{"id":800,"date":"2025-08-03T12:22:22","date_gmt":"2025-08-03T10:22:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/?p=800"},"modified":"2025-08-03T12:22:22","modified_gmt":"2025-08-03T10:22:22","slug":"die-konstanzer-imperia-denkmal-kunst-und-wahrzeichen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/2025\/08\/03\/die-konstanzer-imperia-denkmal-kunst-und-wahrzeichen\/","title":{"rendered":"Die Konstanzer Imperia: Denkmal, Kunst und Wahrzeichen"},"content":{"rendered":"<p>Sie ist ein Wahrzeichen und Portalfigur des Hafens: Seit ihrer Konzeption durch Peter Lenk und der Platzierung am 24.04.1993 auf der alten Pegelmessstelle im Hafenbecken, Laufrichtung nach Osten, ist die Imperia fest im Stadtbild verankert. Die ausgekl\u00fcgelte Platzierung auf dem Steg erm\u00f6glicht die optische Freistellung der 9 Meter hohen Damenfigur, sie dr\u00e4ngt sich von jeder Seite zentral ins Blickfeld. Obwohl der visuelle Zugang vom Wasser aus mit den Passagierschiffen, von Norden aus durch den Stadtgarten, vom S\u00fcden aus durch die Landzunge Klein Venedig und vom Westen aus durch die Hafenpromenade m\u00f6glich ist, dreht sie sich und zeigt innerhalb von 4 Minuten jeder:m Betrachter:in ihre Qualit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Ihre schiere Gr\u00f6\u00dfe unterstreicht den machtvollen Charakter, der ihr eingeschrieben wurde, so kann der Sockel, auf dem sie steht, zu Fu\u00df umrundet werden, wobei zu ihr aufgesehen werden muss, um sie zu betrachten. Auch der Steg, der keinen anderen Weg zul\u00e4sst als auf die Imperia zu, \u00fcbernimmt die leitende Funktion, s\u00e4mtliche Blicke auf der Statue zu zentrieren. Sie kontextualisiert sich auch mit ihrer Umgebung: Sie blickt \u00fcber die ankommenden Passagiere hinweg und schaut nur in die weite Entfernung, lediglich das Konzilsgeb\u00e4ude im Nordwesten f\u00e4ngt ihren Blick auf. Dies ist kein Zufall: Die Inspiration der Imperia und ihre visuelle Erscheinung nehmen das Konzil im 15. Jahrhundert, eines der bedeutendsten historischen Ereignisse der Stadt, aufs Korn, indem sie sich selbst halbnackt und mit nur einer Robe und H\u00f6schen bekleidet, in ihren H\u00e4nden jedoch die kindhaften Gauklerfiguren als Kaiser und Papst im Adamskost\u00fcm pr\u00e4sentiert. Sie zeigt wortw\u00f6rtlich die weltliche und geistliche Macht in den H\u00e4nden einer Kurtisane. Die Imperia als satirische, patriarchatskritische Kunst, \u2018historisches\u2019 Denkmal und Kultfigur funktioniert nur dort aufgrund ihres Umfelds, sowohl geographisch als auch politisch und kulturell.<\/p>\n<p>Die symbolische Kraft der k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfung ist au\u00dferordentlich vielschichtig. Die erste Ebene bezieht sich rein auf das \u00e4u\u00dfere Erscheinungsbild: Eine halb entbl\u00f6\u00dfte Kurtisane h\u00e4lt die unbekleideten Repr\u00e4sentanten der weltlichen und der kirchlichen Macht in den H\u00e4nden: Sie hat die Macht, zu verstecken, w\u00e4hrend sie die offiziellen Machthaber entbl\u00f6\u00dft, entwaffnet und zu ihren Untertanen macht.<\/p>\n<p>Die zweite Ebene bezieht sich auf den historischen Hintergrund: Die Vermischung der historischen Figur Imperia Cognati von Rom im sp\u00e4ten 15. Jahrhundert, die jedoch nie in Konstanz war, mit dem florierenden Kurtisanengesch\u00e4ft zur Zeit des Konstanzer Konzils, wie aus der Richental-Chronik hervorgeht, kontextualisiert die Hafenfigur \u201cImperia\u201d durch den Namen als fiktive Machtfigur und legt nahe, dass die zwei Figuren auf ihren Armen K\u00f6nig und sp\u00e4ter Kaiser Sigismund und einen der P\u00e4pste um das Konzil, entweder Gregor XII., Benedikt XIII., Johannes XXIII. oder