{"id":1143,"date":"2026-02-22T12:35:37","date_gmt":"2026-02-22T11:35:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/?p=1143"},"modified":"2026-02-22T12:59:50","modified_gmt":"2026-02-22T11:59:50","slug":"auf-spurensuche-ein-stein-der-seinen-namen-traegt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/2026\/02\/22\/auf-spurensuche-ein-stein-der-seinen-namen-traegt\/","title":{"rendered":"Auf Spurensuche: Ein Stein, der seinen Namen tr\u00e4gt"},"content":{"rendered":"<h1><span style=\"font-size: 32px;\">Wieso ein 600 Jahre alter Tscheche f\u00fcr uns relevant ist, und wie wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen mussten<\/span><\/h1>\n<p>Das \u00e4lteste der Hus-Denkm\u00e4ler in Konstanz ist der Findling, der den Ort der Verbrennung kennzeichnet. Er wurde 1862 aufgestellt, nachdem 30 Jahre dar\u00fcber diskutiert wurde, und tr\u00e4gt auf seiner verwitterten Oberfl\u00e4che ein Schild, das die Aufschrift \u201cJan Hus 6.(14.)Juli 1415\u201d ziert. Er steht (wahrscheinlich) an der Stelle, an der Jan Hus und Hieronymus von Prag verbrannt wurden, hingerichtet durch Feuertod. Die Randdaten und Umst\u00e4nde haben wir im letzten Beitrag schon angeschnitten, ansonsten <a href=\"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/2026\/02\/08\/auf-spurensuche-jan-hus-und-seine-denkmaeler\/\">hier<\/a> gerne auffrischen.<\/p>\n<p>Auf dem Platz des Findlings in Konstanz kreuzen sich zwei Stra\u00dfen, eine gepflasterte Wendeplatte, wenn man so will. Vor dem Stein l\u00e4dt eine Bank zum Niederlassen ein, ein paar Bl\u00fcmchen zieren die Stein-Insel. Heute schaut man auf eine ruhige Wohngegend, fr\u00fcher blickte man auf unbebautes Gebiet. Wenn man still ist, h\u00f6rt man V\u00f6gel zwitschern, ab und an l\u00e4uft ein Hundehalter oder eine Joggerin vorbei. Es ist auf der einen Seite befremdlich, wie ein Ort von so viel Grauen zu so einer Ruheoase werden kann, auf der anderen Seite ist es tr\u00f6stend. Der Findling ist imposant, er misst 350 Zentner\u00b9 schw\u00e4rzlichen Kalkstein, seine \u00e4u\u00dfere Gestalt ist recht unscheinbar. Es sind keine Formen eingeritzt, keine bildhauerischen Kunstwerke hinzugef\u00fcgt, und der wenigen Flechten nach zu urteilen wird sie regelm\u00e4\u00dfig gereinigt. Trotzdem tr\u00e4gt der Findling gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr Hus\u2019 Verm\u00e4chtnis und ist ein Meilenstein in vielerlei Hinsicht.<\/p>\n<h2>Warum die (14.)?<\/h2>\n<p>Hus hatte selbst im tschechischen Raum schon einen halben Reformkrieg hinter sich. Das Schisma (also die Differenzen wegen mehr als nur eines Papstes und die drohende Kirchenspaltung) hatte ihn als Sprecher der b\u00f6hmischen Theologen, und mit dem Aufruf zum Kreuzzug einer der P\u00e4pste mit Versprechen zum Ablass f\u00fcr alle K\u00e4mpfenden entfachte eine erneute Welle an Kritikern des Ablasskonzeptes. Am 14. Juli 1412 wurden drei M\u00e4nner, die sich besonders dagegen engagierten, hingerichtet, was zu Emp\u00f6rung und sofortiger \u2018M\u00e4rtyrisierung\u2019 der Hingerichteten f\u00fchrte. Auch wenn sich kein definitiver Hinweis auf den Zweck der eingeklammerten 14 auf dem Hussenstein findet, k\u00f6nnte sie eine stumme Hommage an die drei M\u00e4rtyrer von 1412 sein, schlie\u00dflich starben alle f\u00fcnf Hingerichteten wegen ihrer Kirchenkritik.<\/p>\n<h2>Wir haben ihm (endlich) ein Denkmal gebaut<\/h2>\n<p>Schon in den 1830ern versuchte man, in Konstanz ein Denkmal f\u00fcr Hus und Hieronymus zu errichten. Der damalige B\u00fcrgermeister Karl H\u00fcetlin bekam mit seiner Idee reichlich Gegenwind. Trotzdem taufte er ein Dampfschiff nach dem Reformator, das sp\u00e4ter jedoch wieder umbenannt wurde.<\/p>\n<p>Konstanz geh\u00f6rte 1830 zum Gro\u00dfherzogtum Baden, das sich von 1815 bis 1866 u.a. mit den K\u00f6nigreichen W\u00fcrttemberg, Hohenzollern, Bayern und dem Kaiserreich \u00d6sterreich zum Deutschen Bund zusammenschloss. Die monarchische Ordnung der L\u00e4nder rief immer wieder liberale Gegenstimmen auf den Plan, zu denen auch Karl H\u00fcetlin geh\u00f6rte. Die Liberalen sahen in Hus nicht nur einen religi\u00f6sen Reformator, sondern auch einen M\u00e4rtyrer f\u00fcr freie Meinungs\u00e4u\u00dferung (in dem Fall monarchiekritisches Gedankengut). H\u00fcetlins publike Bem\u00fchungen, der liberalen Schildfigur ein Denkmal zu setzen, erregten die Aufmerksamkeit des \u00f6sterreichischen Au\u00dfenministeriums, das zu dem Zeitpunkt \u00fcber das b\u00f6hmische Gebiet, das heutige Tschechien und Hus\u2019 Heimat, herrschte. Dringendes Anraten