegnet Parzival als nächstes Jeschute und ihrem Mann Orilus. Die ärmliche Kleidung der einen Figur lässt jedoch an eine weitere Begegnung mit Sigune denken. Als Parzival sie das dritte Mal trifft, geschieht auch dies wieder ungeplant und zunächst ohne gegenseitiges Erkennen (435,1ff.). Sigune bewohnt in einfachste Kleider gehüllt eine kleine Klause, wo sie ihren Mann begraben hat. Sie ernährt sich vom Essen, das ihr wöchentlich aus der Gralsburg gebracht wird und verbringt ihre Tage betend. Sie bietet Parzival eine Bank außerhalb der Klause an und während des Gesprächs vergibt sie ihm seine Verfehlungen an Anfortas Hof. Die hell gekleidete Figur im Fresko könnte nun also Sigune in ihrem einfachen Klausnergewand darstellen, der Schemel wäre dann die Bank, auf der Parzival Platz nimmt. Da im Parzivalzyklus ja nur ein Ausschnitt der gesamten Geschichte des Helden gezeigt wird, würde die Vorwegnahme dieser Szene unterhalb der Begegnung an der Linde die untere Zeile des Freskos insofern abschließen, als der schwere Vorwurf und die Verwünschungen der Base aus der Welt geschafft werden, bevor Parzival in die Gralsgesellschaft aufgenommen wird. weniger anzeigen

  • Abb. 1 von 5 - Bildquelle: Franz-Josef Stiele-Werdermann, Konstanz

    Sigune auf der Linde

    ez was dennoch von touwe naz.
    vor im ûf einer linden saz
    ein magt, der vuogte ir triuwe nôt.
    ein gebalsemt ritter tôt
    lent ir zwischen den armen.

    (249, 12-17)

    Durch taufeuchtes Gras reitend, sah er vor sich auf einem Lindenstamm eine Jungfrau sitzen, der ihre Treue Schmerz gebracht hatte, denn sie hielt einen toten einbalsamierten Ritter in den Armen.
    (Spiewok, Band 1, S. 425)

  • Abb. 2 von 5 - Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek Wien, Cod. 2914, f. 160r, Wolfram von Eschenbach, Parzival

    Sigune auf der Linde

    Überschrift über fol. 160r (Klicken Sie auf das Bild für eine Gesamtansicht von Bild und Text): Wie parcifal sigunen uff einer linden vant

  • Abb. 3 von 5 - Bildquelle: Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, f. 185v, Wolfram , Parzival (Band 1) (Nutzung gemäß CC BY-SA 4.0)

    Sigune auf der Linde

    Überschrift über fol. 185v (Klicken Sie auf das Bild für eine Gesamtansicht von Bild und Text): Also parcifal frouwe sigunen uff einer linden fant sitzen

  • Abb. 4 von 5 - Bildquelle: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), Mscr.Dresd.M.66, f. 175r, um 1443-1446, Wolfram von Eschenbach, Parzival, (Nutzung gemäß Public Domain Mark 1.0)

    Sigune auf der Linde

    Überschrift über fol. 175r (Klicken Sie auf das Bild für eine Gesamtansicht von Bild und Text): Also parcifal frowe sigunen uff einer linden fant sitzen

  • Abb. 5 von 5 - Bildquelle: Pietà Röttgen, um 1300, Bonn

    Die Pietà-Gruppe ist in der Körperhaltung vergleichbar mit Sigune und ihrem toten Mann Schionatulander