Zwischen zwei Idealen – ein Tugendraum?

Eine weitere christliche Interpretation zum Parzivalzyklus bietet Lieselott E. Saurma-Jeltsch an, die in ihm das Ideal der vita activa verbildlicht sieht. Als eine von zwei gottgefälligen Lebensformen verlangt die vita activa von Christen ein aktives Wirken in der Welt im Sinne der Nächstenliebe. Im ergänzenden Kontrast dazu steht in der mönchischen Tradition mit der vita contemplativa ... mehr anzeigenEine weitere christliche Interpretation zum Parzivalzyklus bietet Lieselott E. Saurma-Jeltsch an, die in ihm das Ideal der vita activa verbildlicht sieht. Als eine von zwei gottgefälligen Lebensformen verlangt die vita activa von Christen ein aktives Wirken in der Welt im Sinne der Nächstenliebe. Im ergänzenden Kontrast dazu steht in der mönchischen Tradition mit der vita contemplativa eine zurückgezogene Lebensführung, die im Gebet und in meditierender Beschäftigung Gott sucht. Für Saurma-Jeltsch ist in den Weberinnen-Fresken "über die Bearbeitung der Materie die Arbeit im Geiste, [...] der Einstieg in die vita contemplativa, visualisiert" (Saurma 2002, S. 307). Auch formal entsprechen die statisch abgegrenzten Bildfelder der Weberinnen und das dynamische Ineinandergreifen der Parzivalepisoden dieser Sichtweise. Zwischen den beiden Wandmalereien eröffnet sich bei dieser Interpretation ein Raum, der sich in heilsgeschichtliche Traditionen einschreibt und zugleich individuell die Frage nach dem richtigen Leben aufwirft. weniger anzeigen

  • Abb. 1 von 2 - Bildquelle: Albrecht Dürer, Randzeichnung im Gebetsbuch Kaiser Maximilians, 1514/5, 2° L. impr. membr. 64, fol. 48v (Ausschnitt, Kontrast digital erhöht), Bayerische Staatsbibliothek, München

    Auch Albrecht Dürer kontrastiert in einer seiner Randzeichnungen im Gebetbuch Kaiser Maximilians einen Ritter mit einer Spinnerin. Doch hier ist die Frau neben dem Spinnrocken eingeschlafen und der Ritter scheint seine Hellebarde eher als Wanderstab zu nutzen. Aus den tugendhaften Idealbildern sind schwache, alte Menschen geworden, die sich – in Bezug auf die illustrierte Psalmstelle – bald vor dem jüngsten Gericht verantworten müssen.

  • Abb. 2 von 2 - Bildquelle: Franz-Josef Stiele-Werdermann, Konstanz (bearbeitet)

    Gegenüberstellung Weberinnen - Parzival

    Auch wenn die formale Grundanlage der gegenüberliegenden Weberinnen- und Parzivalfresken die gleiche ist, so wird doch selbst beim schlechten heutigen Erhaltungszustand klar, dass die klar abgegrenzten Bildfelder der Weberinnen – bei allem dargestellten Fleiß und Liebreiz – eher statisch wirken (fast wie Statuetten in einzelnen Regalfächern), während die ineinandergreifenden Episoden der Parzivalwand ein viel dynamischeres Gesamtbild abgeben.