{"id":1082,"date":"2026-01-18T12:00:04","date_gmt":"2026-01-18T11:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/?p=1082"},"modified":"2026-01-17T14:15:07","modified_gmt":"2026-01-17T13:15:07","slug":"lyrik-am-bodensee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/kws\/2026\/01\/18\/lyrik-am-bodensee\/","title":{"rendered":"Lyrik am Bodensee"},"content":{"rendered":"<p>Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdr\u00fccke gef\u00fchrt hat. Man gibt sich etwas Innigem hin \u2013 offenbar getragen von der Wirkkraft des Bodensees.<\/p>\n<p>Da verweilen die Dichtenden nun am Ufer des Sees, schauen in die Ferne und versp\u00fcren eine gewisse Regung<em>: <\/em>vielleicht Melancholie, vielleicht Gelassenheit oder vielleicht Wanderlust? Diese Vielzahl an Empfindungen sind es, die die Lyrik in ihrer Variation aufnimmt und verarbeitet. In Gedichten, die den Bodensee thematisieren wird deutlich, welch zahlreiche poetische Optionen erm\u00f6glicht werden im Umgang mit einer einzigen Kulisse. Zugleich laden sie dazu ein, beim n\u00e4chsten Spaziergang die Umgebung mit anderen Akzenten zu erfassen. So bewegt man sich mit offenen Augen, schreibend &#8211; oder so wie wir heute lesend &#8211; um den Bodensee.<\/p>\n<h4>Erika Burkart <em>Der Tisch \u2013 In einem alten Meersburger Garten<\/em><\/h4>\n<p>Wie viel erz\u00e4hlt ein verlassener Tisch im alten Meersburger Garten? Retrospektiv stellt sich diese Frage, die im Aargau geborene Schriftstellerin Erika Burkart. In pointierter, von einem Hauch Wehmut durchzogener Sprache erz\u00e4hlt uns die Autorin von einem &#8211; der Natur zum Opfer gefallenen &#8211; einsamen Tisch. Noch tr\u00e4gt er fl\u00fcchtige \u00dcberbleibsel einer vorausgegangenen Sommerszene, ehe sich die Menschen schlie\u00dflich in den Winter verabschiedeten.<\/p>\n<p>Erika Burkart selbst l\u00e4sst uns daran teilhaben:<\/p>\n<blockquote><p>Umrankt ihn, Efeu und Winden,<\/p>\n<p>den alten rostigen Gartentisch,<\/p>\n<p>mit Bl\u00e4ttern deckt, schatten-<\/p>\n<p>und sonnengoldgr\u00fcnen,<\/p>\n<p>das fleckige Weinrot,<\/p>\n<p>bis man vergi\u00dft<\/p>\n<p>hier<\/p>\n<p>ist ein Tisch,<\/p>\n<p>sa\u00dfen Menschen<\/p>\n<p>reichten sich \u00fcber das Tuch<\/p>\n<p>Tee und Geb\u00e4ck<\/p>\n<p>schauten sich unter die Wimpern<\/p>\n<p>sprachen vom Sommer<\/p>\n<p>schwiegen \u2013<\/p>\n<p>r\u00e4umten ab und gingen<\/p>\n<p>jeder in seinen<\/p>\n<p>eigenen Winter.<\/p><\/blockquote>\n<h4>Richard Dehmel\u00a0<em>Konstanz<\/em><\/h4>\n<p>Hier am Bodensee verursachen selbst die hochverehrten Komponisten zu viel Krach. Dies bringt uns der Schriftsteller Richard Dehmel auf einer feinsinnigen und verspielten Art und Weise n\u00e4her: Da m\u00f6chte man sich in der mystischen und gelassenen Landschaft des Sees niederlassen, doch diese Begierde wird gebrochen, durch keinen geringeren als Ludwig van Beethoven!<\/p>\n<p>Richard Dehmel selbst dazu:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left\">Im offenen Garten ist Konzert am See,<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">der Geist Beethovens schwebt von Stern zu Stern;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">tief unter Br\u00fccken schweigt die Wasserfee,<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">hoch \u00fcber T\u00fcrmen schweigt der Alpenschnee,<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">schweigt Stern bei Stern, schweigt wie seit je;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">und immer noch Konzert, Konzert am See \u2013<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">O Beethoven, wozu der L\u00e4rm?! \u2013<\/p>\n<\/blockquote>\n<h4>Elisabeth Borchers <em>Sp\u00e4ter Nachmittag<\/em><\/h4>\n<p>K\u00f6nnte der Bodensee sprechen, was w\u00fcrde dieser von sich geben: ein Kichern, ein Seufzen, ein Lachen? Die Varianten aller M\u00f6glichkeiten lassen die Fantasie nicht m\u00fcde werden, doch nach der Schriftstellerin Elisabeth Borchers w\u00e4re es dies: ein Lockruf. Ersch\u00f6pft von der Sommerhitze ruht man tr\u00e4ge \u2013 Stunde um Stunde \u2013 bis in Windeseile eine Einladung her\u00fcberrascht und der See sein Verlangen nach Zweisamkeit ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Elisabeth Borchers schreibt:<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: left\">Des Sommers m\u00fcde<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">ruht ohne St\u00f6rung<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">bis fern<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">teilnehmend am Horizont<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">diesem Fu\u00dfpfad hin\u00fcber<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">der See<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">und l\u00e4dt ein<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">\u00fcbers Wasser zu gehen<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>So wurden aus Empfindungen Gedanken, aus Gedanken Worte, und aus diesen Worten verwandelt sich ein wei\u00dfes Blatt in ein Gedicht. Der Bodensee verf\u00fchrt dazu, sich der Offenheit seiner Pr\u00e4senz hinzugeben und vielleicht findet sich unter den Lesenden die n\u00e4chste Person, welche ein Zeichen der Zuneigung dem Bodensee vermitteln m\u00f6chte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahrhunderten ist der Bodensee ein prominentes Motiv in der Dichtung und zeugt von einer Quelle der Inspiration, die dutzenden Dichter*innen ins Reich der sprachlichen Ausdr\u00fccke gef\u00fchrt hat. 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