{"id":1462,"date":"2026-10-11T12:00:21","date_gmt":"2026-10-11T10:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/?p=1462"},"modified":"2026-08-12T19:32:36","modified_gmt":"2026-08-12T17:32:36","slug":"lyrik-am-bodensee-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/2026\/10\/11\/lyrik-am-bodensee-3\/","title":{"rendered":"Lyrik am Bodensee"},"content":{"rendered":"<p>Eilend, eilend schreitet der Reiter voraus, um sich im tiefen Winter mit einem F\u00e4hrkahn \u00fcber den Bodensee kutschieren zu lassen. Unwissend verwechselt der Reiter den von zugefrorenen und mit Schnee zugedeckten See mit einem \u00d6dland, in dem von Menschen, Tieren oder Pflanzen keine Spur vorhanden ist. Am anderen Ufer angekommen und von den Bewohner*innen als Held gefeiert, verliert der Reiter aufgrund des Schocks seiner vorherigen waghalsigen Situation das Bewusstsein und f\u00e4llt tot zu Boden!<\/p>\n<p>Nun der Autor selbst:<\/p>\n<p><b id=\"mwAw\">Gustav Schwab &#8211; <em>Der Reiter und der Bodensee<\/em> (1826)<\/b><\/p>\n<blockquote><p>Der Reiter reitet durch\u2019s helle Tal,<br \/>\nAuf\u2019s Schneefeld schimmert der Sonne Strahl.<\/p>\n<p>Er treibet im Schwei\u00df durch den kalten Schnee, \u2013<br \/>\nWill heut noch erreichen den Bodensee;<\/p>\n<p>Noch heut mit dem Pferd\u2019 in den sichern Kahn<br \/>\nWill dr\u00fcben noch landen vor Nacht er an.<\/p>\n<p>Auf schlimmem Weg, \u00fcber Dorn und Stein,<br \/>\nEr braust auf r\u00fcstigem Ro\u00df feldein.<\/p>\n<p>Aus den Bergen heraus, in\u2019s ebene Land,<br \/>\nWeit sieht er sich dehnen das Schneegewand.<\/p>\n<p>Weit hinter ihm schwindet so Dorf wie Stadt,<br \/>\nDer Weg wird eben, die Bahn wird glatt.<\/p>\n<p>In weiter Fl\u00e4che kein B\u00fchl, kein Haus,<br \/>\nDie B\u00e4ume gingen, die Felsen aus;<\/p>\n<p>So flieget er hin eine Meil\u2019 und zwei,<br \/>\nEr h\u00f6rt in den L\u00fcften der Schneegans Schrei;<\/p>\n<p>Es flattert das Wasserhuhn empor,<br \/>\nNicht andere Laute vernimmt sein Ohr;<\/p>\n<p>Keinen Wandersmann sein Auge schaut,<br \/>\nDer ihm den rechten Pfad vertraut.<\/p>\n<p>Fort geht\u2019s wie auf Samt, auf dem weichen Schnee;<br \/>\nWann rauscht denn das Wasser? wann gl\u00e4nzt der See?<\/p>\n<p>Da bricht der Abend, der fr\u00fche herein,<br \/>\nVon Lichtern blinket ein ferner Schein.<\/p>\n<p>Es hebt aus dem Nebel sich Baum an Baum,<br \/>\nUnd H\u00fcgel schlie\u00dfen den weiten Raum.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrt auf dem Boden Stein und Dorn,<br \/>\nDem Rosse giebt er den scharfen Sporn.<\/p>\n<p>Die Hunde bellen empor am Pferd,<br \/>\nUnd es winkt im Dorf ihm der warme Herd.<\/p>\n<p>\u201eWillkommen am Fenster, M\u00e4gdelein,<br \/>\nAn den See, an den See, \u2013 wie weit mag\u2019s sein?\u201c<\/p>\n<p>Die Maid, sie staunet den Reiter an:<br \/>\n\u201eDer See liegt hinter dir und der Kahn.<\/p>\n<p>Und deckt ihn die Rinde von Eis nicht zu,<br \/>\nIch spr\u00e4ch\u2019, aus dem Nachen stiegest du.\u201c<\/p>\n<p>Der Fremde schaudert, er atmet schwer:<br \/>\n\u201eDort hinten die Eb\u2019ne, die ritt ich her!\u201c<\/p>\n<p>Da recket die Magd die Arm in die H\u00f6h\u2019:<br \/>\n\u201eHerr Gott! so rittest du \u00fcber den See!\u201c<\/p>\n<p>\u201eAn den Schlund, an die Tiefe bodenlos<br \/>\nHat gepocht des rasenden Hufes Sto\u00df!\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd unter dir z\u00fcrnten die Wasser nicht?<br \/>\nNicht krachte hinunter die Rinde dicht?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wardst nicht die Speise der stummen Brut?<br \/>\nDer hungrigen Hecht\u2019 in der kalten Flut?