von \u00d6sterreich, und nach dem Dampfschiff-Eklat sp\u00e4ter auch Baden, hinderten H\u00fcetlin letztendlich an der Umsetzung. Erst 1861, nach den liberalen Reformen unter Gro\u00dfherzog Friedrich I., wurden die Bem\u00fchungen um ein Denkmal f\u00fcr Hus und Hieronymus wieder aufgenommen. Den ehemaligen Ort der Verbrennung der beiden befand man als geeignete Gedenkst\u00e4tte, die zwei Jahre sp\u00e4ter mit dem Findling aus Hegne umgesetzt wurde. Finanziert wurde es kurzerhand aus freiwilligen Spenden verschiedener Quellen, beispielsweise Macaire (Indigo-F\u00e4rberei auf der Dominikanerinsel, heute Inselhotel), Heros\u00e9 (Textildruckerei auf dem Areal des heutigen gleichnamigen Parks) und Jakob Stadler (ehemaliger Eigent\u00fcmer des Stadler-Verlages, bis 1866 B\u00fcrgermeister von Konstanz\u00b2). Nach \u00fcber vier Jahrhunderten bekamen Hus und Hieronymus endlich ihr Denkmal, und trugen mit der Neukonnotierung auch zum europ\u00e4ischen politischen Fortschritt bei.<\/p>\n<h2>Der Stein heute<\/h2>\n<p>Tschechische Auslandsvereine freuten sich \u00fcber die Ehrung ihres Vorfahren so sehr, dass kleinere und gr\u00f6\u00dfere Besuche und Pilgerfahrten an den Hussenstein organisiert wurden. Bis heute ist die posthume Anerkennung von Hus\u2019 Bem\u00fchungen ein gro\u00dfer Teil des tschechischen Nationalstolzes, was gerade in den Jahren des Konzilsjubil\u00e4ums zu weiteren k\u00fcnstlerischen Gedenkorten f\u00fchrte, auch wenn die Pilgerfreude hierher abgenommen hat. Aber nicht alle sind mit dem Hussenstein gl\u00fccklich, vereinzelte Stimmen zum Beispiel der alteingesessenen Familie Gebauer zeigen sich entt\u00e4uscht \u00fcber die Unterw\u00e4ltigkeit des Denkmals angesichts Hus\u2019 europ\u00e4ischem M\u00e4rtyrerstatus.<\/p>\n<p><em><span style=\"font-size: 14px;\">\u00b9Das behauptet jedenfalls die Stadt Konstanz auf ihrer Website. S\u00fcdkurier spricht von 35 Tonnen. Laut des deutschen Zollvereins ist jedoch seit 1858 ein Zentner als 50kg festgelegt, was den Stein 17,5 Tonnen schwer machen w\u00fcrde. Andere Quellen sprechen von \u2018nur\u2019 wenigen Hundert Kilo Gewicht. Die zeitliche N\u00e4he der Normierung des Zentners und Aufstellung des Steins wirft aber auch eine pr\u00e4-normierte Verwendung von \u201cZentner\u201d in den Raum. Eigentlich hat also keiner wirklich eine Ahnung wie schwer das Ding ist.<\/span><\/em><\/p>\n<p><em><span style=\"font-size: 14px;\">\u00b2Wer jetzt denkt \u201cMoment, den Namen Stadler hab ich doch schonmal geh\u00f6rt\u2026\u201d: Die erste Druckerei des Verlages Stadler war im gleichnamigen Stadlerhaus, das am 25. Juli 2024 Feuer fing und dadurch f\u00fcr Schlagzeilen sorgte. Seitdem werden die teilweise bereits sanierten R\u00e4umlichkeiten f\u00fcr Ausstellungen genutzt. Aber auch f\u00fcr die sch\u00f6ne Jugendstilarchitektur lohnt sich ein Besuch!<\/span><\/em><\/p>\n<p>Unser zweiter Stopp im n\u00e4chsten Beitrag f\u00fchrt uns gen Osten auf den Stephansplatz, wo wir auf der S\u00fcdwand des B\u00fcrgersaals eine Installation erblicken, die eigentlich seit 2018 wieder abgebaut werden sollte: \u201cWahrheit\u201d. Es empfiehlt sich, an sonnigen Tagen dorthin zu gehen, vielleicht ja sogar im Juni oder Juli. Durch einen kurzen Einblick in Hus\u2019 Lehren erhalten wir verschiedene Perspektiven auf Wahrheit, die das Kunstwerk in Perspektive r\u00fcckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso ein 600 Jahre alter Tscheche f\u00fcr uns relevant ist, und wie wir daf\u00fcr k\u00e4mpfen mussten Das \u00e4lteste der Hus-Denkm\u00e4ler in Konstanz ist der Findling, der den Ort der Verbrennung [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":52,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_stc_notifier_status":"sent","_stc_notifier_sent_time":"2026-02-22 13:20:54","_stc_notifier_request":false,"_stc_notifier_prevent":false,"_stc_subscriber_keywords":"","_stc_subscriber_search_areas":"","footnotes":""},"categories":[1,2,110,5,113],"tags":[],"class_list":{"0":"post-1143","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"hentry","6":"category-allgemein","7":"category-deutsch","8":"category-kulturell","9":"category-kunst-architektur","10":"category-kunst-im-oeffentlichen-raum","12":"no-featured-image"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/users\/52"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1143"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1151,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1143\/revisions\/1151"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}