{"id":1108,"date":"2023-12-04T15:23:14","date_gmt":"2023-12-04T14:23:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/?p=1108"},"modified":"2023-12-04T15:24:27","modified_gmt":"2023-12-04T14:24:27","slug":"bachelorarbeit-jean-baptiste-bertrands-ophelia-die-autopsie-eines-mythos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/bachelorarbeit-jean-baptiste-bertrands-ophelia-die-autopsie-eines-mythos\/","title":{"rendered":"Bachelorarbeit: Jean-Baptiste Bertrands Ophelia: Die Autopsie eines Mythos"},"content":{"rendered":"<h4>Ein Abstract zur Bachelorarbeit von Emma Bohn<\/h4>\n<p>Ophelia ist eine der bekanntesten Frauenfiguren aus William Shakespeares \u0152uvre und entwickelte sich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auch zu einem beliebten Sujet der Maler des Fin de Si\u00e8cle. Als charakteristischer Darstellungsmoment etablierte sich dabei der tragische Wassertod der Figur, welcher textuell nur indirekt und ambig \u2013 wahlweise als Unfall oder Suizid interpretierbar \u2013 \u00fcberliefert wurde, weshalb die visuelle Repr\u00e4sentation dieses Schl\u00fcsselmoments die Vorstellung Ophelias im kulturellen Ged\u00e4chtnis bis heute ma\u00dfgeblich pr\u00e4gt. Bedeutende K\u00fcnstler wie Eug\u00e8ne Delacroix oder John Everett Millais konstruierten mit ihren Opheliendarstellungen den Mythos einer \u00e4therischen jungen Sch\u00f6nheit, die im Moment ihres Todes zur unschuldigen femme fragile idealisiert wird. Dabei ger\u00e4t die ambivalente Charakterisierung Ophelias aus dem Ursprungstext <em>Hamlet<\/em>, in dem sie durch zweideutige Formulierungen stets zwischen dem Archetyp der femme fragile und dessen Pendant, der femme fatale, oszillierte, zunehmend in Vergessenheit.<\/p>\n<p>Diese k\u00fcnstlerische \u201aVerharmlosung\u2018 Ophelias geht ikonografisch mit einer \u00e4sthetisierten Darstellung ihres Leichnams einher, der durch die tr\u00e4umerisch-entr\u00fcckten Gesichtsz\u00fcge zumeist nicht unmittelbar als solcher zu erkennen ist, sondern auch als noch lebendiger K\u00f6rper gelesen werden kann. Die Opheliendarstellung des franz\u00f6sischen Malers Jean Baptiste-Bertrand aus dem Jahr 1872 bricht mit dieser Tradition, da seine Ophelia nicht als zweideutig zwischen Tod und Traum oszillierend, sondern als unmissverst\u00e4ndlich toter K\u00f6rper inszeniert wird. Aufgrund dieses Bruchs mit der konventionellen Ikonografie Ophelias stellte sich im Rahmen dieser Abschlussarbeit die Frage, ob dadurch die einseitige Mythologisierung der Figur als tragische femme fragile potenziert oder gest\u00f6rt wird. In einem interdisziplin\u00e4ren Analyseansatz wurden hierzu die kultursemiotischen \u00dcberlegungen Roland Barthes zur Mythenbildung als theoretische Basis f\u00fcr die aspektgeleitete Analyse des Werks angewendet. Barthes geht davon aus, dass dem zu mythologisierende Gegenstand zun\u00e4chst seine urspr\u00fcngliche Bedeutung und sein historischer Kontext entzogen wird, um in seiner daraus resultierenden sinnentleerten Form dann in einem zweiten Schritt mit neuer Bedeutung angef\u00fcllt zu werden. Das Ergebnis dieses Umkodierungsprozesses ist ein vermeintlich \u201anat\u00fcrlicher\u2018, tats\u00e4chlich aber hochgradig konstruierter Mythos. Dieser Logik folgend postuliert die der Arbeit zugrundeliegende These, dass Jean-Baptiste Bertrand in seinem Gem\u00e4lde <em>Ophelia<\/em> die titelgebende Figur ihrer literarischen Komplexit\u00e4t beraubt, um das im Fin de Si\u00e8cle gesellschaftlich konstruierte Ideal der Frau als jungfr\u00e4uliche femme fragile zu naturalisieren. Dabei reizt er auf formal\u00e4sthetischer Ebene die Grenzen des \u00e4sthetisierten Todes aus, wobei ebendiese gesteigerte Morbidit\u00e4t der Figur schlussendlich ihre Mythologisierung potenziert.