Papst Martin V. darstellen k\u00f6nnten, die mit ihren Institutionen beide den Reizen der Frau verfallen. Lenk stellt damit die Schattenseite der gl\u00e4nzenden Pers\u00f6nlichkeiten und ihrer Institution aus und nimmt das Patriarchat auf die Schippe. Die Nacktheit der beiden identifizierten Repr\u00e4sentanten kehrt als Ironisierung die versteckten Seiten nach au\u00dfen: Zum einen sind die Dienste einer Kurtisane nur zu einem gewissen Grad unbekleidet in Anspruch zu nehmen, zum anderen wird auf den kulturellen, literarischen und sozialen Habitus, Nacktheit mit Verletzbarkeit zu verbinden, verwiesen: In \u201cDes Kaisers neue Kleider\u201d verliert der Kaiser seine Glaubw\u00fcrdigkeit, indem er nackt vor seine Untertanen tritt; Auf dieses M\u00e4rchen weist auch die Narrenkappe der Kurtisane hin.<\/p>\n<p>Die dritte Ebene behandelt den Standort, die zeitliche Diskrepanz zwischen der referenzierten Zeit und der Entstehungszeit, und die damit verbundene Konnotation. Eine Statue, um die Neuank\u00f6mmlinge von Seeseiten zu beeindrucken und die Stadt symbolisch zu sch\u00fctzen, erscheint logisch &#8211; da die Imperia jedoch erst in den 1990er Jahren errichtet wurde, fingiert sie eine historische Relevanz und einen architektonischen Wert f\u00fcr die Stadt. Da die Imperia jedoch weder eine historische Statue noch eine historische Figur ist, oder einen historischen Standort hat, hebt sie ihre symbolische Bedeutung umso mehr hervor, wodurch sie sich wiederum einen architektonischen, zeitgen\u00f6ssischen und k\u00fcnstlerischen Wert erschaffen hat.<\/p>\n<p>Weniger eine symbolische Ebene, aber ein wichtiger Umstand, ist die Kritik, die Lenk nach Enth\u00fcllung der Statue bekam. Die Erbauung au\u00dferhalb Konstanz und Montage in einer Nacht, sowie das gesetzliche Schlupfloch, dass das Grundst\u00fcck, auf dem die Imperia steht, der deutschen Bahn geh\u00f6rte, weshalb die Stadtr\u00e4te au\u00dfer Drohgeb\u00e4rden zu zeigen nichts tun konnten, um die Imperia aus dem Stadtbild zu verdr\u00e4ngen, erz\u00fcrnte konservative Politiker:innen und andere Bewohner:innen, wie in den Zeitungsarchiven nachzulesen ist. Trotz dieser Meinungen hat das gr\u00f6\u00dfte Prostituiertendenkmal, das es gibt, es geschafft, sich als Konstanzer Wahrzeichen und Touristenattraktion zu etablieren, und steht seit 2024 sogar unter Denkmalschutz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie ist ein Wahrzeichen und Portalfigur des Hafens: Seit ihrer Konzeption durch Peter Lenk und der Platzierung am 24.04.1993 auf der alten Pegelmessstelle im Hafenbecken, Laufrichtung nach Osten, ist die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":52,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_stc_notifier_status":"","_stc_notifier_sent_time":"","_stc_notifier_request":false,"_stc_notifier_prevent":false,"_stc_subscriber_keywords":"","_stc_subscriber_search_areas":"","footnotes":""},"categories":[1,2,6,5],"tags":[],"class_list":{"0":"post-800","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"hentry","6":"category-allgemein","7":"category-deutsch","8":"category-historische-gebaeude","9":"category-kunst-architektur","11":"no-featured-image"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/users\/52"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=800"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":804,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/800\/revisions\/804"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=800"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=800"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=800"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}