\u201c \u2013<\/p>\n<p>Sie rufet das Dorf herbei zu der M\u00e4hr,<br \/>\nEs stellen die Knaben sich um ihn her;<\/p>\n<p>Die M\u00fctter, die Greise, sie sammeln sich:<br \/>\n\u201eGl\u00fcckseliger Mann, ja, segne du dich!\u201c<\/p>\n<p>\u201eHerein zum Ofen, zum dampfenden Tisch,<br \/>\nBrich mit uns das Brot und iss vom Fisch!\u201c<\/p>\n<p>Der Reiter erstarret auf seinem Pferd,<br \/>\nEr hat nur das erste Wort geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es stocket sein Herz, es str\u00e4ubt sich sein Haar,<br \/>\nDicht hinter ihm grinset noch die Gefahr.<\/p>\n<p>Es sieht sein Blick nur den gr\u00e4sslichen Schlund,<br \/>\nIm Geist versinkt er im schwarzen Grund.<\/p>\n<p>Im Ohr ihm donnerts, wie krachend Eis,<br \/>\nWie die Well\u2019 umrieselt ihn kalter Schwei\u00df.<\/p>\n<p>Da seufzt er, da sinkt er vom Ro\u00df herab,<br \/>\nDa ward ihm am Ufer ein \u2013 trocken Grab.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schriftliche Inspiration zog Gustav Schwab aus der Geschichte vom Els\u00e4sser Postvogt Andreas Egglisperger. Von der Verirrung gef\u00fchrt, hat dieser versehentlich den Bodensee \u00fcberquert. Der Bodensee als eine begehbare Fl\u00e4che ist also tats\u00e4chlich keine Fiktion, sondern ein Ereignis, welches historisch dokumentiert ist. Basierend auf dieser Geschichte etablierte sich das Sprichwort \u201eeinen Ritt \u00fcber den Bodensee machen\u201c, d. h. die potenzielle Gefahr wird erst retrospektiv als solche wahrgenommen.<\/p>\n<p>Dieses Naturspektakel wurde von den Menschen in der Umgebung mit Freude angenommen. So hielten beispielsweise im Jahre 1573 zweihundert Konstanzer B\u00fcrger eine Aschermittwochschlacht auf dem See ab. 1695 fand ein Freischie\u00dfen der Stadt Arbon statt. Und im Jahre 1830 wurde der zugefrorene Bodensee sogar zu einem regelrechten Jahrmarkt: Kr\u00e4merbuden und Schankzelte wurden aufgeschlagen, Musikbanden spielten auf.<\/p>\n<div id=\"attachment_1463\" style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1463\" class=\"size-medium wp-image-1463\" src=\"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-174x300.jpg\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-174x300.jpg 174w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-596x1024.jpg 596w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-87x150.jpg 87w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-768x1321.jpg 768w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-893x1536.jpg 893w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-1191x2048.jpg 1191w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-1200x2063.jpg 1200w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-content\/uploads\/sites\/11\/2026\/08\/Ueberlingen_Lenk-Brunnen_IMG_4759-scaled.jpg 1489w\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" \/><p id=\"caption-attachment-1463\" class=\"wp-caption-text\">Hedwig Storch, CC BY-SA 3.0 &lt;https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0&gt;, via Wikimedia Commons<\/p><\/div>\n<p>Auch in der Kunst findet sich der Reiter auf dem zugefrorenen Bodensee wieder. Der Bildhauer Peter Lenk erhielt urspr\u00fcnglich den Auftrag, einen Brunnen f\u00fcr den \u00dcberlinger Landungsplatz zu bauen. Die dargestellte Person entpuppt sich aber, entgegen des Auftrags als satirische Darstellung des K\u00fcnstlers Martin Walser. Dieser tr\u00e4gt Schlittschuhe an den F\u00fc\u00dfen, die auf das \u201eSich-aufs-Glatteis-Begeben\u201c und damit auf Walsers kontroverse Ansichten zur deutschen Geschichte anspielen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eilend, eilend schreitet der Reiter voraus, um sich im tiefen Winter mit einem F\u00e4hrkahn \u00fcber den Bodensee kutschieren zu lassen. 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