<\/p>\n<p>Zur \u00dcberpr\u00fcfung dieser Annahme wurde zun\u00e4chst die Sinnentleerung der Figur durch ihre Isolierung aus dem narrativen Kontinuum der Trag\u00f6die zugunsten der singul\u00e4ren Momentaufnahme ihres Leichnams in der k\u00fcnstlerischen Darstellung begr\u00fcndet. Die nachfolgende Analyse befasste sich darauf aufbauend mit der mythoskonstituierenden Aufladung der nun als sinnentleert etablierten Ophelia. Dazu wurde das Potenzial spezifischer Darstellungsaspekte als Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr historische Weiblichkeitsentw\u00fcrfe des Fin de Si\u00e8cle aufgezeigt. Die im Zuge dessen herausgearbeiteten Bedeutungszuschreibungen umfassen Ophelia als dem Wasser gleiches, instabiles Gef\u00fchlswesen; Ophelia als durch die Wassertaufe im Tod sakralisierte Maria Magdalena; Ophelia als das viktorianische Weiblichkeitsideal der tugendhaften Selbstaufopferung sowie Ophelia als nekrophiles Lustobjekt. Die ostentative Leblosigkeit in der Darstellung der Figur unterst\u00fctzt diese Weiblichkeitskonstruktionen. So betont die absolute Negierung der Handlungsmacht Ophelias im Tod die Attribute Passivit\u00e4t und Schw\u00e4che, welche sich als Konstanten durch ebendiese Weiblichkeitskonstruktionen ziehen. Ferner erleichtert der Umstand des Todes, der mit einem Pers\u00f6nlichkeitsverlust beziehungsweise der Reduzierung der Verstorbenen auf eine leblose \u201aH\u00fclle\u2018 einhergeht, den Aspekt der Sinnentleerung, indem er problemlos Zuschreibungen von au\u00dfen zul\u00e4sst. Folglich best\u00e4tigte sich in der Analyse die eingangs aufgestellte These, da sich zeigte, wie die unmissverst\u00e4ndliche Kenntlichmachung Ophelias als Leichnam bei Bertrand sie auf perfide Weise zur ultimativen Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr eine der femme fragile entsprechenden Vorstellung passiver, tugendhafter und engelsgleicher Weiblichkeit machte.<\/p>\n<div id=\"attachment_1109\" style=\"width: 810px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1109\" class=\"size-full wp-image-1109\" src=\"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/12\/Bertrand_Ophelia.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/12\/Bertrand_Ophelia.jpg 800w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/12\/Bertrand_Ophelia-300x144.jpg 300w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/12\/Bertrand_Ophelia-768x370.jpg 768w, https:\/\/www.lkm.uni-konstanz.de\/facetten\/wp-content\/uploads\/sites\/3\/2023\/12\/Bertrand_Ophelia-508x244.jpg 508w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><p id=\"caption-attachment-1109\" class=\"wp-caption-text\">Jean-Baptiste Bertrand: Ophelia, 1872, \u00d6l auf Leinwand<br \/>Bildquelle: flickr, Benutzer Gandalf&#8217;s Gallery, CC Creative Commons Lizenz, <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/gandalfsgallery\/43061965234\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zur Datei auf flickr<\/a><\/p><\/div>\n<p class=\"LKM-Bio\">Im Zuge ihres Bachelorstudiums befasste sich Emma Bohn vorrangig mit Fragestellungen der Geschlechterrepr\u00e4sentation in der Kunst, wobei sie sich in dieser Hinsicht insbesondere f\u00fcr das Fin de Si\u00e8cle sowie die Fr\u00fche Neuzeit interessierte. Nach dem Abschluss ihres Bachelors im Fr\u00fchjahr 2023 mit der in diesem Artikel vorgestellten Arbeit studiert sie aktuell im konsekutiven Masterstudiengang weiterhin Literatur-Kunst-Medien an der Universit\u00e4t Konstanz. Ihren Schwerpunkt hat sie dabei auf die Kunstwissenschaft gelegt, aktuell arbeitet sie jedoch an einer medienwissenschaftlichen Analyse der M\u00e4nnlichkeitsrepr\u00e4sentation im kannibalistischen Horrorfilm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Abstract zur Bachelorarbeit von Emma Bohn Ophelia ist eine der bekanntesten Frauenfiguren aus William Shakespeares \u0152uvre und entwickelte sich ab der Mitte des 19. 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